Interview

header_magazin3

Ein Gespräch mit Jorun Thørring
von Liz Buer, in Dagens Næringsliv, 14.10.2006

»Glaspuppen« spielt im universitären Milieu in Tromsø, in den Hauptrollen Ärzte, Pathologen, Psychologen und sexy Studentinnen, die Rechte sind nach Dänemark, Schweden, Deutschland und in die Niederlande verkauft und eine dänische Filmgesellschaft erwägt, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Im Buch stellen junge Mädchen Nacktfotos von sich ins Internet und fordern damit einen gestörten Mörder heraus.

„Die Idee dazu kam mir, als ich in der Zeitung von Studentinnen las, die hier in Trondheim Geld mit solchen Nacktfotos verdienen“, berichtet Jorun Thørring.

Der Fluss Nidelv strömt ruhig an dem Haus vorbei, in dem sie ihre Arztpraxis hat. Auch ihr Leben strömte ohne weitere Hindernisse dahin – Ehemann, vier Kinder, Karriere. Und sonst? Die Tage glichen sich. Sie brauchte etwas, aber das sei keine klassische Midlife-Krise gewesen.

„Es war ja nicht so, dass ich auf die 50 zuging und Panik bekam. Aber im Beruf musst du stark sein. Als Gynäkologin hast du viel Verantwortung und stehst dauernd unter Druck. Das ist ein Job, bei dem du ständig Gefahr läufst, angeklagt zu werden. Außerdem beruht alles, was du tust, auf etablierten Wahrheiten, und für alles gibt es Vorschriften, wie du die Dinge zu tun hast. Schreiben ist da etwas ganz anderes. Ich schrieb gegen den Burnout an“, sagt Jorun Thørring.

Jorun Thørring ist eine lebhafte Frau, recht klein, ihr Haar gleicht einem Helm aus kurzen dunklen Locken. Sie genießt ein Stück Torte, auch wenn Paris, wo ihre Lieblingskonditorei liegt, weit weg ist. In der französischen Hauptstadt wurde sie inspiriert zu ihrem hoch gelobten Krimidebüt »Schattenhände«, das 2005 erschien. Für den zweiten Roman hat sie die Figur eines samischen Kriminalbeamten in Tromsø erfunden, Aslak Eira, ein alleinerziehender Vater. Aber niemand, absolut niemand aus ihrer Nähe, ahnte vor vier, fünf Jahren, dass sie schrieb.

„Ich schrieb nur so. Die Familie glaubte vermutlich, dass ich Artikel oder Beiträge vorbereitete, wie Ärzte das oft tun. Ich wusste ja nicht, ob ich schreiben kann. Aber es machte mir Freude, es war wie ein Auftanken.“

„Aber wann hast Du dafür die Zeit gefunden?“

„Die Kinder sind inzwischen groß und viel unterwegs. Mein Mann, er ist Internist, hat zu unterschiedlichsten Zeiten Dienst. Ich schrieb, wenn sie nicht da waren. Außerdem habe ich aufgehört, fernzusehen. Norweger zappen drei bis vier Stunden jeden Tag.“

Aber wer Jorun Thørring kennt, weiß, dass sie, wenn sie sich etwas vorgenommen hat, es auch durchzieht. Deshalb fuhr sie mit 17 nach Paris und blieb als Aupair drei Jahre dort. Das Abitur machte sie dann privat nach und begann anschließend mit dem Medizinstudium. Sie wollte vier Kinder haben, und die bekam sie auch, innerhalb von viereinhalb Jahren.

„Wir hatten jeden Tag volle Mülleimer. Wir funktionierten via Autopilot, aber das Ende war ja abzusehen, das wussten wir doch. Das war eine Phase im Leben.“

Nicht nur, dass sie Durchsetzungsvermögen hat, sie ist auch unerschrocken. Das hatte sie während des Medizinstudiums in Tromsø bewiesen, nie bestanden Zweifel an dem, was sie meinte, und in Diskussionen behielt sie immer das letzte Wort. Damals wurde das Rauchergesetz eingeführt. Thørring war diejenige, die vergessliche Professoren zurechtwies. Jetzt merkt sie, dass ihr die zunehmende Bekanntheit auch zu Hilfe kommen kann. Denn es sei bei Frauen genau so wie bei Homosexuellen und jugendlichen Migranten:

„Frauen meines Alters brauchen Rollenmodelle! Das größte Problem für uns Frauen ist, dass wir uns oft dumm und unbedeutend finden und dass wir uns schnell zurückziehen. Da müssen dann welche gegenhalten, und mit 50 ihr Debüt abliefern“, sagt die Krimiautorin.

Als ihr der Fotograf schmeichelt, indem er mindestens zehn Jahre weniger vermutet, jubelt sie. Während des Medizinstudiums fiel es ihren Kommilitonen schwer, ihr eine Bitte abzuschlagen.

„Hast du viele Krimis gelesen?“

„Nein. Ich verliere sehr schnell die Geduld. Es gibt viele schlechte Krimis. Aber ich mag die gute alte Agatha Christie oder Ruth Rendell.“

„Wie sieht es mit den heimischen Krimiköniginnen aus?“

„Ich habe etwas von Unni Lindell gelesen und von Anne Holt. Die meisten Gemeinsamkeiten habe ich wohl mit Anne Holt. Das hat wohl mit der Art der Nordnorweger zu tun – die haben eine große Klappe. Der Verlag hat mich gebeten, nicht zu energisch aufzutreten, wozu ich ja tendiere“, lächelt Thørring.

Im letzten Jahr erklärte sie zum Beispiel, das Konzept von Krimis mit versoffenen Ermittlern sei jetzt verbraucht, und sie wolle etwas anderes tun. Da bekam sie zu hören, dass sie mit solchen Aussagen etablierte Autoren kränken könne.

„Wenn du Anfänger bist, wirkt es einfach dumm, so zu reden. Das klingt dann etwa so wie bei diesem jungen Schriftsteller, der sagte, Frauen könnten keine guten Bücher schreiben. Das sagt am meisten über den aus, der so redet.“

Jorun Thørring hatte also alles. Familie, angesehenen Beruf, angenehme ökonomische Verhältnisse. Nun wird sie gefragt, ob sie ihre Stelle als Gynäkologin aufgeben will, da ihr wenig Freizeit zum Schreiben bleibt.

„Im Schreiben liegt doch auch eine Art Protest. Mir begegnen so viele Frauen, die ab einem bestimmten Alter resigniert, deprimiert, verbraucht, krankgeschrieben sind. Wenn du die 40 überschritten hast, landest du gewissermaßen in der Gebrauchtwarenabteilung. Unsere Gesellschaft ist so eingestellt, dass Jugend und Schönheit verherrlicht werden. … Man muss seine Möglichkeiten ausloten!“

„Versuchst du, diese Botschaft an deine Patienten weiterzugeben?“

„Unbedingt! Wenn du in eine neue Lebensphasen kommst, wenn die Kinder groß sind und du noch etwas Pepp hast: Mach dich auf und tu etwas, was du noch nie getan hast!“

Thørring fürchtet, als erfolgreich abgestempelt zu werden, nachdem sie sich auch als Autorin etablieren konnte. „In Wahrheit haben doch alle, auch die man als erfolgreich ansieht, Zeiten, wo sie niedergeschlagen sind. Der Punkt ist einfach der, dass du nicht deshalb etwas erreichst, weil du erfolgreich bist, sondern weil du den Willen dazu hast.“

„Viele, wenn sie erst mal fünfzig und darüber sind, beginnen zu reisen, Kreuzfahrten oder Weintouren an die Mosel?“

„Das ist ein bisschen zu passiv, finde ich. Fahrt lieber mit einem Skizzenblock an die Mosel“, verkündet Thørring, die behauptet, sie sei phasenweise faul. Dann sitzt sie nur da, starrt die Wand an und denkt. Oder hört Musik.

„Beim Schreiben, werden dann negative Seiten von dir lebendig?“

Die Krimiautorin lächelt. „Wenn du den ganzen Tag lang zuvorkommend und höflich sein musst, und wenn du vielleicht einiges runterschlucken musstest, dann tut es gut, sich abends an den Computer zu setzen und jemand umzubringen.“

„Ähnelt eines der Mordopfer vielleicht einer deiner Patienten?“

Die Gynäkologin zögert. „Kein Kommentar!“

Das Interview wurde übersetzt von Sigrid Engeler.