Internationaler Übersetzertag

Gespräch mit der Übersetzerin Stefanie Ochel

Übersetzer machen für uns Bücher von Autoren aus der ganzen Welt lesbar und erlebbar. Zum internationalen Tag des Übersetzens haben wir beschlossen: Es wird Zeit, dass wir mehr über sie und ihre wunderschöne Arbeit erfahren! Stefanie Ochel übersetzt seit 2014 vor allem aus dem Englischen und Niederländischen. Bevor sie sich ganz dem Übersetzen zuwandte, war sie in Finnland und anschließend acht Jahre in England als Deutschdozentin an verschiedenen Universitäten tätig. Seit 2017 lebt und übersetzt sie in Berlin. Für den dtv Verlag übersetzt sie unter anderem die Bücher von Ruth Ware, deren neuer Thriller unter dem Titel ›Wie tief ist deine Schuld‹ am 30. November erscheint. 

Was schätzen Sie am Beruf der Übersetzerin?

Ich mag, dass jedes Buch mich auf eine Reise mitnimmt. Man verreist in die Gedankenwelt eines anderen, wohnt übergangsweise im Kopf des Autors – vielleicht ist es auch umgekehrt. Und man lernt beim Übersetzen jeden Tag so viel dazu, auf eine so schöne Art. Man lebt in Geschichten und arbeitet den ganzen Tag mit Sprache. Man erschafft mit Sprache etwas Neues, muss aber trotzdem keine Angst vor dem weißen Blatt haben – die Geschichte ist schon da, sie hat sogar schon eine Form, und man erzählt sie in der eigenen Muttersprache neu. Und weil ich mich schon immer zu Fremdsprachen, zu fremdsprachlichen Ausdrucks- und Denkweisen hingezogen fühlte, genieße ich heute die Möglichkeit, durch das Original, an dem ich arbeite, tief in die fremde Sprachwelt eintauchen zu können, und dadurch im Idealfall meine eigene Sprachwelt zu bereichern.

Als Übersetzer muss man sich in einen Text einfühlen, ihn aber gleichzeitig unheimlich genau und kritisch lesen, nur so kann es stimmig werden. Mir macht Spaß, dass man dabei viel um die Ecke denken, recherchieren und knifflige Probleme lösen muss. Es ist ein Beruf, in dem man seine Kreativität entfalten kann, aber dabei akribisch bleiben muss, also auch seine Pingeligkeit ausleben kann. Mal braucht es vor allem Intuition und ein paar gute Einfälle und es geht federleicht von der Hand – das ist die pure, kreative Freude. In anderen Momenten aber ist es vielmehr präzise, mühevolle handwerkliche Arbeit, die viel Ausdauer erfordert. Man hat einen Werkzeugkasten, man baut einen Satz auseinander und setzt ihn neu zusammen, man legt die Wasserwaage an, und dann verrückt man, schraubt, zurrt, drückt und sägt hier und da noch ein bisschen, bis es passt. Eine Mischung aus Tüfteln und Tanzen also! Und beides kann schweißtreibend sein …

Dass es am Ende passt, weiß man, wenn es richtig klingt, wenn man den richtigen Ton getroffen hat. Manchmal muss man auch einsehen, dass man sich mit der Übersetzung nur annähern kann an das Was und das Wie des Originals. Und das sollte dann keine tollpatschige, sondern eine möglichst elegante Annäherung sein.

Auch mag ich die örtliche Ungebundenheit dieses Berufs: Es ist ja nicht nur so, dass das Buch einen auf eine Reise mitnimmt – das Umgekehrte trifft auch zu! Übersetzen kann man – je nachdem, in welcher Arbeitsphase man sich gerade befindet – eigentlich überall: zu Hause auf dem Balkon, im Café, in der Bibliothek, im Zug, im Park. Oder man geht ins Europäische Übersetzerkollegium in Straelen, das Eldorado der Literaturübersetzer, wo man ungestört und unter besten Bedingungen recherchieren und übersetzen kann.

Und nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass man sich in diesem Beruf, den man meist allein an seinem Schreibtisch ausübt, gar nicht so allein fühlen muss – die Literaturübersetzer*innen sind nicht nämlich nur ein bücherliebendes, sondern auch ein ganz schön nettes, kollegiales und weltoffenes Völkchen.

Welchen Autor würden Sie gerne einmal übersetzen und warum?

Das letzte Mal, dass ich ganz bewusst dachte: »Ach, das hätte ich gern selbst übersetzt«, war letztes Jahr bei der Lektüre von Celeste Ngs Debütroman ›Was ich euch nicht erzählte‹ und zwar in Brigitte Jakobeits wunderschöner Übersetzung. Mir hat die Übersetzung so gut gefallen, dass ich mir wünschte, ich wäre selbst dafür verantwortlich gewesen. Ich bin nun auch auf den zweiten Roman ›Kleine Feuer überall‹ sehr gespannt – und wahrscheinlich werde ich ihn wieder in der Übersetzung lesen, schließlich habe ich mich jetzt an die Stimme der Übersetzerin gewöhnt!

Wenn Träumen erlaubt ist, dann wäre es vielleicht die schottische Autorin Ali Smith. Ihre Bücher haben für mich etwas so Beglückendes und Tröstendes, da steckt bei allen noch so schweren, erschütternden Themen so viel Menschenliebe, so viel Intelligenz und Witz, so viel Poesie mit drin – was sie mit der englischen Sprache macht, ist einfach wunderbar, sie erzählt mit Tiefsinn und emotionaler Wucht, aber dabei so leichtfüßig. Sie würde ich gern einmal übersetzen, auch weil ich mich dadurch noch näher mit ihren Texten auseinandersetzen könnte – und es wäre eine riesige Herausforderung. Auf Anhieb fallen mir unter den Briten noch A.L. Kennedy, Janice Galloway, Edward St Aubyn, Zadie Smith, James Kelman, Will Self, Jenny Diski und Nicola Barker ein, von denen ich gerne einmal etwas übersetzen würde. An ihnen mag ich, in jeweils unterschiedlicher Gewichtung, ihre Gedankenschärfe und Originalität¸ ihren Umgang mit Sprache und, wenn man das so sagen kann, ihren Blick auf die Welt.

Ich möchte, ganz allgemein, sehr gern Autor*innen übersetzen, die gekonnt und schöpferisch mit Sprache umgehen, dabei spielt keine Rolle, ob sie eher karg und prägnant oder bildhaft und eindringlich schreiben – beides bietet spannende übersetzerische Herausforderungen. Ich möchte originelle, relevante, berührende Geschichten übersetzen, die mit Authentizität, mit Wucht und Witz von interessanten Menschen oder Ereignissen erzählen, von Zerrissenheit, Verrücktheit, Trauma. Das Tolle beim Literaturübersetzen ist ja auch gerade die Abwechslung – es macht mich glücklich, wenn ich an einem neuen spannenden Buch arbeiten kann. Und auch die Abwechslung bei den Ausgangssprachen macht es für mich aus – mein Ziel ist, noch mehr aus dem Niederländischen und auch aus dem Französischen zu übersetzen.

Mehr über Ruth Wares Thriller und deren Übersetzung ins Deutsche erfahren Sie in einem weiteren Interview mit Stefanie Ochel hier

 

Erhältlich ab 30. November 2018!

Ruth Ware
Wie tief ist deine Schuld
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