Patrick Lennon

›Tod einer Strohpuppe‹

›Tod einer Strohpuppe‹ ist Ihr erstes Buch. Haben Sie damit gerechnet, gleich international erfolgreich zu sein?

Ich muss hier ein Geständnis machen: Vor ›Tod einer Strohpuppe‹ schrieb ich schon ein Buch, das leider nicht veröffentlicht wurde. Es hat jedoch die Aufmerksamkeit einiger Londoner Lektoren auf mich gelenkt. Danach hoffte ich selbstverständlich, wie jeder andere, der ein Buch schreibt, dass ›Tod einer Strohpuppe‹ das größtmögliche Publikum erreichen würde. Was ich sehr spannend finde ist, dass es in den verschiedenen Ländern ein ganz unterschiedliches Publikum gefunden hat. In Italien zum Beispiel sind es besonders junge Leute, die sich für heidnische Bräuche interessieren, wohingegen es in Großbritannien eher Leser des Mainstream sind, die sich normalerweise vielleicht nicht unbedingt für ein Buch mit einem Polizisten als Hauptfigur entscheiden würden.

Der Kalte Krieg spielt eine besondere Rolle in Ihrem Buch. Der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West ist inzwischen gefallen. Welche Spuren hat dieser Konflikt in den Köpfen der Menschen hinterlassen?

Mir ist in dem Buch das Gefühl wichtig, dass der Kalte Krieg nur ein Konflikt in einer ganzen Reihe schwerwiegender Auseinandersetzungen ist, die ihre Spuren in den Engländern hinterlassen haben. Eine alte, tausend Jahre zurückliegende Invasion, dann der fortwährende Groll zwischen den Wohlhabenden und den Verarmten. Doch die russischen Figuren in ›Tod einer Strohpuppe‹ setzen sich immer noch mit den Nachwirkungen des Kalten Krieges auseinander – während der ersten Hälfte ihres Lebens das Gefühl, ständig nur die Zweitbesten zu sein, dann die plötzliche Möglichkeit, mit dem organisierten Verbrechen über die Grenzen Russland hinaus Einfluss zu nehmen und sich für all das zu rächen.

Haben Sie selbst eigentlich irgendwelche Beziehungen nach Russland?

Als ich achtzehn war, besuchte ich Moskau für eine Woche. Das war während der Periode, in der das Sowjetregime unter Breschnew am meisten stagnierte. Einige Szenen in ›Tod einer Strohpuppe‹ basieren auf Erinnerungen an meine damaligen Eindrücke: die monumentalen Ruhmeshallen, die Heldendenkmäler, die Atmosphäre der Langeweile, aber auch ein enormer Humor und ein Talent für Improvisation. Ansonsten habe ich keine Beziehung zu Russland. Mein gegenwärtiges Bild der Russen speist sich aus den britischen Medien – sie kaufen unsere Fußballvereine, jagen unseren altmodischen britischen Gangstern Angst ein, schicken Geheimagenten auf unsere Straßen. Die Russen kommen, sie sind überall – doch dieses Mal ist es schlimmer, denn sie sind privatisiert.

Das Verbrennen einer überdimensionalen Strohpuppe als Erinnerung an eine untreue Ehefrau, die Jahrhunderte vorher von ihrem Ehemann ertränkt wurde, ist schon ein ziemlich skurriler Brauch. Gibt es irgendwelche Bräuche oder Traditionen, die Sie besonders interessant finden?

Ich war immer fasziniert davon, wie es besonders dörfliche Rituale schaffen, über Generationen hinweg am Leben zu bleiben, in diesen kleinen Gemeinschaften, in denen die Menschen so eng miteinander verbunden sind. Man kann dies immer noch im ländlichen Großbritannien beobachten: Zeremonien mit Feuerprozessionen, Kämpfe zwischen benachbarten Dörfern, sogar eine Tradition, bei der ein riesiger Käse einen Berg hinabgerollt wird und die Menschen hinterherrennen und versuchen ihn zu erwischen. Man kann als es charmant oder amüsant betrachten, doch es ist mein Job es etwas unheimlich zu finden.

In Ihrem Buch entwerfen Sie ein ausgesprochen beunruhigendes Bild von der Polizei. Keiner ist wirklich vertrauenswürdig, in erster Linie sind alle darauf bedacht, sich selbst und ihre eigenen Interessen zu schützen. »Die Polizei, dein Freund und Helfer« – ein Auslaufmodell?

Als die Engländer vor einhundertfünfzig Jahren die moderne Polizei erfanden, war man der Auffassung, dass die Öffentlichkeit grundsätzlich vertrauenswürdig war und die Polizei oder andere Ermittler nur gebraucht wurden, um die kriminelle Ausnahme zu fangen. (Das entspricht der Idee in Sherlock Holmes-Romanen oder Büchern von Agatha Christie.) Dieses Modell überlebte bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhundert. Während der letzten zehn Jahre wurde dieses Konzept jedoch von der Idee ersetzt, dass die britische Polizei dafür zuständig ist, das Verhalten der gesamten Bevölkerung zu überwachen, gleichgültig ob kriminell oder nicht. Heutzutage sind 20% aller weltweit installierten Überwachungskameras in Großbritannien zu finden, die DNA von beinahe 10% der britischen Bevölkerung ist in Datenbanken der Polizeibehörden gespeichert, die Regierung plant Vorrichtungen in unseren Autos zu installieren, mit denen abgefragt werden kann, wohin wir fahren, und so weiter und so fort. Welche genaue Absicht dahintersteckt, ist noch nicht eindeutig erkennbar, doch wenn man Kriminalromane schreibt, muss man diese Veränderungen innerhalb der Polizeikräfte zur Kenntnis nehmen und sie in seinen Büchern verwerten. Also ist die Polizei in meinen Büchern sehr modern, das heißt sehr politisch, sehr mit der Regierung verbunden.

Die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart ist eines, wenn nicht sogar das Thema Ihres Buches. Iwan, der den Tod seines Vaters rächen will, und Tom Fletcher, der ebenfalls von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Denken Sie, dass alles, was man tut, in der Zukunft Konsequenzen haben wird und man deswegen besonders gut überdachte Entscheidungen treffen sollte?

Dies ist eine der Ideen, die meine Geschichten antreiben. Ich habe das Gefühl, dass das Leben eines Menschen nicht nur von dem geformt ist, was er selbst in der Vergangenheit getan hat, sondern auch von dem, was seine Vorfahren taten. Ich glaube fest daran, dass zumindest in solchen Bevölkerungsgruppen, die seit Generationen in derselben Region leben, ein Wissen über alte Fehden und Streitigkeiten weitergegeben wird, das dann wiederum ihre Sicht der Dinge und der Welt beeinflusst. Ein offensichtliches Beispiel dafür ist der alte Konflikt zwischen den angelsächsischen Einwohnern Englands vor eintausend Jahren und den normannischen Invasoren aus Frankreich. Im Jahre 1066 richteten die Normannen ein Massaker unter der herrschenden angelsächsischen Oberschicht an und ersetzten diese durch einen neuen Adel, der im Landadel bis zum heutigen Tag überlebt hat. Wenn Briten abfällig über die Aristokratie reden, nennen sie sie auch heute noch »die Normannen«. Und wenn man eine französischen Zeitung aufschlägt, sieht man, dass sowohl Briten als auch Amerikaner wiederholt als Angelsachsen bezeichnet werden. Es scheint unglaublich, doch dieser alte Krieg dauert in der Berichterstattung der Zeitungen immer noch an. Dieses Beispiel habe ich als Ausgangspunkt für ›Tod einer Strohpuppe‹ genutzt.

Wie wird es mit Tom Fletcher weitergehen? Haben Sie schon Pläne für ihn und ein neues Buch?

Das zweite Buch wird im Sommer 2008 in England erscheinen. Der englische Titel ist ›Steel Witches‹. Er bezieht sich auf zwei Schwestern, die in vollkommener Isolation auf dem Land leben und plötzlich feststellen müssen, dass ein amerikanischer Militärflughafen direkt vor ihrer Haustür gebaut wird. Tom Fletcher sieht sich gezwungen, in ihrer Vergangenheit zu graben, um sich selbst gegen eine Verschwörung zu verteidigen, in die die Amerikaner involviert sind – und auch, wie er erkennen muss, seine eigene problembeladene Familie.

Hier geht’s zur Leseprobe

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.