Denis Thériault

Sie haben als Schauspieler, Theaterregisseur und Conférencier gearbeitet, bevor Sie als Drehbuchautor und Schriftsteller tätig wurden. Fehlt Ihnen manchmal die Bühne, die unmittelbare Reaktion des Publikums?

Ja, manchmal fehlt mir der unmittelbare, sinnliche und emotionale Kontakt mit einem Publikum. Wenn man einen Roman schreibt, dann ist man in gewisser Weise sehr allein. Man ist sein eigenes und einziges Publikum und hat nur sich selbst zur Gesellschaft (was nicht immer der beste Umgang für einen ist – und auch nicht der nachsichtigste).
Meine Leser treffe ich nur selten. Wenn das geschieht, dann findet die Begegnung in einem Literaturhaus oder auf einer Buchmesse statt – das Schreiben des Buches, die Veröffentlichung, die Kommentare und Rezensionen liegen dann schon eine Weile zurück, oft sogar Jahre. Wenn dann dieses späte Feedback kommt, ist schon eine Distanz zwischen meinen Büchern und mir selbst entstanden. Es ist dann für mich nicht ganz leicht, mich mit dem Enthusiasmus eines Lesers zu identifizieren, der gerade einen meiner Romane beendet hat und für den alles frisch und neu ist. In den meisten Fällen arbeite ich schon seit Monaten, wenn nicht Jahren an einem anderen Manuskript, einer anderen Geschichte. Also: Ja, manchmal vermisse ich diese verführerische, kraftvolle Berauschung der Bühne, der Live-Show. Das Theater war die erste künstlerische Leidenschaft meines Lebens. Als habe ich kleine Stücke geschrieben und meine Freunde verpflichtet, sie mit mir im Klassenzimmer aufzuführen. Später wurde ich Schauspieler, Regisseur, Theaterautor. Und dann merkte ich, dass das, was ich am liebsten tat, schlicht und einfach war: zu schreiben, Geschichten zu erfinden, die andere irgendwann einmal lesen oder auf einer Theaterbühne oder im Fernsehen spielen würde. Theater und das Bühnenleben waren eine Passion meiner Jugend, und ich habe dadurch viel gelernt. Es ist wie mit einer Frau, die man einmal leidenschaftlich geliebt hat, die aber jetzt ein Teil der Vergangenheit ist. Jetzt habe ich eine andere Muse, die Literatur, zu der ich eine sehr erfüllte Beziehung habe. Selbst wenn sie manchmal den einzelgängerischen Aspekt meines Wesens betont.

In ›Das Lächeln des Leguans‹ spielt das Meer eine wichtige Rolle. Sie selbst sind am Meer aufgewachsen, welche Bedeutung hat es für Sie?

Ich bin an der Nordküste des St.-Lawrence-Golfes aufgewachsen. Dort sagt man: Ich habe Salzwasser in den Adern. Jetzt lebe ich in Montreal, aber ich verspüre das unwiderstehliche Bedürfnis, häufig am Meer zu sein. Ich muss wenigstens einmal im Jahr, im Sommer, dorthin, entweder an die Nordküste oder an die Strände von Neuengland. Cape Cod ist eines meiner liebsten Sommerreiseziele.
Ich brauche das Meer. Ich mag seine ständige Veränderung. Es ist lebendig und jeden Tag anders. Ich mag es, wenn die See ruhig ist und ihr Blau mit dem des Himmels verschmilzt; ich glaube, es gibt keinen besseren Anreiz für die Vorstellungskraft. Oder nachts, unter einem Sternenhimmel, wenn der Mond sich auf ihrer Oberfläche spiegelt und eine seltsame Milch hineingießt. Ich mag es, wenn die See tobt, zur Zeit der großen Gezeiten; ich liebe es, dann in einer Sturmnacht an den Strand zu gehen und mich in der Dunkelheit, im Heulen des Windes dem Meer zu nähern, bis der Aufprall der Wellen den Boden unter meinen Füßen erbeben lässt.
Wenn ich am Meer bin, ist mein erster Impuls nach dem Aufwachen, rauszugehen und zu sehen, wie das Meer gestimmt ist. Das beeinflusst meine eigene Stimmung maßgeblich.
Genau diese intime Verbindung mit dem Ozean wollte ich in den Charakter von Luc Bezeau einfließen lassen.

Wie schon in ›Siebzehn Silben Ewigkeit‹ spielen auch in ›Das Lächeln des Leguans‹ Träume eine sehr wichtige Rolle. Welche Bedeutung haben Träume für Sie?

Das Meer und die Träume: Es ist kein Zufall, dass diese beiden Motive in meinem Roman zu finden sind. Auf der symbolischen, archetypischen Ebene sind beide eng miteinander verbunden. Der Traum ist für mein Schreiben von großer Bedeutung. Meine Figuren sind häufig Träumer. Keine passiven Personen, sondern Träumer, die wach und aktiv sind, die an ihren Träumen Anteil nehmen und nicht zögern, ihnen gemäß zu handeln. Dass meine Figuren so sind, rührt mit Sicherheit daher, dass ich selbst ein überzeugter Träumer bin. Über Jahre hinweg habe ich ein Traumtagebuch geführt: Sobald ich nach einem besonders packenden Traum aufwachte, beeilte ich mich, ihn zu notieren, bevor er sich auflöste und in meiner Erinnerung verblasste.

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