Haley Tanner: Vaclav und Lena

Mit ihrem hinreißend warmherzigen Debütroman ›Vaclav und Lena‹ gelang Haley Tanner auf Anhieb ein internationaler Erfolg. Im Gespräch mit dtv erzählt die junge New Yorker Autorin von Magiern auf Coney Island, der Kraft des eigenen Willens und dem Zauber von Geschichten.   

Beherrschen Sie einen Zaubertrick, den Sie uns hier und jetzt vorführen könnten?
Leider nicht. Ich mag und bewundere Zauberer sehr und hätte gerne ein paar Tricks auf Lager – das freie Schweben zum Beispiel, das Vaclav in meinem Buch vorführt. Besonders lustig stelle ich mir das auf Partys vor. Aber leider bin ich etwas tollpatschig; mir fehlt die Raffinesse, die einen guten oder auch nur passablen Zauberer ausmacht.

Für Ihren jungen Helden Vaclav ist der Zauberer Houdini der Größte, und Lena findet die Schwertschluckerin Heather Holliday toll. Was bedeuten den Kindern diese Künstler?
Ich glaube, Vaclav und Lena bewundern Houdini und Heather vor allem wegen ihrer Art zu leben, ihrer Philosophie und Weltsicht. Für Vaclav sind das eher Houdinis Entschlossenheit und Hartnäckigkeit als seine magischen Fähigkeiten. Lena wiederum fasziniert, wie bewusst und kontrolliert Heather mit ihrer Sexualität umgeht.

Hatten Sie als Kind Vorbilder?
Ich habe vor allem die Erwachsenen um mich herum beobachtet – in der Hoffnung, von ihnen zu erfahren, wie man in dieser Welt lebt. Und ich hatte auch ein Vorbild: Roald Dahl. Mit etwa acht Jahren habe ich alles von ihm gelesen. Sein Roman ›Matilda‹ war das erste Buch, das mich eine ganze Nacht lang in Atem gehalten hat. Ich träumte davon, wie Matilda in meiner eigenen Phantasiewelt zu leben.

Sie erzählen in Vaclav und Lena von einer tiefen und ernsthaften Liebe. Die beiden sind zehn Jahre alt, treffen sich dann aber als Siebzehnjährige wieder. Hat sich ihre Liebe verändert?
Ich glaube, dass Kinder genauso tief und intensiv lieben können wie Erwachsene, wenn auch noch frei von Sexualität. So sind Vaclav und Lena erst als Siebzehnjährige mit ihren sexuellen Wünschen und Ängsten konfrontiert. Das ist die große Veränderung in ihrer Beziehung – wobei Vaclavs Zuneigung für Lena als Zehnjähriger mindestens ebenso welterschütternd ist wie seine spätere Liebe zu ihr.

Vaclav und Lena leben wie Sie in New York – allerdings im russischen Emigranten-Milieu in Brighton Beach, während Sie in den Bronx geboren und aufgewachsen sind.
Tatsächlich habe ich meine Kindheit noch weiter weg verbracht: in Westchester, einem New Yorker Vorort. Heute lebe ich in Brooklyn. Als ich zu schreiben begann, habe ich in Brighton Beach Nachhilfe gegeben. Die Atmosphäre in dieser Wohngegend und vor allem die Kinder haben mich sehr berührt – und sind direkt in meinen Roman geflossen.

Ein anderer wichtiger Schauplatz ist das berühmte Sideshow Theatre auf Coney Island …
Im Unterschied zu Vaclav und Lena war ich dort nie als Kind, sondern erst mit etwa zweiundzwanzig. Aber genau wie die beiden war ich schwer beeindruckt: Das Sideshow Theatre ist furchterregend und wunderbar zugleich. Ich war seitdem nicht mehr dort. Sich alles genau anzusehen, um es wirklichkeitsgetreu zu beschreiben, wäre mir persönlich zu journalistisch. Ich schreibe lieber aus der Erinnerung heraus. Am liebsten ist mir, wenn sie schon ein bisschen verschwommen ist – so treffe ich die Stimmung am besten.

Vaclav oder Lena: Wer steht Ihnen näher?
Beide haben etwas von mir und etwas von anderen. Vaclav besitzt das Selbstvertrauen, das ich mir als Studentin gewünscht habe: die felsenfeste Überzeugung, dass er eines Tages der weltbeste Magier werden wird. Ich wollte unbedingt Schriftstellerin werden –  der Gedanke hat mich aber auch erschreckt, denn es gab keine Garantie dafür, dass es klappen würde. Ich empfand meinen Wunsch, eine erfolgreiche Autorin zu werden, ähnlich unrealistisch wie seinen Traum, der nächste Houdini zu werden. Es war beruhigend, von jemandem zu erzählen, der fest an sich glaubt. Ich war da eher wie Lena, die sich an Vaclavs Selbstsicherheit klammert.

Wissenschaftlichen Erhebungen zufolge lügen wir bis zu 200 Mal am Tag. Wann halten Sie Lügen für gerechtfertigt? 
Die Grenze zwischen lügen und Geschichten erzählen ist meiner Meinung nach hauchdünn – und ziemlich heimtückisch: Gewisse Geschichten müssen wir uns und anderen einfach erzählen, um in dieser Welt zu funktionieren, um unseren Alltag zu bewältigen und Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Zum Beispiel?
Belügen wir uns jeden Tag aufs Neue hinsichtlich unserer eigenen Sterblichkeit. Denn wenn wir nicht bis zu einem gewissen Grad an unsere Unsterblichkeit glauben würden, würde uns diese Aussichtslosigkeit an den einfachsten Dingen des Lebens hindern: Wir wären unfähig, E-Mails zu beantworten, in den Supermarkt zu gehen oder Steuern zu zahlen. Indem wir uns also Geschichten erzählen, verleihen wir einer schönen, aber auch rätselhaften und schwierigen Welt Sinn. Und genau das tut Vaclav für Lena …

Er erzählt ihr am Ende eine große Lüge.
Nein, er präsentiert ihr eine Geschichte über ihr gemeinsames Leben, die weit von der Wahrheit entfernt und dennoch nicht unwahr ist. 

Verraten Sie uns Ihre liebste Liebesgeschichte in der Literatur?
Ich bewundere Nicole Krauss für ihre wunderschöne, wahrhaftige und atemberaubende ›Geschichte der Liebe‹. Und immer wenn ich mich neu verliebe, lese ich ›Ein Platz für Hot Dogs‹ von Tom Robbins. Dieser Roman offenbart alle Geheimnisse des Universums, die elektrisierende Kraft und die Wildheit, die in jedem einzelnen Atom stecken.

Könnten Sie sich eine Fortsetzung von Vaclav und Lena vorstellen?
Im Moment beschäftigen mich andere Figuren und Orte, aber ich würde es niemals ganz ausschließen.

Also sitzen Sie schon an Ihrem zweiten Roman?
Oh ja! Es ist zwar noch ein ungezähmtes wildes Biest, aber ich bin ihm schon jetzt hoffnungslos verfallen.

Das Interview führte Tina Rausch

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