Krischan Koch: Mordseekrabben

Krischan Koch über »knallharte Recherchearbeit« und das Leben an der Nordsee

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»Bei den einen genieße ich eine Vorzugsbehandlung, andere sind auf der Flucht«: Krischan Koch erzählt im Gespräch, wie das Leben an der Nordsee als Krimi-Autor ist und wie er die Figuren für seinen neuen Roman ›Mordseekrabben‹ und für Rote Grütze mit Schuss‹ im Stehimbiss zwischen Hamburg und Amrum gefunden hat.

Polizeiobermeister Thies Detlefsen aus Fredenbüll an der nordfriesischen Küste hat jetzt schon seinen zweiten Mordfall zu klären. Und seine Familie und Freunde sind natürlich auch wieder mit von der Partie. Als Leser glaubt man ja, solche Typen wie den gutmütigen Thies, die resolute Imbisswirtin Antje oder den etwas langsamen Postboten Klaas schon immer zu kennen.  Wie sind Sie auf Ihre Romanfiguren gekommen?

Ich muss auf der Fahrt von Hamburg nach Amrum nur mal kurz Pause im Imbiss machen. Da stehen meine Romanfiguren dann am Tresen. Naja, in Wahrheit ist das natürlich knallharte Recherchearbeit. Um die Szenen in dem Stehimbiss »De Hidde Kist« zu schreiben, habe ich sämtliche Imbisse die Nordseeküste rauf und runter abgeklappert. Immer wieder Sauerfleisch, Fischbrötchen und »Putenschaschlik Hawaii«, obendrauf Rote Grütze und dann erst die begleitenden Getränke, das liegt abends beim Schreiben dann reichlich schwer im Magen.

Sie leben in Hamburg und auf Amrum. Nicht umsonst bevorzugt auch Thies die idyllische Nordseeinsel als alljährliches Urlaubsziel. Wie finden das die Amrumer, dass sie einen Krimi-Autor auf ihrer Insel haben, der  sie vielleicht auch mal in seinen Romanen einbaut?

Das ist höchst unterschiedlich. Bei den einen genieße ich seitdem Vorzugsbehandlung. Da gibt es bei der Fischersfrau schon mal einen besonderen Fisch, und das Stück Friesentorte im »Friesencafé« kommt mir seitdem irgendwie ein bisschen größer vor. Andere wiederum grüßen nicht mehr oder sind auf der Flucht. Das hat vielleicht tatsächlich damit zu tun, dass es bei meinem ersten Krimi »Flucht übers Watt« reale Vorbilder gab. Es gibt ja im wirklichen Leben immer wieder Leute, die einem gehörig auf die Nerven gehen. Zwei von denen habe ich in meinem ersten Buch genüsslich über die Klinge springen lassen. Das war irgendwie befreiend. Nun ist etwas Seltsames passiert: Die beiden sind seitdem auch in Wirklichkeit von der Bildfläche verschwunden. Das hat mir doch zu denken gegeben. Seitdem denke ich mir meine Mordopfer lieber aus.

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Frische Krabben und Schollen gibt es bei Marie-Luise Thaden

   

Die Mordmethoden in Ihren Büchern sind recht ungewöhnlich. Da verbrutzelt schon mal jemand auf einer Sonnenbank oder wird in einem Kochtopf mit Labskaus ertränkt.  Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Ja, stimmt, irgendwie schon ein bisschen seltsam. Wie ich darauf komme, möchte eigentlich selbst gar nicht so genau wissen. Schon unheimlich. Nächste Frage, bitte.  

Was steht für Sie im Vordergrund, wenn Sie einen Roman schreiben – der Kriminalfall oder die Satire?

Zuerst sind die Personen da. Am meisten Spaß habe ich beim Entwickeln der Charaktere und Schauplätze und auch beim Schreiben der Dialoge. Und wenn mir grade ein bestimmter Trend ins Auge springt, dann muss ich den einfach satirisch aufnehmen. Kreuzfahrten, Wellnesshotels, Golf. Und im nächsten Fredenbüll-Krimi geht es um die aktuelle Sehnsucht der Städter nach dem ganz einfachen Landleben mit »Landlust« und traditionellem Gartengerät aus dem »Manufaktum«-Katalog. Aber dann fällt mir irgendwann wieder ein, dass da dieses Wort »Krimi« vorne auf dem Cover steht. Und so muss dann, so leid es mir tut, ab und zu jemand auf die Sonnenbank oder in den Labskaustopf.

Sind die Norddeutschen besonders komisch?

Es ist zumindest eine Komik, die ich mag: knapp und trocken. Der echte Norddeutsche ist eben kein Schnacker. Und wenn dann übermotivierte Mafiosi, die hippe Medienschickeria aus der Stadt oder Schamanen mit esoterischem Kauderwelsch auf meine Helden im Stehimbiss treffen, dann… ja, da wird dann eben nicht lange geschnackt. 

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Schreibpause im Watt

 

Sie haben viele Lesungen mit Ihren Büchern, einige davon natürlich auch auf Amrum, wo Sie Ihre Lesungen gerne auch mal mit einer Fahrradtour verbinden. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zum Leser?

Als Autor sitzt man ja ziemlich einsam an seinem Schreibtisch. Bei einer Lesung bekommst du dann auf einmal ein Gefühl dafür, ob ein Gag oder eine spannende Szene funktioniert oder nicht. Das ist wie beim Kabarett. Entweder die Leute lachen oder nicht. Mir macht das viel Spaß, meinen Figuren durch die Stimme noch mal einen eigenen Charakter zu geben. Und diese Fahrradtouren auf Amrum, bei denen ich mit einer Gruppe über die Insel radle und an verschiedenen Originalschauplätzen lese, sind noch mal etwas Besonderes, das zu meinem Amrumer Sommer mittlerweile dazugehört. Während der Radtour erzählen mir die Leser zwischendurch alte Urlaubsgeschichten und neusten Inseltratsch. Herrlich.

Wie geht’s weiter mit Thies & Co? Sieht  Fredenbüll einem beschaulichen Herbst entgegen oder wird es wieder spannend?

Ich hatte mich eigentlich auf einen beschaulichen Herbst eingestellt. Ich fürchte, daraus wird nichts. Die Leser der »Roten Grütze« werden vielleicht noch erinnern, dass bei Thies Detlefsen in seiner Fredenbüller Wache dieses uralte Fahndungsplakat hing, mit den Bankräubern Besnik Sinsic, Klaus Zaczyk und Torben Voss. Thies hatte die Hoffnung längst aufgegeben, dass das Trio mal in  Nordfriesland aufkreuzt. Und dann wird auf einmal die Filiale der Raiffeisenbank im Nachbarort Schlütthörn überfallen und Oma Ahlbeck, die Mutter des Fredenbüller Bürgermeisters als Geisel genommen. Tja, was will man machen. 

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2 Kommentare zu “Krischan Koch: Mordseekrabben

  • 19. September 2016 um 08:49
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    Gestern durften wir Sie im Imperial Theater bei ihrer Lesung anlässlich der Harbour Front Days erleben. Sie haben unsere Erwartungen übertroffen! Nicht nur der wundervolle Humor, sondern dazu, wie Sie den Figuren ihre ganz eigene, passende Stimme geben – grandios! Als Amrum Fans (ich hab da laufen gelernt…) sind wir seit „Flucht übers Watt“ begeisterte Anhänger und lieben Ihre Bücher. Auf Amrum wird dann vorgelesen und die Figuren erscheinen vorm inneren Auge, zB Piet Paulsen. Die Verknüpfung zwischen dem, was gerade geschieht mit der Umgebung oder den Charakteren gelingt Ihnen einmalig! Wir wünschen uns noch viele Bücher über die Fredenbüller mit Thies, Heike, Nicole und de Hidde Kist mit Vegetarierhund Susi! Dazu Kokosriegel, tote Tanten und ab und zu ein Croque Störtebeker.

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  • 6. August 2016 um 17:10
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    ist schon irgendwie komisch, seit Jahren bin ich zweimal im Jahr auf der kleinen, feinen Insel in immer derselben kleinen, feinen Ferienwohnung. Erst im letzten Mai hatte ich das Vergnügen, Sie persönlich kennenlernen zu dürfen. Ich genoss das wunderschöne Wetter im Strandkorb im Nachbargarten, Sie machten sich bereit, die Insel zu verlassen. Ja, es gibt vieles, was wohl nicht nur Sie und ich lieben, die Weite, den Himmel, die Wolken, den Wind ……. aber auch das Steuerhaus mit den Sandschollen und Krabben.
    Ihre Bücher sind Pflicht für uns, genau die richtige Lektüre für die Insel, man kennt ja alles, jeden Weg und Steg, den Sie beschreiben, und ist so mitten im Geschehen.
    Im September geht’s wieder gen Norden, ich habe es nicht weit, vom Süden Hamburgs ist es nur ein Katzensprung und der Koffer ist schnell gepackt, man braucht nicht viel auf der Insel, einen warmen Pulli und ein Koch-Krimi im Gepäck reichen schon.

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