Martin Luther und die Kehrseite der Reformation

»Wäre Luther eine Figur des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen, wir wissen, wie blutrünstig es zumindest in der ersten Hälfte war, hätte man ihm in Nürnberg den Prozess gemacht.«

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Vor 500 Jahren formulierte Martin Luther seine berühmten Thesen. Er habe mit ihnen allerdings keine gesellschaftliche Erneuerung, sondern eine blutige Gegenreformation ausgelöst, meint Autor Michael Lösch in seinem neuen Buch ›Wäre Luther nicht gewesen‹. Den Dreißigjährigen Krieg hätte es in dieser Form, so der Autor, nicht gegeben. Im Interview legt Michael Lösch diesen provokanten Gedankengang offen.

Pünktlich zum Luther-Jahr 2017 ist Ihr neues Buch ›Wäre Luther nicht gewesen‹ erschienen. Grundstein für dieses Buch ist ein interessantes und gleichsam spekulatives Gedankenexperiment: Wie wäre die deutsche und europäische Geschichte ohne Martin Luther verlaufen? Wie kamen Sie zu dieser ungewöhnlichen Frage?
Über Friedenthals Luther-Buch, das ich immer noch als das weit beste bezeichne, das auf dem Markt ist – leider, wie ich glaube – vergriffen. Friedenthals Luthereinschätzung ist indes eher wohlwollend. Wenn er Kritik übt, dann vornehm und leise. Ich kann mich vor so viel Respekt nur verneigen. Dass ich dann zu meiner doch eher harschen Haltung gekommen bin, liegt, sage ich mal, an unserer Einstellung heute: Wollen wir Luthers Welt? Ist die evangelische Kirche nicht an einem Punkt angelangt, an dem sie Luther nicht kritisch reflektieren sollte? Will die evangelische Kirche diesen Luther wirklich? Ich jedenfalls finde ihn eher zum Fürchten.

Eine provokante These in Ihrem Buch lautet: »Die Kampfmoral Luthers« führte geradewegs in das Blutvergießen des Dreißigjährigen Krieges. Können Sie uns diesen Gedankengang skizzieren?
Eine Gegenfrage: Wäre der damalige Weltkrieg ohne gläubige Überzeugungen denkbar? Waren diese gläubigen Überzeugungen nicht Öl im Feuer eines zugegeben rauflustigen Europas? Soll heißen, einen oder mehrere Kriege hätte es damals in dieser Zeit der vielfältigen Umbrüche und gegensätzlichen Interessen auf jeden Fall gegeben, aber das Ausmaß, also diesen Flächenbrand, den hätte es so kaum gegeben. Der damalige Mensch war in Glaubensdingen leicht reizbar, auch ohne Luther. Umso schlimmer, dass es dann Luther, ein Theologe des Neuen Testaments, ist, der keine Gnade und daraus folgend keinen Frieden kennt. Für mich gilt: Der Dreißigjährige Krieg wäre niemals in dieser Radikalität ohne Religion und ihre Gewissheiten geführt worden.
Luther hat zurecht viele seiner Zeitgenossen entzündet, er aber wollte aus seiner innersten Glaubensgewissheit keinen Frieden. Beinahe hysterisch hat er in sich hinein und zu den anderen hinausgerufen: Ist doch kein Frieden! Frieden – der schien ihm geradezu frevelhaft. Zugegeben, weil er in seiner Suche nach einem gnädigen Gott ehrlich und ohne Ego vorgegangen ist, weil er keine Kompromisse machen wollte. Für uns aber trifft das genau den Punkt: Luther denkt aus seiner Überzeugung heraus intolerant und monokultural. Und dies hat offenbar dann das Feuer, den Furor des 30-jährigen Krieges, entfacht. Seine Aggressivität gegen die Altgläubigen hat wiederum diese aggressiv werden lassen. Man kann sagen, der Dreißigjährige Krieg hat eine Motivlage gehabt, die den aufbrechenden Menschen der Neuzeit aus dem Theologischen kommend zurück ins Mittelalter und damit ins Verderben gestürzt hat.

Martin Lösch studierte Germanistik, Anglistik, Geschichte und Politologie und war Gymnasiallehrer, bis er sich 1991 als Schriftsteller und DJ selbstständig machte. Die Auseinandersetzung mit seiner religiösen Herkunft und Erziehung begleitet ihn sein Leben lang.
Martin Lösch studierte Germanistik, Anglistik, Geschichte und Politologie und war Gymnasiallehrer, bis er sich 1991 als Schriftsteller und DJ selbstständig machte. Die Auseinandersetzung mit seiner religiösen Herkunft und Erziehung begleitet ihn sein Leben lang.

Wie erklären Sie sich Luthers Radikalität und Kompromisslosigkeit?
Sehen wir uns diesen Menschen Luther einmal an: seine Eltern haben einen gewissen Wohlstand erworben, Kirche ist wichtig, aber Wohlstand ist als bürgerliche Auszeichnung wie auch als Selbstbezeichnung wichtiger. Ihr hochbegabter Sohn soll der neuen, nicht der alten Welt angehören, er soll Jurist werden, nicht etwa Geistlicher. Die Juristerei verspricht leichtverdientes, der Bürgerlichkeit zu verdankendes Geld. Luther aber fühlt sich genau in dieser Welt erwachender Bürgerlichkeit unwohl. Er hat ja als Student der Jurisprudenz einen guten intellektuellen Austausch, er findet seinesgleichen, aber allein das großstädtische Treiben in seiner Studienstadt Erfurt ist ihm fremd, er findet sich nirgends zuhause, typisches Schicksal des Hochbegabten. Er sucht nach den Dingen dahinter und findet sie nicht. Sein Gewittererlebnis erscheint mir nachträglich erhöht, es ist mir eine selbstgezimmerte biografische Folklore, ein schöner, dramaturgisch gut einsetzbarer Punkt. Ich denke, er wäre auch ohne sein Gewittererlebnis ins Kloster gegangen. Noch vor seinem Erlebnis hat er depressive Anwandlungen. Einmal finden ihn seine Freunde reglos am Boden liegen. Er war ein psychisches Wrack. Manche Lutherkenner spekulieren gar mit einer Bereitschaft zum Selbstmord. Das scheint mir plausibel. Darum also sein Eintritt ins Kloster, nicht wegen des Gewitters. Die Eltern sind fassungslos. Sie sind gläubige Menschen, doch ist ihnen dieser Schritt unverständlich. Selbst im Kloster martert er sich derart heftig, dass das selbst seinen Vorgesetzten zu viel wird. Einer sagt ganz richtig: »Nicht Gott ist es, der dir zürnt, sondern du zürnst Gott«.

Luthers Zeit war eine Epoche des Umbruchs, der Renaissance und des Humanismus. Es gab vor und neben Luther weitere scharfsinnige Kritiker der römischen Kirche. Hätte es demgemäß moderatere Alternativen für eine Kirchenreform gegeben?
Ja. Vom Landgrafen bis zum Fürsten – alle waren darüber eins, dass es so nicht weitergehen konnte. Rom war nicht mehr das, was es mal war, es war nicht nur verweltlicht, es war korrupt und machtgierig. Der Papstsohn Cesare Borgia hatte seinen Kardinalshut in die Ecke gefeuert, er wollte Fürst sein, einer, der sein eigenes Territorium per Krieg gewinnt. Ein Papst, Julius II., hat mehr das Schwert geführt als den Krummstab. Kein Wunder also, dass freie Geister wie Erasmus das Papsttum zwar nicht infrage stellten, aber als reformbedürftig empfunden haben. Ganz abgesehen davon, dass bereits Jan Hus hundert Jahre vor dem großen Reformator ein Ideengefüge gezimmert hat, das jeden frei denkenden Menschen zu einer ernst zu nehmenden Kritik an der katholischen Kirche anregte. Und zweihundert Jahre vor Luther hat ein tiefgläubiger Kaiser (Ludwig der Bayer) das – ich sage mal – Geschäftsgebaren Roms abgelehnt. Und schließlich betritt der Star der Neuzeit das geschichtliche Rampenlicht: der Buchdruck. Mit den vielen, neuen Zweifeln und Wissenserkenntnissen beginnt der Diskurs, und er wird offen und frei geführt, UND es beteiligen sich alle, die des Lesens kundig sind an einem massenhaften Thinktank in Sachen Reform. Mit einem Wort: der Reformstau war so groß, dass es wie immer zu einer Wende gekommen wäre.

Ist Ihr kritischer Blick auf das Christentum auch Produkt einer Auseinandersetzung Ihrer religiösen Herkunft und Erziehung?
Na ja, ein eigenes Feld, das mir ein wenig Unbehagen verursacht, weil es letztlich wenig zur Sache tut. Aber zugegeben, mein Vater war evangelischer Pastor, und wie Luther hat er in meiner Hinwendung zum Weltlichen eine Gefährdung seines Sohnes erkennen wollen. Wie Luther hat er mir etwa den Spaß am Vergnügen, wenn er nicht religiöser Natur war, verboten. Luther hat ja das Tanzvergnügen der jungen Erfurter gegeißelt. Mein Vater hat meine Tanzvergnügen, da moderne Tanzmusik gespielt wurde, auch als Bedrohung empfunden. Und wie Luther wusste er zweifelsfrei, was rechter und unrechter Glaube war. Die Musik der Beatles etwa lehnte er vehement ab, er nannte sie dämonisch.

Welche Schlussfolgerungen für den eigenen Glauben und die Stellung zur Kirche würden Sie sich bei den Leserinnen und Lesern wünschen.
Oh, da geht mir das Herz über. Worum geht es im Grunde? Worum geht es der Religion im Grunde? Oder anders: worum sollte es der Religion gehen? Um Frieden. Um das Miteinander, um den Respekt vor dem anderen. Die Frage lautet: Wie schaffen wir Frieden? Es gibt nichts Wertvolleres als diesen vielbeschworenen, ständig, beinahe als Worthülse verwendeten Begriff. Ich habe mich also beim Studium von Friedenthals Lutherarbeit gefragt, ob und wie Frieden bei Luther eine theologische oder weltanschauliche Dimension hatte. Luther jedenfalls ruft aus: Frieden, Frieden, es gibt keinen Frieden! Mir ist das eine Motivlage, ein Ausgangspunkt, der sich dann im Verlauf der Glaubenskriege aufs Trefflichste bewahrheitet. Luther hat sich wiederholt aufs Schwert berufen. Ich möchte nicht wissen, wie sich Luther heute zu den aktuellen Ereignissen geäußert hätte.

Darf ich noch was dranhängen?
Wäre Luther eine Figur des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen, wir wissen, wie blutrünstig es zumindest in der ersten Hälfte war, hätte man ihm in Nürnberg den Prozess gemacht. Wenn sich Pius XII. noch zurückhaltend gegenüber den faschistischen Mächten gezeigt hat, hätte sich Luther vorgewagt, mutig wie er war. Ob er sich dabei von den menschenverachtenden Thesen seiner Zeit ähnlich wie Bonhoeffer abgewandt hätte, wage ich indes zu bezweifeln. Wie wäre er heute unter die Leute gegangen, unser Luther? Rolf Hochhuth hat mit seinem ›Stellvertreter‹ nicht so sehr über Pius ein Stück geschrieben als viel mehr über Glaube und Verantwortung. Eine Art spekulatives Theater über Luthers Rolle im Faschismus würde auch heute noch die Gemüter erhitzen. Zu Recht, meine ich. Luther ist zunächst dieser Befreiungstheologe, er stellt sich allen, selbst dem Kaiser, er kennt das Ende von Jan Hus und nennt sich einen Hussiten, er stellt sich der Sache, seiner Sache. Dann versteckt er sich auf der Wartburg, macht seine großartige Bibelübersetzung und scheint nun eine Gewissheit zu entwickeln, die über jeden Zweifel erhaben ist. Wenn sein früherer Weggefährte Erasmus Gewissheiten grundsätzlich infrage stellt, hat Luther über seine Gewissheiten einen Kampfgeist entwickelt, der Einwände nicht mehr gelten lässt. Wenn Erasmus über den Frieden schreibt, stöhnt Luther, es gibt keinen Frieden! Und aus diesem Satz empfiehlt er das Abschlachten der revoltierenden Bauern. Nicht, weil sie theologisch im Unrecht sind, sondern, weil sie sich gegen die Obrigkeit stellen. Das aber ist nicht Luthers Sache. Da aber hätte er den Mund halten sollen. Damals schon, wie viel eher dann, als er sich die Juden vorknöpft. Er gewinnt über die Jahre eine Intransigenz, die den Geist seiner Zeit zum Ungeist macht: wer nicht für mich ist, ist gegen mich und damit gegen alle Andersdenkenden.
Luther würde das als Motto über den brüchigen Frieden unserer Tage hängen. Wohin aber führt das?

Interview von Linus Schubert / dtv

›Wäre Luther nicht gewesen‹ erhältlich als Klappenbroschüre und eBook

Michael Lösch
Wäre Luther nicht gewesen
Michael Lösch
Wäre Luther nicht gewesen

›Martin Luther: Reformator, Rebell und Judenhasser‹: Ein Beitrag von Michael Lösch auf Deutschlandradio Kultur. Den Beitrag können Sie hier lesen.

Weitere Bücher zum Thema gibt es hier.

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