Michael Wolffsohn: Zum Weltfrieden

Interview mit Michael Wolffsohn

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Von Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist jetzt das Buch ›Zum Weltfrieden‹ erschienen. Darin plädiert Michael Wolffsohn für ein radikales Umdenken, weg vom traditionellen Staatenmodell, hin zu föderativen Systemen. Wir haben den Autor zu seinen Thesen befragt.

Ihr Buch ›Wem gehört das Heilige Land?‹ liegt bereits in der 11. Auflage vor. Sie gelten vor allem als Kenner der Verhältnisse im Nahen Osten. Was hat Sie zu diesem Buch und seinem globalen Ansatz motiviert?
Meine jahrzehntelange universalhistorische Forschung und die ebenfalls jahrzehntelange Analyse der Internationalen Politik. Mein Spektrum war und ist erheblich breiter als nur Nahost.

Sie sind ein großer Verfechter des Föderalismus. In Deutschland führt jedoch die »Kleinstaaterei« unter anderem zu einem äußerst uneinheitlichen und komplizierten Bildungssystem. Bei Lebensmittelskandalen und Epidemien gibt es regelmäßig ein Chaos der Zuständigkeiten. Nicht zu sprechen von dem Kostenaufwand für die vielen Parlamente, Regierungen und Verwaltungen. Wiegen die Vorteile die Nachteile auf?
Ja, Lebensmittelskandale und so weiter sind empörend, aber im Vergleich zu Fragen von Sein oder nicht Sein »Peanuts«. Mir geht es um die Frage: Wie kann Gewaltlosigkeit, ja, Frieden in und zwischen Staaten erreicht werden. Weltweit schlachten sich Menschen gegenseitig ab. Dabei wollen im Prinzip alle gut leben. Das heißt: Sie wollen durch individuelle und kollektive Selbstbestimmung politische Befriedigung sowie wirtschaftliche Zufriedenheit. Befriedigung plus Zufriedenheit sind Voraussetzungen für Frieden. Wie also erreichen wir in vielschichtigen Gesellschaften (und das sind die meisten) Selbstbestimmung? Meine durch Analysen bestimmte Antwort heißt: durch bundesstaatliche und/oder staatenbündische Zusammenschlüsse. Der Nationalstaat, also die Einheit von Bevölkerung und Staatsgebiet, war und ist fast überall Fiktion, nicht Fakt. Dem muss Rechnung getragen werden. Das vermögen nur föderative Strukturen.

Ist der föderative Staat nicht genauso ein Kunstprodukt wie der Nationalstaat? Wer soll in einem Land, in dem föderative staatliche Strukturen bislang noch nicht vorhanden sind, diese durchsetzen und wie ist ein solcher Wandel in einem Krisenland umsetzbar?
Ich will doch nicht den Inhalt des Buches auf zwei, drei Zeilen pressen.

Im weitgehend friedlichen Kern-Europa besitzen aktuell nur Deutschland, Bosnien und Herzegowina, Österreich und die Schweiz eine föderale Verfassung. Aber auch Russland und sogar zerfallende Staaten wie Irak, Äthiopien, Pakistan, Südsudan und der Sudan, sind zumindest auf dem Papier föderative Staaten. Wie ist das mit Ihrer These zusammenzubringen, dass Föderalismus Frieden schafft?
Papier ist geduldig. In Deutschland, Österreich, der Schweiz ist Föderalismus nicht Papier, sondern gelebter Alltag. Es lebe also der »kleine Unterschied« zwischen Deutschland und dem Sudan.

Weltweit zerfallen Staaten und gibt es Krisenherde. Aber verlieren mit Staatenverbünden wie der EU oder internationalen Organisationen wie der Afrikanischen Union Nationalstaaten nicht sowieso ihre Relevanz? Könnte eine Stärkung solcher staatenübergreifender Strukturen auch eine Lösung sein?
Das eine schließt das andere nicht aus. Das erkläre und zeige ich im Detail, ohne (so hoffe ich) die Leser durch Fakten zu erschlagen. Stets gehe ich von der Wirklichkeit aus. Dabei stelle ich immer wieder fest: Die Konstruktion der gegenwärtigen Staaten und Staatenwelt ist falsch gedacht und weil falsch gedacht, falsch gemacht.

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