dtv-Übersetzertage Teil vier: Sechs Übersetzer, vier Fragen, erstaunliche Antworten!

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Im vierten und letzten Teil unserer Reihe erzählen die Übersetzerinnen und Übersetzer, wie viel Interpretationsspielraum sie sich bei ihrer Arbeit gewähren. Wir bedanken uns noch mal ausdrücklich bei den Übersetzerinnen und Übersetzern, für diese ganz persönlichen Einblicke in ihren Arbeitsalltag!

Wie viele Freiheiten geben Sie sich beim Übersetzen?

 

Der Arbeitsplatz von Bernhard Robben
Der Arbeitsplatz von Bernhard Robben

Bernhard Robben: »Eigentlich gar keine. Im Idealfall gibt es für mich nur eine einzige Möglichkeit, den vorliegenden Text ins Deutsche zu übersetzen.«

 

 

 

 

 

 

 

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Franka Reinhart

Franka Reinhart: »Es ist natürlich unverzichtbar, sich so weit vom Original zu lösen, dass die Leser*innen einer Übersetzung die darunter liegende fremdsprachige Struktur nicht mehr wahrnehmen. Das fand ich am Anfang gar nicht so leicht, denn ich komme ursprünglich aus der Fachübersetzung, wo es ja vor allem um terminologische Genauigkeit geht. Dieses Präzisionsdenken galt es abzulegen. Ich finde es wunderbar, sich in einen Text ganz einzufühlen und dann trotzdem sprachlich so frei zu werden, um ihn überzeugend und gut lesbar in meiner Sprache wiederzugeben.Und ganz frei heraus informiere ich selbstverständlich den Verlag, wenn mir im Ausgangstext Ungereimtheiten oder Fehler auffallen, was gar nicht so selten vorkommt.«

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn
Uwe-Michael Gutzschhahn

Uwe-Michael Gutzschhahn: »So wenig wie möglich, um den Text nicht zu verfälschen. So viel wie nötig, um dem Text in meiner Sprache gerecht zu werden.«

 

 

 

 

 

 

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Heike Schlatterer

Heike Schlatterer: »Je länger man dabei ist, desto mutiger wird man! Meist tut es einem Text richtig gut, wenn man sich ein bisschen davon löst – ohne natürlich die Aussage und die Stimme des Autors zu vernachlässigen, die haben immer Priorität.«

 

 

 

 

 

 

 

 

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Michaela Meßner

Michaela Meßner: »Ich versuche, die Freiheiten meiner Sprache so weit auszuschöpfen, dass meine Übersetzung wiedergibt, was der Autor mit den Mitteln seiner Sprache meiner Meinung nach erreichen wollte. In diesem Prozess steckt ein Gutteil Interpretation. Die Geschichte gibt mir schon sehr viel vor, an ihr kann ich nichts ändern, aber am Sprachlichen kann ich arbeiten.
Einen guten Autor zu übersetzen, auch einen schwierigen, ist reizvoller und in gewisser Weise auch einfacher, als einen nicht so gelungenen Text, den man dann gerne mal zu reparieren versucht.
Wenn ich einer Regel folge, dann vielleicht dieser hier: Die knappste Art, das im fremdsprachlichen Text Gemeinte in der Zielsprache präzise auszudrücken, ist auch die beste. Kürzen eine der besten Stilübungen. Was man jetzt nicht falsch verstehen darf, denn es bedeutet nicht, dass ich Schachtelsätze eindampfe oder Stilprägendes mutwillig umändere.
Und man muss lernen, sich zu trauen, die Stärken des Deutschen zu nutzen, muss wissen, was das Deutsche kann und die Fremdspreche nicht, und umgekehrt. Das zu ergründen hat kein Ende, und es hilft, immer wieder, auch und vor allem deutsche Autoren zu lesen, Seminare und Workshops zu besuchen. Den Figuren eine eigene Stimme zu geben ist auch ein bisschen wie Theaterspielen, der Interpretationsspielraum ist mitunter groß. Und Texte profitieren immer davon, wenn man sie laut vorliest – das Original wie die deutsche Übersetzung. Im letzten Korrekturdurchgang versuche ich das Original vollkommen zu vergessen, nur so kommt am Ende eine gute deutsche Übersetzung zustande.
Wenn ich etwas für meine Übersetzungskompetenz tun will, lese ich Bücher, die eigentlich für Autoren gedacht sind, z.B. ›Writing Tools‹ von Roy Peter Clark; auch die ›Stilfibel‹ von Reiners ist nicht schlecht, auch wenn man sie eigentlich nur mit der Lupe lesen kann.«

 

 

Ute Mihr
Ute Mihr

Ute Mihr: »Das muss ich bei jedem Text wieder neu entscheiden: Wie dicht kann ich am Original bleiben, wie weit muss ich mich vom Original entfernen, damit der Text für die deutschen Leser auch deutsch klingt. Im Zweifel entscheide ich mich für ›meine‹ deutschen Leser.«

 

 

 

 

 

 

 

 


Die Übersetzerinnen und Übersetzer

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Bernhard Robben

u.a. John Williams »Augustus«

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Michaela Meßner

u.a. Anne Brontë  »Agnes Grey«

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Franka Reinhart

u.a. James Carol  »Prey«

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Ute Mihr

u.a. Michael Gerard Bauer  »Nennt mich nicht Ismael«

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Uwe-Michael Gutzschhahn

u.a. Kevin Brooks  »Travis Delaney«

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Heike Schlatterer

u.a. Marion Dane Bauer  »Winzling«

 

Linus Schubert / dtv

 

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