Lesley M. M. Blume: Ein Selbstgespräch

»Hemingway revolutionierte die Literatur, und bei jeder Revolution rollen Köpfe.«

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Ihr Buch über Hemingway und die Entstehung seines Romans ›Fiesta‹ wurde in den USA zum New-York-Times-Bestseller. Was hat Lesley M. M. Blume zu ›Und alle benehmen sich daneben‹ veranlasst, wie hat sie recherchiert und wie erging es ihr bei der Konfrontation mit der Ikone des Männlichen? Ein Selbstgespräch.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen? Und was hat Sie veranlasst, gleich ein ganzes Buch darüber zu schreiben?
Ich recherchierte gerade für ein anderes Projekt, als ich ein Foto von Hemingway entdeckte, in dem er mit einer Gruppe von Leuten an einem Tisch sitzt, darunter eine attraktive, elegante Dame. An ihrer Art, in die Kamera zu blicken, war etwas Besonderes, es gelang ihr, prüde und kokett zugleich zu erscheinen. Bald erfuhr ich, dass es sich um Lady Duff Twysden handelte und dass sie Hemingway in seinem Debütroman ›Fiesta‹ zu der Figur Lady Brett Ashley inspiriert hat, Ikone einer Femme fatale. Zunächst war ich überrascht, ich beschäftige mich seit Langem gerne und ausführlich mit der Lost Generation, aber mir war nicht klar gewesen, dass Brett wirklich existierte, und ich wollte mehr über sie erfahren. Ich begann, mich umzusehen, ob bereits etwas über die reale Geschichte hinter dem Roman ›Fiesta‹ geschrieben worden war, wurde aber nicht fündig. Genau das Foto, das mich auf das Thema brachte, ist jetzt vorne auf dem Umschlag des Buches zu sehen.

Wovon handelt das Buch?
In ›Und alle benehmen sich daneben‹ geht es um die aufwühlenden Ereignisse, die Hemingway 1926 zu seinem Debüt ›Fiesta‹ inspirierten. Das Buch beginnt mit dem Jahr 1921, als Hemingway im Alter von zweiundzwanzig Jahren mit seiner Braut Hadley in Paris aufkreuzt, und zwar mit leeren Händen – abgesehen von ein paar Geschichten, den Anfängen zu einem Debütroman und einer Menge Talent und Ehrgeiz. Er ist fest entschlossen, sich an der literarischen Revolution zu beteiligen, die unter den Expats, den in Paris lebenden Amerikanern, stattfindet; seine Art zu schreiben ist bereits experimentell. Nach und nach wird dann aber klar, dass er die Revolution eigentlich anführen will. Doch anfänglich wollte niemand seine Short Stories kaufen. Und selbst als ein paar Nischenverlage sich für sein Werk interessierten, war ihm klar, dass er, wenn er ernst genommen werden wollte, einen Roman schreiben musste. Damals dienten Romane der Unterhaltung eines Massenpublikums. Alle Publikumsverlage suchten nach dem einen großen Zeitgeistroman. Dieser ultimative Roman wollte ihm aber nicht gelingen, bis Duff Twysden, die Femme fatale auf dem Foto, die Bühne betrat und ihm genau das Material lieferte, das er so notwendig brauchte. Mein Buch dokumentiert seinen zähen Ehrgeiz und sein Talent, hehre Ziele oft durch fragwürdige Mittel zu erlangen. Und im Kern geht es in ›Und alle benehmen sich daneben‹ darum, wie aus Hemingway Hemingway wurde.

Internationale Ausgaben von ›Fiesta‹

Erzählen Sie uns, wie Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen sind.
Ich machte mich auf die Suche nach Memoiren (die meisten sind nicht mehr lieferbar), nach Briefen, Essays und Zeitungsartikeln und versuchte, aus der Perspektive der Hauptfiguren zu erzählen, was hoffentlich dazu führt, dass der Leser den Eindruck hat, er würde die Geschichte direkt von ihnen erfahren. Außerdem führte ich viele Interviews mit Hemingways Familie und Freunden, mit Nachfahren der anderen Figuren in dem Buch und mit Experten in vielen Bereichen, um das Erzählte in einen Kontext zu stellen. Außerdem verbrachte ich viel Zeit in Archiven. Hemingway war ein Sammler, und ich reiste zu verschiedenen Institutionen, um seine Entwürfe, Briefe, Fotos und Telegramme zu sichten. Er hob sogar Eintrittskarten auf.

Welche Figur in dem Roman beeindruckt Sie am meisten?
Hemingway selbst, ein widersprüchlicher Mensch. Er war großherzig und kleinlich zugleich, äußerst ehrgeizig, mitunter aber auch demütig. Das Wesen seines Charismas hat in meinen Augen keiner seiner Zeitgenossen zufriedenstellend beschrieben. Er war charmant und konnte überaus großzügig sein, aber auch verächtlich, ja selbst gehässig, besonders zu denen, die ihm am nächsten standen. Er hat so gut wie jeden, der ihm weiterhalf, auf irgendeine Weise abgestraft.
Lady Duff Twysden faszinierte mich ebenfalls. Im Unterschied zu den meisten anderen Figuren in dieser Geschichte hinterließ sie keine Tagebücher und hatte keine Interviews gegeben. Wie Hemingway schien ihr Charakter durch Widersprüchlichkeit gekennzeichnet, eine Jezebel, die umgeben von Männern durch Paris zog, und doch wirkte sie von ihrem Auftreten her recht maskulin und burschikos. Manche behaupteten sogar, sie habe sich nur selten gewaschen. Doch wie eine Figur aus meinem Buch sagte: »Wir waren alle in sie verliebt, sie konnte sich in Szene setzen.« Für mich wurden Duff und Hemingway nach und nach wie zwei Seiten einer Medaille – er präsentierte sich als Inbegriff männlicher Bravour und Duff war die Personifizierung weiblicher Verführungskunst.

Wie erging es Ihnen als Journalistin bei der Konfrontation mit einer Ikone des Männlichen?
Es war einschüchternd. Es gibt viele Wissenschaftlerinnen und Literaturkritikerinnen, die sich mit Hemingway beschäftigen, aber die meisten weiblichen Biografen halten sich an die Frauen in seinem Leben. Während meiner Recherchen schien man allgemein anzunehmen, dass ich Hemingway in meiner Rolle als Biografin härter beurteilen würde, dass mich sein übertrieben männliches Image vielleicht abstoßen könnte und ich meinen Standpunkt umso aggressiver verteidigen würde. Doch Hemingway war ein unermüdlicher Reporter mit einer persönlichen Abneigung gegen jede Art von Konvention und er versuchte, ein außerordentlich ehrgeiziges Projekt auf die Beine zu stellen. Und obwohl ihm nicht immer zu trauen war, bewundere ich die Uneigennützigkeit seiner Ziele und sein Verlangen, auf großem Fuß zu leben – das hat ihn bis zu seinem letzten Lebensjahr anscheinend nicht verlassen. Außerdem wurde mir zu Anfang meiner Recherchen zugetragen, dass der Hemingway-Clan niemanden an sich heranlasse – der Hauptgrund liegt darin, dass seine Familie und Freunde sich gegen das nicht nachlassende weltweite Interesse an seiner Person abschotten müssen. Doch ich ließ nicht locker, und so waren viele Menschen aus seiner Umgebung mir gegenüber schließlich sehr offen und gesprächig.

Was erzählt dieses Buch Neues?
›Und alle benehmen sich daneben‹ wird selbst Leuten, die bereits viel über Hemingway wissen, Neues bieten. Dieses Buch geht der Hemingway-Legende und ihren Anfängen auf den Grund. Meiner Ansicht nach hat bislang niemand in einem für ein breites Publikum angelegten Werk erzählt, wie eng Hemingways plötzliche Berühmtheit mit seinem Roman ›Fiesta‹ zusammenhing, noch hat jemand beleuchtet, welch gewichtige Rolle dieses Buch dabei spielte, moderne, nach dem ersten Weltkrieg entstandene Literatur einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Er war damals nicht der Einzige, der die Prosa revolutionierte, doch war er der Einzige, der ein Massenpublikum erreichte. Bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung von ›Fiesta‹ berichtete eine bedeutende Zeitung von einem ›Hemingway-Kult‹ auf zwei Kontinenten. Der Roman etablierte Hemingway auch als Stimme seiner Generation (er gab jener Generation den Namen: Lost Generation) und als literarische Ikone, die er bis heute noch ist. Er beeinflusst amerikanische Erzählkunst noch immer in großem Maße. Ein Redakteur der ›Paris Review‹ erzählte mir, dass viele der Manuskripte, die auf seinem Schreibtisch landen, Hemingway nachahmen.

Mein Buch zeigt die Expat-Gemeinde in Paris aus der Insider-Perspektive und diese Leute schildern eine Stadt, die mit den charmanten Klischees von Croissants und Cafés crème nur wenig gemein hat. Für sie konnte Paris in den zwanzigerjahren recht düster und hart sein. Die amerikanische Gemeinde hatte ihre eigenen Regeln und eine eigene Atmosphäre. Es war eine merkwürdige und nach außen hin abgeschottete Welt, in der Ehrgeiz und Innovation zählten, in der viel getrunken und nichts verziehen wurde. Viele derer, die ihr angehörten, schafften es nicht, Schritt zu halten, und viele von ihnen waren irgendwann am Ende. Einigen hingegen gelang der Durchbruch – doch niemand gelang er so gut wie Hemingway, der in seinem Roman ›Fiesta‹ jene Zeit für die Nachwelt festhielt. Ich habe die Archive und Aufzeichnungen von Scribner durchforstet und Material gefunden, das zeigt, wie der Verlag seinen umstrittenen neuen Autor mit einer Aura von Geheimnis umgab – übrigens der Part, der mir in meinem Buch mit am besten gefällt.

Vor allem aber geht es um die realen Personen, die in dem Roman eine Rolle spielen. Hemingway gestaltete alle Hauptfiguren des Romans nach Leuten aus seinem Freundeskreis und bediente sich auch solcher Details aus ihrem Privatleben (Scheidungsdramen, Geldprobleme, sexuelle Vorlieben und so weiter), die die Betroffenen wohl nur ungern veröffentlicht sahen. Die wirklichen Personen treten in dem Roman natürlich unter Pseudonym auf, doch jeder wusste damals genau, wer jeweils gemeint war, und für manche war der Roman sehr verletzend. Von Anfang an wurde ›Fiesta‹ als Schlüsselroman verstanden. Ich habe Interviews mit den Nachfahren dieser Leute geführt und nachgeforscht, wie ihr Leben weiter verlief, und habe festgestellt, dass ihr Auftritt in dem Roman ›Fiesta‹ jeweils großen Einfluss auf ihr weiteres Schicksal hatte. Manchen von ihnen gelang es nie mehr, sich aus dem Schatten des Romans zu befreien. In Hemingways Augen waren das Kollateralschäden. Schließlich revolutionierte er die Literatur, und bei jeder Revolution rollen Köpfe.

Und alle benehmen sich danebenQuelle: lesleymmblume.com; mit freundlicher Genehmigung von Lesley M. M. Blume; Übersetzung: Sylvia Spatz

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