Jussi Adler-Olsen

Während mit ›Erbarmen‹ gerade Ihr erster Krimi auf Deutsch erschienen ist, feiern Sie in Dänemark große Erfolge mit dem bereits dritten Fall für Carl Mørck. Wird es nun pro Jahr einen Carl-Mørck-Krimi geben?
Absolut: Wenn alles läuft wie geplant, werden Sie in den kommenden Jahren weder auf Carl Mørck noch auf seinen Kollegen Assad verzichten müssen.

Und haben Sie Ihre Krimi-Reihe auf eine bestimmte Bücherzahl angelegt?
Ich bin kein Fan von offenen Enden; daher hatte ich von Anfang an die komplette Geschichte meiner beiden Hauptfiguren im Kopf. Ich werde sie voraussichtlich in mehr als acht, aber weniger als zwölf Romanen erzählen. Vielleicht entwickeln die Spezialermittler im Sonderdezernat Q aber auch ein Eigenleben, so dass sich die fortlaufende Handlung verändert. Man weiß nie. Ich könnte auch meine Leser fragen, was sie sich wünschen …

Bauen die einzelnen Carl-Mørck-Romane aufeinander auf, oder kann man auch quereinsteigen?
Um der fortlaufenden Handlung in allen Details folgen zu können, muss man jede Episode kennen. Alle zusammen ergeben dann die wahre Geschichte von Carl und Assad. Sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen ist nicht zwingend notwendig, macht aber sicher mehr Spaß.   

Sie haben Medizin, Soziologie, politische Geschichte und Film studiert und in verschiedenen Berufen gearbeitet, bevor Sie 1997 Ihren ersten Roman, 2003 Ihren ersten Krimi und 2007 den ersten Fall für Carl Mørck veröffentlichten. Wie sind Sie zum Schreiben und wie zum Krimi gekommen?
Ich lese leidenschaftlich gern Zeitung, höre Radio, sehe fern und habe dabei offenbar eine Fantasie, die sich an ganz bestimmten Themen entzündet. Oft inspirieren mich vor allem die kleinen, unscheinbaren Nachrichten, die man schnell überliest. Dabei können genau diese die Welt schon morgen verändern – und den besten Stoff für Thriller abgeben. Außerdem ist Schreiben der beste Job der Welt. Sie sehen: Es gibt einige Gründe.

Die Deutschen sind der sogenannten Nordic Crime Wave verfallen: Wir lieben Kriminalromane aus Skandinavien. Warum brillieren die Skandinavier ausgerechnet in diesem Genre?
Wenn es eine einfache Formel gäbe, würde sie weltweit kopiert werden. Schlechtes Wetter und eisige Kälte fesseln uns ein halbes Jahr lang ans Haus. Vielleicht führen wir einfach die Tradition des Storytelling während dieser dunklen Monate fort, angereichert mit einer Prise Ironie und zwei Prisen Humor – die nordischen Sagen unserer Tage sozusagen. Vielleicht tragen wir alle das Erbe des unvergleichlichen Schriftstellerehepaars Sjöwall and Wahlöö in uns. Vielleicht ist es auch reiner Zufall.

Sie verstehen und sprechen Deutsch. Haben Sie sich mit Ihrem Übersetzer Hannes Thiess während seiner Arbeit an ›Erbarmen‹ ausgetauscht?
Das hätte ich sehr gerne, aber dieser fantastische Übersetzer hat meine Hilfe kein einziges Mal benötigt! Ich habe einen Teil der deutschen Übersetzung gelesen und bin sehr glücklich, weil Hannes Thiess die Atmosphäre und den Ton der Geschichte perfekt getroffen hat.

Ihr Ermittler Carl Mørck wird von seinen Vorgesetzten ins eigens eingerichtete Sonderdezernat Q abgeschoben. Gibt es bei der Kopenhagener Polizei ein Vorbild für diese Abteilung?
Tatsächlich gibt es dort kein Sonderdezernat für ungelöste Fälle. Ein paar gute Freunde und Bekannte bei der Polizei haben mir aber verraten, dass sie eine vergleichbare Abteilung durchaus sinnvoll fänden …

Sie haben lange in Ihrer Geburtsstadt Kopenhagen gelebt und wohnen heute 35 Kilometer entfernt in einem Außenbezirk. Wie wichtig ist Ihnen die Stadt für Ihre Krimis?
Es gibt wunderbare Schauplätze in Kopenhagen, doch mich interessieren eher  ungewöhnliche und eigenwillige Orte. Die gibt es überall, auch in Deutschland. Vielleicht verschlägt es Carl Mørck ja mal nach Albersdorf in Schleswig-Holstein, wo meine Vorfahren gelebt haben. Genauso gut kann ich mir eine Geschichte über deutsche Flüchtlinge in Dänemark nach 1945 vorstellen. Oder ich schreibe über einen Bettler in Madrid. Die Story gibt den Ton an – und entscheidet über den Ort.

Würden Sie Ihren deutschen Lesern schon ein bisschen über Carl Mørcks nächsten Fall verraten?
Stellen Sie sich eine Stadtstreicherin vor, die von einem einzigen Gedanken beherrscht wird: Sie möchte sich an einer Gruppe sehr einflussreicher Männer rächen, die himmelschreiende Ungerechtigkeit und Gewalt auf sie ausgeübt haben. Und stellen Sie sich vor, dass diese Männer das sehr genau wissen und mit allen Mittel verhindern wollen. Sie haben viel Schuld auf sich geladen: Grausame Morde und Übergriffe gehen auf ihr Konto. Carl Mørck and Assad kommen der Gruppe immer näher – vielleicht sogar zu nah …

Tina Rausch

Ein Kommentar zu “Jussi Adler-Olsen

  • 10. November 2009 um 08:40
    Permalink

    Ich lese gerade „Erbarmen“ und bin sehr gespannt auf das Ende dieser Geschichte. Seit langem einmal wieder hat mich ein skandinavischer Thriller derart gefesselt, dass ich das Buch nur sehr ungern aus der Hand lege. Und ich lese (fast) ausschließlich nordische Krimis! Jussi Adler-Olsen hat mit Carl und Assad ein ganz eigenes, sehr spezielles Ermittlerteam geschaffen, für das meine Sympathie von Seite zu Seite wächst. Der Fall an sich ist spannend aufgebaut und in sich sehr schlüssig – und steckt voller Überraschungen! Vielen Dank für eine derart gute und niveauvolle Unterhaltung – ich hoffe, der nächste Band lässt nicht allzu lange auf sich warten!

    Antwort

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.