Interview: Nancy Williams über John Williams

Zu Besuch bei der Witwe des großen amerikanischen Erzählers

II.

Lassen Sie uns über die Frauenfiguren in seinen Romanen sprechen.

Ich hätte mich besser auf Sie vorbereiten und die Romane noch einmal lesen sollen.

Die Frauen sind komplexe, aber auch schwer zu greifende Charaktere. Auf Livia und Julia in ›Augustus‹ trifft das vielleicht weniger zu, aber ich denke etwa an Francine, die Hure aus ›Butcher´s Crossing‹, die so mütterlich und mitfühlend, so großzügig und freundlich ist, und dabei erotisch anziehend. Und im Gegensatz dazu Edith aus dem Roman ›Stoner‹, diese zutiefst gestörte und hysterische Egozentrikerin. Unterschiedlicher könnten diese Frauenfiguren kaum sein.

Ich denke, es gab Vorbilder, ja. Aber das bedeutet nicht, dass er bestimmte reale Frauen im Kopf hatte. Die Figuren erfüllen innerhalb des Romans bestimmte Zwecke, und dafür sind sie geschaffen. Mit Sicherheit spielt seine Mutter in diesem Zusammenhang eine Rolle, sie stand ihm sehr nah. Und dann vielleicht noch die Mutter seiner Kinder, ich bin aber nicht sicher, ob das stimmt, ich habe sie nicht kennengelernt. Er wollte mich mit diesem Teil seines Lebens nicht belasten.

Er war vier Mal verheiratet …

Ja, er heiratete bevor er zum Militär ging, er und seine Frau waren beide noch sehr jung. Und nach etwas mehr als einem Jahr – er war damals in China, Burma und Indien – schrieb sie ihm, dass sie nicht länger seine Frau sein wolle. Es gab da irgendein Gesetz, nach dem sie sich nicht von ihm scheiden lassen konnte. Aber er war weit weg, und was sie anging, war die Beziehung beendet. Na ja, sie waren beide noch so jung, vielleicht neunzehn. John erzählte, es habe ihm ein paar Wochen lang das Herz gebrochen, aber diese Art von Brief war damals beim Militär dermaßen üblich, dass es sogar einen Begriff dafür gab: ein Dear-John-Brief, sie hatte ihm einen Abschiedsbrief geschrieben, der wie so viele andere mit Dear John begann. Bevor die jungen Männer in den Krieg gezogen waren, hatten sie noch schnell ihre High-School-Liebe geheiratet, und dann schifften sie sich ein und waren weg. Was ihm passierte, war also nicht ungewöhnlich. Seine zweite Frau heiratete er kurz nachdem er aus dem Krieg zurückgekehrt war. Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen, aber er sagte, diese Ehe sei als einzige allein sein Fehler gewesen. Er sei nicht in der Verfassung gewesen, eine Ehe einzugehen, er kam mit dem Zusammenleben nicht zurecht, war noch zu aufgewühlt vom Krieg. Und damit war er eigentlich nur zweimal richtig verheiratet.

Sein Fehler? Was meinte er damit?

Er meinte damit, dass er vom Krieg psychisch schwer geschädigt war, er hatte Albträume…

Und er machte sich für das Scheitern der Ehe verantwortlich?

Ja.

Auch die dritte Ehe mit der Mutter seiner Kinder ging auseinander.

Ja, das stimmt.
Aber  er hat sich erst von ihr scheiden lassen, als wir bereits seit zehn Jahren zusammen waren. Sie ließen sich einfach nicht scheiden.

Fühlte er sich so sehr für sie verantwortlich?

Oh, ja. Er verbrachte die eine Hälfte der Woche mit seinen Kindern und die andere Hälfte mit meinen. Er musste ihr mit den Kindern helfen, sonst hätte sie sich ohne jede Atempause alleine um sie kümmern müssen, und das ist für Kinder nicht gut. So übernahm er sie zeitweise.

Er war offenbar sehr verlässlich.

Ja. Er hat nichts über sie erzählt, und ich wollte auch nichts erfahren. Ich kannte die Situation, aber an Hintergrundgeschichten war ich nicht interessiert, das war allein sein Leben.

Kommen wir noch einmal auf die Beziehung zwischen Stoner und Edith. Ich musste an Sokrates und Xanthippe denken. Stoner hat etwas derart Stoisches …

Das war auch ein Teil von Johns Charakter. Er war im Krieg gewesen, der Krieg hatte ihn gezeichnet, und so war das eben. Er hat das einfach ertragen. Ich glaube nicht, dass er und Stoner identisch sind, aber sie sind einander sicher ähnlich. Er weiß, dass man nicht zu viel erwarten darf. Ich finde Stoner ziemlich düster …

Stoner scheint keinen direkten Kontakt zu seinen Bedürfnissen und zu sich selbst gehabt zu haben. Da gibt es diese Szene, in der er sich von Catherine trennt, der ersten Frau in seinem Leben, bei der Geist und Sinnlichkeit eine Einheit bilden. Er scheint unter der Trennung nicht einmal zu leiden. Er wirkt in dieser Situation, wie von sich selbst entfremdet.

Ich habe den Roman erst kürzlich wieder gelesen. Schrecklich, als er sich von dieser Frau lossagt… Was Stoner und John verbindet, ist der Vorsatz, nicht zu viel vom Leben zu verlangen. Von seiner Prosa hingegen verlangte er sehr viel.
Er hatte einen Lieblingssatz, den er gern zitierte, ich weiß nicht, wen er da zitierte. Einen amerikanischen Dichter [William Carlos Williams]. No ideas but things. Das gehört auch dazu – sich den Dingen in der Welt zuzuwenden. Stoner tut das, mit der Arbeit auf der Farm, seiner Lehrtätigkeit… da gibt es nicht viel zu lachen, es geht darum, mit seinem Leben klarzukommen.

Hatte er Vertrauen in die Menschheit, in die Kraft der Vernunft, zum Beispiel?

Ich glaube, diese Frage hätte ihn nicht interessiert. Tatsächlich interessierten ihn abstrakte Themen nicht. Er wollte sich mit Konkretem beschäftigen. Ich denke nur an seine Kurse zu Dichtung des Zwanzigsten Jahrhunderts… er liebte den Unterrichtsgegenstand, er liebte die Gedichte, wahrscheinlich auch die Dichter. Aber an philosophischen Themen hatte er keinerlei Interesse, überhaupt keins.

Und doch geht es in seinen Romanen immer wieder um die Frage: Was macht ein gutes Leben aus.

Nun schon, ja, aber ein gutes Leben ist etwas Greifbares, das ist nichts Philosophisches. Ein gutes Leben – das ist: Sie und ich, wie wir hier miteinander sprechen.

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2 Kommentare zu “Interview: Nancy Williams über John Williams

  • 30. September 2017 um 22:14
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    Ich bin beeindruckt von soviel Ehrlichkeit aus ihrer Wahrnehmung ihres Mannes zu berichten. Danke!

    Antwort
  • 25. September 2017 um 11:40
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    So ein schönes Interview. Vielen Dank für dieses differenzierte Bild, das wir von John Williams bekommen.

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