Interview: ›Radetzkymarsch‹ von Joseph Roth

Gespräche am Empfang

An ihr kommt bei dtv keiner vorbei: Olga Tsitiridou begrüßt am Empfang die Gäste des Verlags … und erfährt dabei oft die interessantesten Dinge. Heute zu Besuch: Buchhändler Franz Klug. Olga sprach mit ihm über ›Radetzkymarsch‹ von Joseph Roth.

Ein Bücherregal ohne Joseph Roths ›Radetzkymarsch‹ erscheint mir unvollständig und nackt. Volker Weidermann, FAZ, hat das Buch als »schönstes Buch der Welt bezeichnet«.  Wie findest Du es?

Der Radetzkymarsch ist für mich eines der schönsten Bücher der Welt, da ich mehrere schöne Weltlieblingsbücher habe, z. B auch ›Ulysses‹ von Joyce, die ›Wasserfälle von Slunj‹ von Doderer und natürlich auch ›Holzfällen‹ von Bernhard. Aber der ›Radetzkymarsch‹ ist sicher das schönste Buch der Welt über den Untergang der Donaumonarchie.

Franz Klug, passionierter Buchhändler

 »Auf seinem alten Angesicht lag das Lächeln wie eine kleine Sonne, die er selbst geschaffen hatte«. Kann man sich einen traurigeren Kaiser vorstellen?

In diesem Zitat klingt der Kaiser ja glücklich und nicht traurig. Insgesamt wird der Kaiser von Roth sehr einfühlsam als ein einsamer, aber doch mit sich zufriedener Herr gezeichnet, und er ist wahrscheinlich mit diesem Porträt dem alten Kaiser sehr nah gekommen. Auch wenn ich als Republikaner generell mit Kaisern wenig anfangen kann, fand ich das Porträt des alten Kaisers sehr berührend.

Andre Heller bezeichnet Joseph Roth als »Schubert der Prosa«.

Ja, da kann man nur zustimmen. Roths romantisch sinnliche Prosa – von den Natureindrücken, den verschiedenen Sonnenaufgängen, über das Blau des Himmels, die unterschiedlichen Menschentypen, die Familie von Trotta, das Kasernenleben am Randes des Reiches bis zum Essen, vom Tafelspitz über Schnitzel bis zu der süßen Nachspeise – ist überwältigend. Einfach großes Kino, das beim Lesen im Kopf entsteht. Auch die Verfilmungen von Roths Werken kann man nur empfehlen.

Warum sollte man dieses Buch lesen oder gar wieder lesen?

Bevor ich den ›Radetzkymarsch‹ gelesen habe, habe ich mit großen Genuss und Gewinn einige kleinere Erzählungen und den Hiob gelesen. Auch ›Hiob‹ ist großartig, die Wanderschaft des ostjüdischen Volkes, erzwungen durch Armut, mit all den Wechselfällen des Lebens, wird in der Geschichte der Familie Mendel wunderbar erzählt. Auch unbedingt zu lesen. Beim ›Radetzkymarsch‹ war ich zuerst ein bisschen skeptisch, da ich generell Kaiser/Königreiche kritisch sehe und ich froh bin, heute in einer Demokratie zu leben. Aber Roth hat mich dann stark gefesselt und fein das Leben eines kaiserlichen Beamten, Bezirkshauptmann und kaiserlichen Offiziers im zum Untergang verurteilten Kaiserreich zum Glitzern gebracht.  ›Radetzkymarsch‹ und ›Hiob‹ sind zwei 8000er, die man, aufgrund ihrer Sprachmagie und der Tiefe des Inhalts, immer lesen kann und lesen soll.

Interview: Olga Tsitiridou
© Bild – Olga Tsitiridou am Empfang: Heike Bogenberger

Joseph Roth
Radetzkymarsch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.