Frank Stauss: Höllenritt Wahlkampf

Ein Insider-Bericht

Frank Stauss und Klaus Wowereit, Wahlkampf 2011

»Dramen, Euphorie, Panik, gescheiterte Strategien, Beinahe-Katastrophen und Lucky Punches im ewigen Krimi zwischen Macht und Untergang – in zwei Jahrzehnten habe ich an über zwanzig Wahlkämpfen mitgewirkt und jetzt ein Buch darüber geschrieben, was hinter den Kulissen geschieht.« Frank Stauss

Im Interview spricht Frank Stauss über die größten Klischees und Vorurteile rund um das Thema Wahlkampf, die Strategie von Angela Merkel und Peer Steinbrück im Wahljahr 2013 und sein Buch ›Höllenritt Wahlkampf‹.

Sie gestalten seit über 20 Jahren Wahlkämpfe. Wie kamen Sie dazu?

Frank Stauss: Höllenritt WahlkampfTja, wenn ich das wüsste hätte ich mich behandeln lassen. Ich kann mich nur erinnern, dass mich Wahlkämpfe immer so fasziniert haben, wie andere Fußballspiele. Schon als Kind habe ich die Aufkleber der Parteien gesammelt.
Dann habe ich das später so weit es ging studiert, landete über ein Stipendium erst in Washington, dann bei Al Gore im Senat und dann in der Clinton/Gore Kampagne.
Seit 1993 betreue ich Wahlkampagnen als Beruf.

 

 

Sie sagen selbst über Ihre Tätigkeit als Wahlkämpfer »Ich liebe es, ich hasse es.«  Was hassen und was lieben Sie an Wahlkämpfen?

Ich liebe das Tempo, das Adrenalin, die Präsenz der Kampagnen im Straßenbild, das Zusammenspiel von Politik, Marketing, PR, Medien, das Drama, die Überraschungen. Und ich hasse vor allem den Wahltag und diese Ohnmacht, dass man jetzt nicht mehr tun kann, als zu warten. Warten ist nicht meine Stärke.

Beim Thema Wahlkampf sind Experten schnell zu Stelle: Gestik, Krawattenfarbe, Frisur – alles wird kommentiert und analysiert. Was sind die größten Klischees und Vorurteile rund um das Thema Wahlkampf?

Das größte Klischee ist, dass alle diese Faktoren schon irgendeine Wahl entschieden hätten und die Politiker nur noch Marionetten von PR-Beratern und Stylisten seien. Die Kandidaten mit denen ich bisher arbeitete, konnten sich alle schon seit früher Kindheit alleine anziehen. 

Was sind die größten Fehler, die bei Wahlkämpfen gemacht werden?

1. Der Kandidat muss sein Team selbst zusammenstellen – denn er braucht absolute Vertrautheit. Er darf es sich nicht aufdrücken lassen.

2. Man darf nicht nach Umfragen schielen und dann seine Politik danach ausrichten. Im Gegenteil: Man muss nach Wegen suchen, wie die eigene Überzeugung zur Mehrheitsmeinung wird. Sonst wird man zum Fähnchen im Wind dem keiner glaubt.

Was führt eine politische Kampagne zum Erfolg?

Eine Kampagne muss den Menschen eine klare politische Orientierung bieten, glaubwürdig zu Kandidat und Partei passen und dann konsequent auf Kurs bleiben. Nerven behalten. 

In ›Höllenritt Wahlkampf‹ gewähren Sie dem Leser einen Blick hinter die Kulissen von Wahlkämpfen. Auf was dürfen sich die Leser freuen?

Auf viele Beobachtungen aus über zwei Jahrzehnten Wahlkampf und als Höhepunkt auf das Tagebuch einer der dramatischsten Schlachten in der Geschichte der Bundesrepublik: Schröder gegen Merkel 2005. Ein ziemlich schonungsloses Tagebuch – auch zu mir.

Der Start von Hoffnungsträger Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat der SPD ist ja mehr als holprig gewesen. Was ist hier schief gegangen?

Vieles. Vor allem scheinen mir die Verantwortlichen in der Wahlkampfzentrale überhaupt nicht vorbereitet gewesen zu sein. Obwohl seit Monaten klar war, dass entweder Gabriel, Steinmeier oder Steinbrück Kandidat würden. Da müssen drei fertige Drehbücher in der Schublade liegen und wenn der Tag kommt, muss das durchgezogen werden. Und zwar von der ersten Pressekonferenz an. Die Fehler am Anfang waren in weiten Teilen vermeidbar und hausgemacht. 

Wodurch zeichnet sich die Ausgangssituation im Wahljahr 2013 aus und was können wir daher vom Wahlkampf 2013 erwarten?

Ein Wahlkampf ist ein Termingeschäft. Höchst spekulativ. Alles muss auf den einen Tag im September zielen und dann muss der Schuß sitzen. Nicht eine Woche zu früh – und nicht eine Woche später. In dieser Kampagne steckt noch viel Musik und die entscheidende Frage wird sein: Wollen die Deutschen Merkel und ihren Kurs des vorsichtigen, weitgehend ruhigen und entscheidungsfreien sich Treiben-Lassens. Oder wollen Sie einen neuen Aufbruch, klare Kante und klare Entscheidungen. Am Ende geht es um Stimmungen, nicht um Inhalte.

Das Interview führte Marianne Bohl, dtv

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