Interview: Nancy Williams über John Williams

Zu Besuch bei der Witwe des großen amerikanischen Erzählers

III.

Er schrieb seine drei großen Romane in den Jahren zwischen 1960 und 1972: Kalter Krieg, Vietnam-Krieg, die Black-Panther-Bewegung. Hatte ein Schriftsteller für ihn auch eine politische oder soziale Funktion?

Nein, er ist sich selbst verpflichtet. Ich glaube nicht, dass er mit dem Schreiben eine direkte politische Verantwortung verband. Mit Ausnahme von ›Augustus‹. Da ging es ihm darum, eine Welt zu erfinden, die mit unserer Realität etwas gemein hat, er wollte dem Thema Krieg nachgehen. Und auch in ›Stoner‹, als der nicht in den Krieg zieht. Aber was direkte Verantwortung angeht, im Sinne von öffentlicher Meinungsäußerung, etwa im Fernsehen – nein überhaupt nicht.

In ›Augustus‹ heißt es einmal: Urteile sind leicht zu fällen, aber Wissen zu erlangen ist sehr schwer …

Ein typischer John-Satz. Zu werten, das war für ihn das Schlimmste.

1972 war ›Augustus‹ erschienen – dreizehn Jahre später, 1985, beendete er seine Dozententätigkeit. Was wurde nach 1972 aus seinem Schreiben?

Es ging ihm nicht gut, überhaupt nicht. Nach ›Augustus‹ fehlte ihm die Energie. Er begann einen neuen Roman, er ist wunderbar, es ist schade, dass er nicht fertig wurde. ›Sleep of Reason‹. Ein großartiger Titel.
Er bekam kaum Luft und brauchte ein Sauerstoffgerät. Einmal wurde ich sehr krank. Im Krankenhaus gab man mir eine Überlebenschance von fünfzig Prozent. Er wich nicht von meiner Seite. Acht oder zehn Tage lang war er Tag und Nacht bei mir. Dann ging es mir ein bisschen besser. Er saß neben meinem Bett auf einem Stuhl, eine ganze Woche lang, jede Minute. Er war hingebungsvoll, er hat mich gewaschen, er hat sich um mich gekümmert so gut er konnte.

Sie waren einander offenbar sehr nah.

Ja, sehr. Wenn´s hart auf hart kam, war er an meiner Seite. Er war ein guter Mann. Es macht mich froh an ihn zu denken.

Sie sagten, er habe nicht weiter geschrieben, weil es ihm selbst so schlecht ging. Lag das an seiner Lungenkrankheit oder daran, dass er trank.

An beidem.

Gab es denn ein Ereignis, das zu seiner Alkoholsucht führte?

Nein, in Texas wuchs man mit der Vorstellung heran, dass Trinken cool und ziemlich erwachsen sei, man fing in der High-School damit an, Bier zu trinken.

Geriet das Trinken dann irgendwann außer Kontrolle?

So würde ich das nicht sagen. Er war alkoholabhängig, er trank jeden Tag, aber es fiel nicht weiter auf, er trank Bier. Je länger der Abend dauerte, desto unangenehmer konnte er werden, aber es gab niemals … und trotzdem stand er am nächsten Morgen wieder auf und kam seinen Pflichten nach. Aber am Ende eines Abends konnte es vorkommen, dass er verbal aggressiv wurde, gemein. Aber nur verbal, er wurde nie handgreiflich. Davor hütete er sich, denn er war körperlich nicht sehr groß, und er hätte es nicht riskiert, sich körperlich mit anderen anzulegen. Er war ziemlich klein, etwa 1,73, und wog auch nicht sehr viel.

Hat die Sucht sein Selbstwertgefühl beeinträchtigt?

Nein, er hatte ein sehr robustes Ego, sein Selbstwertgefühl war durch nichts zu erschüttern. Wissen Sie, seine Dämonen verfolgten ihn, er hatte Schlimmes durchgemacht, und ich habe ihn sein Bier trinken lassen.

In ›Stoner‹ wird das Selbst an einer Stelle als Dschungel beschrieben, als Exil, in dem man lebt.

Nun, das stimmt, etwas anderes als unser Selbst haben wir nicht. Ich glaube, das war auch Johns Vorstellung. Das Selbst als Dschungel … Was meinte er wohl damit – die Seele ist ein Dschungel? Mein Gott, undurchdringlich, erstickend, heiß. Mit dem Dschungel kannte er sich aus… die Seele ist ein Dschungel. Nach allem, was er erfahren hatte, war das am Ende ein Ort wie jeder andere.

Eigentlich wollte er für ›Stoner‹ als Motto eine Zeile von Ortega y Gasset verwenden, entschied sich dann aber dagegen. Sie lautet: Ein Held ist jemand, der sich selbst treu bleibt.

Das trifft genau den Punkt. Denken Sie nur an alles, was einen daran hindert, sich treu zu bleiben. Die Lebensumstände, Johns Armut. Angesichts dessen kam John später im Leben seinen Vorstellungen so nahe wie kein anderer, den ich jemals kennengelernt habe. Er verfolgte hartnäckig sein Ziel. Und obwohl er mit dem Schreiben von Romanen erst anfangen konnte, als er schon über dreißig war, fing er immerhin damit an. Wie keinem anderen in meinem Leben ist es ihm gelungen, sich jeder Herausforderung zu stellen, beharrlich zu sein.
An Selbsterforschung war er jedoch nicht sehr interessiert, oder vielleicht hat er das mit seinen Romanen versucht. Er sprach nicht gern über sich. Er war witzig und lustig, immer mit etwas beschäftigt, er legte zum Beispiel seine Gurken ein, er war sehr aktiv. Aber eine ernsthafte Unterhaltung war so ziemlich das Letzte, was er wollte.

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2 Kommentare zu “Interview: Nancy Williams über John Williams

  • 30. September 2017 um 22:14
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    Ich bin beeindruckt von soviel Ehrlichkeit aus ihrer Wahrnehmung ihres Mannes zu berichten. Danke!

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  • 25. September 2017 um 11:40
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    So ein schönes Interview. Vielen Dank für dieses differenzierte Bild, das wir von John Williams bekommen.

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