Mira Magén

Ist Ihre Heimat Jerusalem eine Fahrradstadt?
Jerusalem ist fürs Fahrradfahren leider völlig ungeeignet: Die Straßen sind in erster Linie für Autos gebaut worden, da bleibt kein Platz für Fahrräder.

Ihrer neuer Roman Die Zeit wird es zeigen beginnt mit dem folgenschweren Fahrradunfall der dreizehnjährigen Anna. Anna ist gehbehindert. Warum will sie unbedingt Fahrrad fahren?
Für Anna bedeutet Fahrradfahren, ihre Behinderung zu überwinden – und zu sein wie alle anderen.

Eine weitere wichtige Rolle in Ihrem Roman spielt das Meer. Annas Vater Mike bezeichnet es sogar als »Superschule«. Was bedeutet Ihnen das Meer?
Das Meer bildet für mich eine Antithese zur menschlichen Existenz, denn es vergeht nicht, sondern bleibt konstant, unbeeinflusst von Stimmungen, Meinungen, Gesetzen und Entscheidungen. Es bleibt, wie es ist: ewig jung und alt, ruhig und stürmisch. Uns Menschen führt es die zeitliche Begrenztheit unseres Daseins vor Augen. Deshalb versuche ich auch, so oft wie möglich am Meer zu sein.

Mike und Cheli Chajat führen einen kleinen Strand-Imbiss, um sich ein neues Leben in Amerika zu finanzieren. Nach dem Unfall bleiben sie in Israel und lernen zu schätzen, was sie haben. Gibt es ein reales Vorbild für diese besondere Familie?
Ich habe diese Figuren aus einem inneren Drang heraus geschaffen. Zum einen, um die normativen Vorstellungen von Familie, die unser Denken bestimmen, aufzulösen; und zum anderen, um mit den Chajats einen alternativen, nonkonformen Lebensstil kennenzulernen.

Cheli liest Jonathan Franzens Korrekturen und erzählt, es sei die Geschichte einer amerikanischen Familie, die auseinanderfalle. Bei den Chajats ist es genau andersherum: Der Schicksalsschlag bringt sie einander näher. Wussten Sie von Anfang an, wie Ihr Roman endet?
Ich kenne das Ende einer Story nie, bevor ich dort angekommen bin. Während ich schreibe, lebe ich das Leben meiner Figuren. Was ihnen geschieht, geschieht auch mir. Das Ende meiner eigenen Lebensgeschichte vermag ich nicht vorauszusagen – und ich weiß auch nicht, was meinen Figuren widerfahren wird.

Würden Sie die Chajats – trotz allem, was ihnen widerfahren ist – als glückliche Familie bezeichnen?
Im Grunde genommen schon. Sie müssen viele Hindernisse überwinden und sie versuchen, sich an ihre unsichere Situation zu gewöhnen. Und ich bin sicher, sie werden auch ohne meine Hilfe zusammenbleiben und glücklich sein.

Mike, der auch als Busfahrer arbeitet, bezeichnet das Leben mal als Rolls-Royce, mal als PKW, Omnibus oder Müllauto. Ihre Lieblingsmetapher fürs Leben?
Der Flug des Schmetterlings: kurz, aufregend, mal sehr angenehm und dann wieder sehr gefährlich.

»Jeder hat ein Seil, das ihn nach oben zieht«, heißt es in Ihrem Roman. Verraten Sie uns zum Abschluss Ihr persönliches Rettungsseil?
Mein Seil ist das Schreiben. Ich kann mir nicht vorstellen, seelisch intakt zu bleiben, ohne mein Leben mit dem Stift zu verarbeiten.

Tina Rausch

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