Rafik Schami

Sie gelten als Meister der mündlichen Erzählkunst – für die Sie selbst sich schon als Kind begeistert haben: Auf den Straßen Ihrer Geburtstadt Damaskus war sie weit verbreitet …
Auf der Straße ist nicht ganz richtig. In den Innenhöfen und Cafés wurde erzählt; mal beruflich professionell, mal einfach vom Alltag, der übrigens sehr viel magischer sein kann als Science-Fiction oder Märchen. In diesen Höfen habe ich gelernt, wie man zuhört, bevor ich lernte zu erzählen.

Heute bezeichnen Sie Ihre Vorträge als »Ohrfilme«. Was genau ist das?
Ein Ohrfilm ist wie ein Kinofilm, aber nicht für das Auge, sondern für das Ohr konzipiert. Ich komme aus einer langen Tradition des mündlichen Erzählens und möchte sie ins 21.  Jahrhundert transformieren, indem ich nicht nur Abhandlungen darüber schreibe, sondern sie praktiziere und so – also über den Genuss – diese Kunst belebe. Die Ohren haben wie der Mund einen Gaumen, sie schmecken die Stimme, was ja die Augen nicht können.

Unterscheiden sich die Ohrfilme von ihren jeweiligen Vorlagen, den Romanen?
Ein Ohrfilm ist eine Variante des Romans, so wie ein Spielfilm niemals identisch mit der literarischen Vorlage sein kann, beide sind in gewisser Weise eine Fälschung, aber ich bemühe mich, eine charmante, sympathische Fälschung zu liefern. Wie sonst wollen Sie ›Die dunkle Seite der Liebe‹  mit 900 Seiten oder ›Das Geheimnis des Kalligraphen‹  mit 450 Seiten in 90 Minuten erzählen und dies auch noch so anstellen, dass die Zuhörer dann das Buch auch noch kaufen … Diese Aufgabe ist die Cousine der „Quadratur des Kreises“.

… die Sie auf Ihre Art perfektioniert haben. Als Schüler wurden Sie wegen Ihres guten Gedächtnisses zum Rezitator Ihrer Klasse. Trainieren Sie heute Ihre freien Vorträge?
Ja, fast täglich, weil ich wie ein Klavierspieler, ein Zauberer oder ein Dompteur durch die Übung die Leichtigkeit beim Auftritt erreiche. Ein gutes Gedächtnis wie meines ist eine Gnade, aber das alleine reicht nicht. Dabei ähnele ich einem Zirkusartist, der im Stillen übt und in der Manege seine lebensgefährliche Nummer lächelnd und federleicht vorführt. Das Publikum ist gnädig und großzügig, aber es gibt kein Publikum auf der Welt, das Langweile freiwillig aufsucht oder länger als fünf Minuten still bleibt, wenn der Erzähler den Faden verloren hat.

Sie sind ja ein strikter Gegner von Langeweile. Was langweilt Sie besonders?
Wenn Autoren anfangen zu belehren oder über etwas schreiben, wovon sie keine Ahnung haben, oder wenn sie ihren Nabel für das Zentrum der Welt (oder gar des Universums) halten. Ich gebe einer Geschichte dreißig Seiten lang eine Chance: Entweder hat sie mich erfasst oder ich fasse sie nicht mehr an.

Als Sie 1971 nach Deutschland kamen, glaubten Sie, es keine zwei Wochen außerhalb Damaskus auszuhalten. Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Geburtsstadt?
Da sehen Sie, was das Leben für Wunder fertigbringt. Ich bin im 38. Jahr im Exil und lebe noch! Aber meine Liebe zu Damaskus hat mit meiner glücklichen Kindheit in dieser Stadt zu tun. Es hat mit ihren Menschen zu tun, denen ich vieles verdanke, mit ihrer Atmosphäre, die einzigartig auf der ganzen Welt ist. Ich bin, seit ich 14 war und die Stadt mit meinem Fahrrad Gasse für Gasse erlebt, eingeatmet und ausgehorcht habe, völlig bewohnt von dieser einen Stadt. Verliebte kann man nicht fragen, warum sie sich verlieben. Sie sind unvernünftig – und geben dann solche Antworten wie meine.

Heute leben Sie in Marnheim in der Pfalz. Wie kam es dazu?
Nach dem traumhaften Erfolg von ›Erzähler der Nacht‹  sollte ich – nach dem Rat meines Steuerberaters – ein Haus kaufen. Ich bin Städter und wollte unbedingt in Heidelberg bleiben, wo ich 14 Jahre lang gelebt habe, aber für meine damaligen Verhältnisse hätte ich nur eine Zweizimmerwohnung kaufen können. Ich suchte im Rhein-Main-Gebiet, weil ich diese Gegend sehr mag, und fand in der Pfalz mein Haus. Es ist eine sehr schöne Gegend, fast toskanisch. Und heute ist die Kommunikation von jedem Ort der Welt beinahe gleich gut. 

Apropos Kommunikation: In einer Reiseerzählung aus dem Jahre 2000 schreiben Sie, dass Sie kein Handy besitzen. Ist das immer noch so?
Ja, weil ich es in meinem Beruf nicht brauche. Ich empfinde es als Luxus, dass ich meine Ruhe habe, dass ich in Urlaub oder auf Tournee unerreichbar bleibe. Das hat nicht mit irgendeiner Ideologie oder Haltung zu tun, sondern mit Erfahrung. Als Anfänger habe ich den Fehler gemacht, immer erreichbar zu sein, was damit endete, dass ich gar keine Ruhe mehr hatte – weder für die Vorbereitung meiner Vorträge noch für meine Familie oder für mein Schreiben.

In einer anderen Erzählung imaginierten Sie bereits 1993 das E-Book – bis hin zu thematisch passenden künstlichen Gerüchen, die es mittlerweile tatsächlich gibt. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Überhaupt nichts, deshalb bat ich meine Verlage um eine Schonzeit von zwei Jahren, als die ersten Anfragen kamen. Ich will mich nicht hetzen und möchte, solange es geht, meine Bücher nur auf Papier sehen. Außer Profitmaximierung kenne ich kein Argument für das E-Book. Am lustigsten finde ich es, wenn einer mir sagt, er könne so 300 Bücher mit in Urlaub nehmen. Das sagen nur Leute, die nie lesen. Seit ich denken kann, habe ich nie mehr als 20 Bücher mit in Urlaub genommen.

Wobei das schon eine Menge ist! Zum Urlaub passt meine Abschlussfrage: Sie beklagen oft die mangelnde Genussfähigkeit der Deutschen. Was ist für Sie der höchste Genuss?
Nicht der Deutschen speziell, sondern der Menschen in einer Wohlstandgesellschaft, die sich nur mit Superlativen gerade noch »zufriedengeben«, die sich ein Lächeln nicht leisten, wenn die Sonne scheint, die sich über das Lachen eines Kindes oder den Duft einer Blume nicht freuen, die einen Wein nicht genießen können, ohne das Etikett anzuschauen und zu wissen, wie teuer dieser Wein ist. Das ist eine negative Begleiterscheinung der Übersättigung.

Das Glück ist kein gewaltiger Diamant, sondern ein Mosaik aus Tausendundeinem bunten Steinchen, deshalb sollte man nicht verlernen, sich über kleine Momente des Glücks zu freuen. Ein solcher bunter Stein in meinem Glücksmosaik ist beispielsweise, einen Tee mit meiner Frau zu genießen.

Tina Rausch

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