Matt Ruff: Mirage

Bagdad, 9.11.2001. Was, wenn alles genau anders herum passiert wäre?

Matt Ruff© mHilliard/MHHM Seattle

In seinem neuen Roman stellt Matt Ruff die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf: ›Mirage‹ ist die geniale Umkehrung der 9/11-Realität. Im Interview verrät der Autor mehr über sein ebenso provokantes wie unterhaltsames Werk.

Erzählen Sie uns ein bisschen von der Alternativwelt, in der ›Mirage‹ spielt.

Die Vereinigten Staaten von Arabien (VSA) sind das Zentrum der freien Welt, eine föderative Republik aus 22 Bundesstaaten, die vom Nahen Osten bis nach Nordafrika reicht. Hauptstadt ist Riad. Es gibt zwei politische Parteien: die konservative, von den Saudis dominierte Partei Gottes und die liberalere, weltliche Partei der Eintracht, die von Gamal A. Nasser gegründet wurde. Im rückständigen Nordamerika hingegen gibt es nur christliche Gottesstaaten und Diktaturen. Die Christlichen Staaten von Amerika – die nach dem 9. November besetzt werden – erstrecken sich entlang der Ostküste. Und Israel ist ein unabhängiger Bündnispartner der VSA; in meiner Story liegt es aber in Europa, da die Araber nach ihrem Sieg über Hitler Deutschland in zwei Teile geteilt und den Juden die nördliche Hälfte als Staatsgebiet zur Verfügung gestellt hatten – worüber Lutheraner und Katholiken noch immer wütend sind.

MirageWie kamen Sie auf die Idee für diesen neuen Roman?

2006 fragte mich ein Produzent, ob ich nicht eine Idee für eine TV-Serie hätte. Da mich schon lange interessierte, inwieweit der Irak-Krieg von magischem Denken geleitet wurde, dachte ich an eine Alternativweltgeschichte über 9/11 und den Krieg gegen den Terror. Man hatte ihn uns als Kreuzzug im Namen der Freiheit verkauft: Wir würden Saddam ausschalten und ein paar Statuen von ihren Sockeln stürzen, wonach im Irak und im gesamten Nahen Osten spontan eine Demokratie nach amerikanischem Vorbild entstehen würde.
In meiner Story wollte ich den Chefstrategen des Irakkrieges ihren Wunsch erfüllen – jedenfalls in gewissem Sinne: In ›Mirage‹ leben die Bürger des Nahen Ostens in einer liberalen Demokratie, während die Amerikaner am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, Objekt der Hoffnungen, Träume und Ängste einer Supermacht zu sein.
Natürlich hat so eine Idee großes satirisches Potential, aber ich wollte das Ganze wie einen klassischen Thriller anlegen, in dem nicht nur die weltpolitische Situation, sondern auch die üblichen Rollen vertauscht sind. Darum sind in der Story die Helden, die die Bösen jagen, arabische Moslems und die meisten Amerikaner namenlose Kämpfer oder die Opfer mit den traurigen Augen, die den Helden bewusst machen: »Hey, das sind ja auch Menschen.«

Hat es Spaß gemacht, die Welt auf den Kopf zu stellen?

Oh, ja. Und es war auch eine interessante Herausforderung. Ich wollte ein Spiegelbild erschaffen, in der man die Verdrehtheit zwar erkennt, sie aber dennoch als real akzeptiert – zumindest so lange, wie die Spiegelung sich nicht auflöst.

Möchten Sie den Lesern mit Ihrem Roman eine Botschaft vermitteln?

»Botschaft« trifft es nicht ganz. Mir geht es eher darum, den Blickwinkel zu verändern. Was den 11. September u. a. so verstörend gemacht hat, war der Glaube, dass in Amerika eine derartige Katastrophe nicht passieren könnte. Und ich wollte die Wahrnehmung des Islam als einer fremdartigen Religion unterlaufen. In ˃Mirage˂ ist es nicht von Belang, ob jemand Moslem ist. Meine Hauptfiguren Mustafa, Samir und Amal sind gute Staatsbürger, aber sie müssen nicht Beispiele muslimischer Tugendhaftigkeit sein, wie das in anderen 9/11-Thrillern der Fall wäre. Sie dürfen ganz normal sein und Fehler haben. So wie jeder normale Amerikaner.

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