Elke Reichart: gute-freunde-boese-freunde. leben im web

»Eltern müssen sich mit dem »Leben im Web« befassen, wenn sie nicht den Anschluss an das Leben ihres Kindes verlieren wollen.«

Längst ist eine neue, digital geprägte Kultur entstanden: Kinder und Jugendliche nutzen Handy, Internet und soziale Netzwerke wie SchülerVZ, Lokalisten und Facebook viel selbstverständlicher und intensiver als ihre Eltern. Susanne Krones sprach mit Elke Reichart, Autorin des Sachbuchs ›gute-freunde-boese-freunde. leben im web‹, darüber, was das Netz für Jugendliche bedeutet und was Erwachsene tun können, um den Zugang zum digitalen Alltag ihrer Kinder nicht zu verlieren…

Was tun Jugendliche eigentlich, wenn sie den ganzen Tag an ihren Handys und Laptops klicken?

Sie tun alles das, was sie früher persönlich oder durch Telefongespräche erledigt haben: Sie verabreden sich, informieren sich gegenseitig über Schule, Freunde und Familie und holen sich Hilfe bei Hausaufgaben oder für Klausur-Vorbereitungen. Neu: das Organisieren der sozialen Netzwerke, auf Facebook zum Beispiel oder SchülerVZ. Fotos schicken, Freunde bestätigen, ablehnen oder anstupsen, Filme über YouTube ins Netz stellen oder die Postings der »Friends« durchscannen auf der Suche nach interessanten Links oder den neuesten Entwicklungen. Und schließlich noch das Googlen von Fußball-Ergebnissen, Oscar-Nominierungen, Wettervorhersagen, Event-Locations – vielen Digital Natives ist der ständige Wechsel zwischen On- und Offline gar nicht mehr bewusst, die reale und die virtuelle Welt stehen bei ihnen gleichberechtigt nebeneinander.

Ihr Buch ›gute-freunde-boese-freunde. leben im web‹ erzählt mehrere Geschichten über die Alltagswelt der Digital Natives, die aufzeigen, wie selbstverständlich der Umgang mit den neuen Medien für die Jugendlichen geworden ist. Und wie wichtig es für sie ist, »drin« zu sein. Wie hat das Internet soziale Beziehungen verändert?

Der Umgang mit den Freunden hat sich verändert. Wobei ich die Angst, dass durch die digitalen Möglichkeiten Freundschaften an Substanz und Bedeutung verlieren, inzwischen nicht mehr habe. »Viele Nutzer der sozialen Netzwerke machen einen Unterschied zwischen ihren realen Freunden und der virtuellen Verbundenheit«, schreibt zum Beispiel der Journalist Johannes Boie in seinem Kapitel: »Sie sprechen von Freunden im Gegensatz zu ihren Facebook-Freunden.« Das sind dann die Schul- oder Urlaubsbekannten, mit denen man im Gegensatz zu früher heute per Social Media problemlos Kontakt halten kann – und die dann die Zahl der dort genannten Freunde leicht auf mehrere Hundert anwachsen lassen.
Aber wer die neuen Entwicklungen analysiert, kennt natürlich auch nicht wenige Fälle, in denen für den Digital Native die klassische Bindung an die Familie durch Facebook und Co. an Bedeutung verliert. Sie wird langweilig und eng – während im Netz die aufregenden neuen Freunde warten, die viele Informationen bieten und wenig emotionales Engagement verlangen. Eltern und ältere Geschwister sollten diese Gefahr rechtzeitig erkennen und reagieren.

Die Kluft zwischen Digital Natives und Erwachsenen scheint zu wachsen, je spezifischer die Online-Angebote und die technischen Möglichkeiten werden. Was können Eltern konkret tun, um ihre Kinder besser zu verstehen?

Sie sollten nicht erlauben, dass diese Kluft überhaupt entsteht. Ich weiß, das klingt einfacher als es ist – wer hat schon als Erwachsener die Zeit, sich dauernd mit den vielen neuen technischen Entwicklungen zu beschäftigen? Oder sich neben sein Kind zu setzen und mit ihm im Netz zu surfen? Abgesehen davon, dass der Digital Native in der Mehrzahl der Fälle davon alles andere als begeistert sein wird… Aber ich befürchte, es gibt keine Wahl. Die Eltern müssen sich mit dem »Leben im Web« befassen, wenn sie nicht den Anschluss an das Leben ihres Kindes verlieren wollen. Mag sein, dass es mühsam ist am Anfang – ich spreche aus eigener Erfahrung –, aber es ist andererseits auch sehr faszinierend. Mein Buch ist sicher ein erster Schritt dazu, »dran« zu bleiben. »Wer sich im Jahr  2011 aus dem Netz vollständig heraushält, handelt falsch«, schreibt Johannes Boie in einem Kapitel, in dem er acht Regeln zum Thema »Was tun und was nicht-tun im Netz?« aufstellt. Sehr lesenswert – danach ist man einigermaßen fit, um im Netz zu überleben. Patrick Durner, der Experte für Computerabhängigkeit in ›gute-freunde-boese-freunde. leben im web‹, erklärt die Entstehung der Sucht und zeigt Wege zur Problemlösung auf. Und der Studienrat Marco Fileccia analysiert Opfer und Täter beim Cyber-Mobbing und antwortet auf die Fragen nach »Warum?« und »Was tun?«.

»Wir sind einerseits erschreckt, wie sehr diese neue Welt unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst, und andererseits dankbar. Dankbar für die Möglichkeit der globalen Kommunikation und für die Flatrate«, schreibt Elena Margulis, 23 und selbst Digital Native, in Ihrem Buch. Was macht das Netz mit unseren Kindern?

Elena schreibt aber auch: »Versetzen wir uns kurz in die Zeit zurück, als es den Zeitkiller Social Media noch nicht gab, wo Menschen direkt kommunizierten, ohne Mitleser, die über den »Gefällt-mir«-Button auch noch Wertungen abgeben. Wo die schlimmste Methode des Schlussmachens das Telefon war. Wo die Außenwelt hinter der verschlossenen Tür war, wo Freunde Freunde waren und Liebe Zweisamkeit bedeutete. War das nicht schön?« Das trifft, glaube ich, Ihre Frage sehr gut. Es ist eine ganz neue Welt, in der sich die Digital Natives zurechtfinden müssen: voller Gefahren, was die Privatsphäre angeht, voller Faszination, weil das Netz so viele neue Möglichkeiten eröffnet. Und es gibt noch wenige Beispiele, an die sie sich halten können – alles ist noch so neu… Umso wichtiger ist es, dass die Eltern bei ihnen bleiben auf diesem Weg.

Domink Orth, Autor Ihres Buches ›gute-freunde-boese-freunde. leben im web‹, hat für seine Studie »Facebookless« ein interessantes Experiment gemacht: Er hat 50 Facebook-User einen Monat auf Entzug gesetzt, indem er ihren Zugang zur Website gekappt hat. Während der vier Wochen hat er regelmäßig mit ihnen korrespondiert, um herauszufinden, wie sich ihr Alltag verändert. Was waren die Ergebnisse des Experiments?

Was Dominik Orth und auch mich überrascht hat: Nur einer der 50 Teilnehmer hat aufgegeben. Alle anderen hielten durch und mailten brav immer wieder ihre Statusmeldungen. (Natürlich lockte auch die Bezahlung: 300 Schweizer Franken gab es für vier Wochen Mitmachen.) Manche hatten in dieser Zeit echte Entzugserscheinungen, andere verloren fast vollständig den Kontakt zu ihren Freunden, viele fühlten sich isoliert, fast alle waren erstaunt über ihren plötzlichen Zugewinn an Zeit und fühlten sich schließlich ruhiger, konzentrierter und effizienter – um dann doch letzten Endes wieder voll bei Facebook einzusteigen. Mit guten Vorsätzen: weniger Zeit bei Facebook und diese dann sinnvoller nutzen… Na gut, wir können nicht kontrollieren, ob das dann auch tatsächlich so ist. Dominik Orth, vorher kein großer Facebook-Fan, war am Ende der Studie übrigens völlig erschlagen: »Wow! Was für ein Wahnsinnsportal! Das wusste ich ja gar nicht.«

Kann Online-Kommunikation ebenso wie Online-Spiele tatsächlich süchtig machen?

Ja, es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die das klar belegen. Patrick Durner, der in meinem Buch als Experte für Computerabhängigkeit zu diesem Thema Stellung bezieht, stellt ein Suchtdreieck vor, das einen Zusammenhang zwischen Substanz/Handlung, Person und Umwelt herstellt. Nicht ganz einfach, aber sehr einleuchtend – vor allem, wenn man als Elternteil mit der Problematik zu tun hat. Und er erklärt, wann man von Online-Sucht sprechen kann. Zwei Stunden am Computer – nicht süchtig, zwei Stunden und zwei Minuten – süchtig: Das ist natürlich Unsinn, so einfach ist das nicht.
Patrick Durner geht auch auf das Beispiel der Bennis in ›gute-freunde-boese-freunde. leben im web‹ ein: Zwillinge, die von 14 bis 19 Jahren praktisch im Internet verschwunden waren, Tag und Nacht nur spielten und heute rückblickend eine Bilanz ihres Lebens in der damaligen Parallelwelt ziehen. Das ist eine faszinierende Geschichte, finde ich, zumal auch ihre Schwester in einem weiteren Kapitel zu Wort kommt. Sie wiederum erzählt, wie hilflos Eltern und Geschwister diesem Phänomen gegenüberstanden und wie die Familie beinahe daran zerbrach.

Dass virtuelles Netzwerken mit engen Freunden aus Schule, Studium, Urlaub oder Praktikum, sogar mit reinen Online-Bekanntschaften, die dieselbe Band, denselben Fußballverein oder dasselbe politische Ziel begeistert, bereichernd sein kann, das leuchtet ein. Trotzdem beunruhigt die Schattenseite der virtuellen Vernetzung: Wer seine sozialen Kontakte online pflegt, macht sich auch verletzlich. Für wie gefährlich halten Sie Cybermobbing, Identitätsdiebstahl oder Online-Stalking?

Ich sehe die Gefahren und habe natürlich auch viele Geschichten gehört über die schlimmen Erfahrungen vieler Digital Natives durch den unbedachten Umgang mit dem Netz. Aber im letzten Sommer  habe ich mit den Schülern von zwei 7. Klassen Gymnasium diskutiert und festgestellt, wie aufgeklärt diese Kids waren – dauernd wurde ich korrigiert: »Also, das dürfen Sie auf keinen Fall machen, viel zu gefährlich!« Ich will die Gefahr nicht herunterspielen, aber ich sehe, dass die Jugendlichen inzwischen immer bewusster mit den neuen Medien umgehen. Im Buch habe ich ja auch ein Interview mit zwei »Medienscouts« gemacht, die nach einer entsprechenden Ausbildung ihre Mitschüler durch den Dschungel der neuen Medien lotsen. Adriana (16) sagt unter anderem: »Wichtig ist es, das Bewusstsein zu schärfen.« Darin könnte sie sicher auch viele Erwachsene unterrichten.

Das Interview führte Susanne Krones.

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