Liv Winterberg: Vom anderen Ende der Welt

Der Bestseller jetzt auch im Taschenbuch!

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Im Interview spricht Liv Winterberg über ihre Recherche für ihren ersten Roman ›Vom anderen Ende der Welt‹, Frauen, die sie bewundert und darüber, warum sie selbst noch nie eine große Schiffsreise unternommen hat. Mit ›Vom anderen Ende der Welt‹ schrieb Liv Winterberg einen Bestseller, der jetzt auch im Taschenbuch erhätlich ist!

 1) Warum ein historischer Roman?

Als ich mich mit der Frage befasste, welches Thema ich gern in einem Roman erzählen würde, merkte ich, dass mich die Ideen interessierten, die auf einem realen historischen Hintergrund basieren. Da ich leidenschaftlich gern recherchiere, habe ich viel Freude daran, mich in mir bisher meist unbekannte Themen einzuarbeiten und »vergangene Zeiten abzutauchen«. Bei der Recherche packt mich dann immer wieder eine Art »Jagdfieber«, und so vereinen sich im Genre des Historischen Romans für mich zwei wunderbare Tätigkeiten: schreiben und recherchieren …

2) ›Vom anderen Ende der Welt‹ basiert auf dem Leben der französischen Botanikerin Jeanne Baret. Was faszinierte Sie an dieser Frau?

winterbergcoverDer Mut dieser Frau, denn sie riskierte mit dieser Reise ihr Leben. Zu dieser Zeit sagte man den Seefahrern noch nach, dass das Reisen auf einem Schiff mit einem Aufenthalt in einem Gefängnis zu vergleichen sei, nur dass man auf dem Schiff noch in Kauf nahm, dabei sterben zu können. Die Sterblichkeitsraten bei Schiffsreisen waren damals noch enorm.
Zudem begeisterte mich Jeanne Barets Wille, so konsequent ihrer „Berufung“ zu folgen. Das war für mich eine heute noch spürbare Begeisterung und Hingabe für ihre Arbeit – das hat mich »gepackt«.

 

3) Wie sah die Recherche für ›Vom anderen Ende der Welt‹ aus?

Sicherlich ist es nicht sonderlich überraschend, wenn ich sage, dass ich für dieses Buch nicht einmal um die Welt reisen konnte, auch wenn ich es sehr gern getan hätte. Für meine Recherchen habe ich deshalb alles herangezogen, was denkbar war: Zahlreiche Bücher, die sich mit den Themen der Entdeckungsfahrten, Botanik, Heilkunde, Schiffsbau usw. befassten, habe ich gelesen, teilweise mehrfach. Zudem habe ich verschiedene Museen besucht, in Berlin haben wir ja eine große Auswahl. Hierzu gehörten auch, was bei dem Thema nahe liegend ist, einige Besuche in den Botanischen Garten. Weiterhin habe ich Filme und Dokumentationen geschaut, Reiseführer verschlungen und Zeitungen durchforstet. Entscheidend waren aber oft die Auskünfte von Experten, die mir immer wieder Frage und Antwort standen, zum Teil sogar den ganzen Roman gelesen haben. Bei diesem Roman hatte ich beispielsweise eine Expertin für Botanik, eine für Medizin und einen für die Seefahrt im 18. Jahrhundert. Oft habe ich mich auch mit Detailfragen an Spezialisten gewandt: Um zu erfahren, wie ein Mensch aussieht, der sich erhängt hat, habe ich einen Freund befragt, der bei der Kriminalpolizei arbeitet. Um die Handgriffe zu kennen, die im 18. Jahrhundert nötig waren, um eine Schulter einzurenken, musste ein Chirurg Auskunft geben. Das ist jetzt nur eine Auswahl an Beispielen, die aber hoffentlich einen kleinen ersten Eindruck gibt. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass es häufig die berühmten »Kleinigkeiten« waren, die sich dann aufwendiger herausstellten als ich erwartet hatte.

4) Sind Sie selbst schon auf einem großen Segelschiff mitgefahren?

In Berlin spielt die Schifffahrt leider keine bedeutende Rolle, da hätte ich es, wenn ich an der Nord- oder Ostsee leben würde, sicherlich auf mehr Erfahrungen gebracht. Insofern habe ich nur die üblichen Schifffahrten unternommen, die sich hin und wieder im Zusammenhang mit Urlauben ergeben, sei es auf Kuttern an der Nordsee, auf Segelbooten in Binnengewässern mit Freunden oder die klassischen Fährenüberfahrten. Leider muss ich zugeben, dass ich sehr anfällig bin, was die Seekrankheit betrifft, deshalb halte ich mich in dieser Hinsicht auch eher zurück und überlasse das Abenteuer einer Fahrt mit einem Segelschiff außerhalb der Binnengewässer, wo ja meist der Wellengang ein ganz anderer ist, lieber anderen.

5) Hatten Sie selbst einmal Gedanken, ähnlicher Ihrer Hauptfigur, gegen alle gesellschaftlichen Konventionen zu handeln?

Nein, um ehrlich zu sein nicht. Bisher habe ich mich nie von gesellschaftlichen Konventionen derart eingeengt oder gehindert gefühlt, dass ich gegen sie handeln musste. Sicherlich wurde ich auch hin und wieder etwas schräg angeschaut, als ich die ersten Male formulierte, dass ich Germanistik studieren wolle, denn das gilt ja als eines der brotlosen Berufsfelder. Aber heute muss man sich davon nicht mehr aufhalten lassen, man hat die Wahl, ob man sich für ein Ziel einsetzt, auch wenn es erst einmal abwegig oder aussichtslos erscheint. Ganz im Gegensatz zu Jeanne Baret, die durch die gesellschaftlichen Konventionen in ihrer Entscheidungsfreiheit beschnitten und auf das damals geltende Rollenmodell reduziert wurde.

6) Welche Frauen bewundern Sie und wofür?

Diese Frage ist schwerlich zu beantworten, da es viele Frauen gibt, die ich bewundere. Meist sind es einzelne Charaktereigenschaften, ein Talent oder ein besonderes Engagement, das ich bemerkenswert finde. Insofern beeindrucken mich auch ganz »normale« Frauen, die gänzlich unbekannt sind, über deren Handeln niemand spricht. Sei es die Freundin, die unglaublich berührend singen kann, die Nachbarin, die ehrenamtlich in einem Hospiz arbeitet oder die Bekannte, die einfach zum Niederknien gut kochen kann, wenn sie nicht gerade in einer Schrauberwerkstatt ihren heiß geliebten Oldtimer wieder fit macht. Wie gesagt, die Bandbreite ist da enorm, und ich glaube, fast jeder hat eine Seite in sich, die ihn auszeichnet – die einen leben sie nur offensichtlicher als die anderen.

7) Sie haben vom Schreiben für Film und Fernsehen zum Romanschreiben gewechselt.  Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?

Nein, ich habe »die Seiten« nicht wirklich gewechselt, in den letzten Jahren blieb durch die Arbeit am Roman wenig Raum für den Bereich Film und Fernsehen, wenn überhaupt habe ich Recherchen für verschiedene Dokumentationen gemacht. Das ist in der Regel ein klar abgesteckter Zeitrahmen, so dass ich diese Projekte gut mit dem Romanschreiben kombinieren kann. Kürzlich habe ich aber wieder ein Ideenpapier für eine Filmproduktionsfirma entwickelt. Wichtig ist mir zu betonen, dass das Drehbuchschreiben mir das notwendige »Handwerkszeug« zum Schreibens geliefert hat. Denn hier habe ich viel über Dramaturgie gelernt, beispielsweise darüber, wie einen Stoff strukturiert, wie man Entwicklungsbögen in Figuren anlegt oder Dialoge gestaltet. Das kommt mir nun beim Schreiben von Romanen zugute.

Das Interview führte Marianne Bohl

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