Ein »klassischer Maßstab dafür, was ein Mann sein kann und sein sollte«

Interview mit Jack-London-Übersetzer Lutz-W. Wolff

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Lutz-W. Wolff widmete sich in den letzten Jahren der Neuübersetzung von Jack Londons Werk – zuletzt erschien ›Martin Eden‹, ein Schlüsselroman zum Leben des Autors. Im Interview erzählt Lutz.-W. Wolff von diesem besonderen Schriftsteller und verrät, warum er bis heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat.

In einem Rückblick auf das kurze aber bewegte Leben Jack Londons bekommt man den Eindruck, es sind nicht die Anzahl der Jahre, die einen näher an den Tod rücken, sondern die Menge des Erlebten. Was war Jack London für ein Mensch?
Jack London war hochbegabt und unglaublich fleißig. Er hat sich praktisch alles, was er konnte und wusste, selbst beigebracht. Seine beste Lehrerin war eine Bibliothekarin. Seinen Lebensunterhalt musste er sich schon früh selbst verdienen, erst als Zeitungsjunge, später in verschiedenen Fabriken und einer Wäscherei, immer zum »Einheitslohn« von 10 Cent die Stunde, 30 Dollar im Monat. Er flüchtete sich in eine (sehr gefährliche) kriminelle Karriere als Austernpirat, wurde Matrose auf einem Robbenfänger, Landstreicher und Goldsucher. Da wusste er längst, dass er mit seiner Hände Arbeit immer ein Lohnsklave bleiben würde. Wenn er es je zu etwas bringen wollte, musste er von seinem Kopf leben. Deshalb begann er zu schreiben. Es war ein langer, mühseliger Kampf, bis die Redaktionen der Zeitschriften bereit waren, seine Erzählungen abzudrucken und angemessen dafür zu bezahlen. Dann kam 1903 mit »Ruf der Wildnis« der Durchbruch. Über Nacht war ein Star und stand im Licht der Öffentlichkeit. Er war gerade mal 27, sah gut aus und die Presse verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Aber er musste auch seine Familie versorgen, und der Ruhm und das Geld waren eine Enttäuschung. Er verfiel in eine bittere Depression, aus der ihn erst seine zweite Frau Charmian und die Pläne für seine ökologische Farm – die »Beauty Ranch« – wieder herausholten. Seine harte Jugend hat er nie vergessen. Zeitlebens hat er gegen die soziale Ungerechtigkeit des amerikanischen Kapitalismus und die Heuchelei der Bourgeoisie gekämpft. Und er war großzügig, in seinen Plänen genauso wie bei der Unterstützung seiner alten Gefährten. Was ihn quälte, war die Zerstörung der Natur durch den industriellen Raubbau – am Ende hat er praktisch nur noch geschrieben, um seine Ranch in Glen Ellen aufrechterhalten zu können. Sie ist heute ein »State Park«.

Sie haben bislang sechs Jack London-Romane übersetzt. Welche wiederkehrenden Motive fielen Ihnen auf?
Das beherrschende Motiv ist die Frage, wie ein Mann leben soll. Es geht um Mut, Ehrlichkeit, Anstand, Gerechtigkeit, Kameradschaft und Großzügigkeit. Egal ob man acht oder achtzig ist, bei Jack London erfährt man, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Lenin hat seine Geschichten, geschätzt, Musil, Che Guevara und Martin Walser. Um nur vier von Millionen Leserinnen und Lesern zu nennen.

›Martin Eden‹ gilt als autobiografischster Roman des Autors. Welche Parallelen gibt es zwischen dem Romanheld und dem echten Jack London?
Martin Eden und Jack London sind insoweit identisch, als sie beide den Aufstieg aus dem Proletariat in die Welt der Literatur und des Bürgertums hinter sich gebracht haben. Auch einige Familienmitglieder und Freunde des Autors sind zu Romanfiguren geworden. Die bittere Enttäuschung, die der Erfolg mit sich brachte, wird allerdings unterschiedlich verarbeitet. Wo Martin Eden gescheitert ist, kämpft der Autor selbst weiter.

Die große Erzähl- und Fabulierkunst Londons zeigt sich auch in ›Martin Eden‹. Und doch kommt der Roman schwermütiger daher, als die vor Kraft nur so protzenden Vorgängerromane. Welche Unterschiede sehen Sie zu den früheren Werken von Jack London?
Martin Eden ist der einzige Held von Jack London, der kein gutes Ende nimmt. Die Kraft seiner Werke beruht ganz wesentlich auf der lebendigen, sachkundigen und oft auch humorvollen Beschreibung des sogenannten »einfachen Lebens«. Der Kampf des jungen Schriftstellers um Aufmerksamkeit und Beachtung ist herzzerreißend geschildert. Die Begegnung mit dem Literaturbetrieb, der schlecht informierten und vorlauten Presse und der bürgerlichen »Öffentlichkeit« mit ihren Ritualen ist amüsant zu lesen. Aber es natürlich ein anderes Spielfeld als die Welt der Goldgräber, Schlittenhunde und Seeleute. Die beleidigten Reaktionen der Kritiker haben denn auch dazu geführt, dass Jack London mit seinem nächsten Roman „Lockruf des Goldes“ in die Welt der Kraftnaturen und Tatmenschen zurückkehrte. Beide Romane ergänzen einander und sind insofern »existenzialistisch«, als sie die condition humaine am Anfang des 20. Jahrhunderts beschreiben.

Das Buch wurde zu größten Teils auf der ›Snark‹ – Londons‘ legendärem Schiff – geschrieben. Auf der ›Snark‹ bereiste er mit seiner Frau Charmian und einer kleinen Crew die Südsee. Können Sie uns etwas zu dem Jack London dieser Zeit erzählen?
Die geplante Weltumsegelung auf der »Snark« war ein Lebenstraum von Jack London, in den er viel Kraft und Geld investierte. Und wie es mit großen Träumen oft geht, wurde sie letztlich zu einem Desaster. Gleichzeitig eine große Ranch aufzubauen und auf der „Snark“ die Welt zu umsegeln – das konnte nicht gutgehen. Ein klassischer Fall von Hybris. Experten haben errechnet, dass sieben Bücher auf dieser Reise entstanden seien. Aber zugleich hat Jack London wahrscheinlich hier schon seinen Körper überfordert.

Jack Londons Lebensstil in seinen letzten Lebensjahren scheint im Widerspruch zu seinen politischen Ansichten zu stehen. Wie vereinbarte der bekennende Sozialist diese Gegensätzlichkeit?
Jack London war ein amerikanischer Sozialist. In seiner Persönlichkeit mischten sich Freiheitsliebe und das Streben nach Gerechtigkeit mit einem starken Individualismus.  Mit dem Kollektivismus, Anpassungsdruck und Spießertum des späteren »realen Sozialismus« hatte er wenig im Sinn. Vielleicht auch deshalb wurde er z.B. von den Leserinnen und Lesern in der Sowjetunion und der DDR so geliebt. Außerdem gab es in seinem Leben eine entscheidende Wende: Als er die moralische Schwäche der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung erkannte, die zum Teil hart am Rande der Kriminalität agierte, zog er sich allmählich auf »grüne« Positionen zurück. Er liebte die Natur, die er in seinen Romanen beschrieben hatte, und er war empört über ihre rücksichtslose Zerstörung. Die Ausrottung der Bisons, der Wandertaube, der Pelzrobben, die Vernichtung der Redwoods durch Holzfäller bedrückten ihn in seinen letzten Lebensjahren genauso wie das Elend der Menschen im Londoner East End, das er 1903 in seiner Sozialreportage »People of the Abyss« beschrieben hatte.

Herr Wolff, zuletzt, ganz kurz: Warum sollten die Leser Jack London (wieder-) entdecken?
In einer Zeit, in der gerade sensible Jungen und Männer ihr Selbstverständnis und Selbstbewusstsein fast schon verloren haben, bieten die Romane und Erzählungen Jack Londons den klassischen Maßstab dafür, was ein Mann sein kann und sein sollte. Und meine Ahnung ist, dass sie gerade deshalb auch von Frauen so gern gelesen werden.

Interview: Linus Schubert / dtv

Jack London in der Neuübersetzung von Lutz.-W. Wolff

Jack London
Martin Eden
Jack London
Der Ruf der Wildnis
Jack London
Lockruf des Goldes
Jack London
Der Seewolf
Jack London
König Alkohol
Jack London
Wolfsblut

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