Richard Thiess: Halt, stehenbleiben! Polizei!

Autor, Kriminalhauptkommissar und Leiter der Mordkommission in München

40 authentische außergewöhnliche Kriminalfälle hat der Münchner Ermittler in seinem zweiten Buch ›Halt, stehenbleiben! Polizei!‹ versammelt. Im Interview spricht Richard Thiess über Klimmzüge, persönliche Flops und die Bedeutung von körperlicher und geistiger Fitness.

Herr Thiess, wann haben Sie Ihren letzten Klimmzug gemacht?

Das war 1977, beim Einstellungstest der Polizei.

Wie viele Klimmzüge sollte ein bayrischer Polizist hintereinander schaffen?

Wie das heute ist, weiß ich nicht. Damals waren fünf Stück gewünscht – und alle vor mir haben locker 20 und mehr hingekriegt. Dann kam ich und habe gerade mal anderthalb geschafft … aber ich hab’s mit Medizinballstoßen wieder wettgemacht!

Was sagt denn die Klimmzugzahl über die Eignung zum Polizisten aus?

Es ist anzuraten, dass ein Polizeibeamter körperlich fit, sportlich und agil ist. Klimmzüge sind hilfreich, wenn man einen Einbrecher über ein Gerüst verfolgen muss. Meins war das nicht so, dafür war in jungen Jahren Klettern und Rennen durchaus drin – im überschaubaren Bereich: Wenn mich jemand auf den ersten hundert Metern abgehängt hat, hatte er gute Chancen, ganz wegzukommen. Aber die ersten hundert Meter waren schon zackig.

Auch den Ringkampf haben Sie nicht gescheut: In Halt, stehenbleiben! Polizei! erzählen Sie, wie Sie einen schottischen Touristen zur Strecke bringen …

Eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Bereich Komisches: eine einzigartige Begebenheit, die auf einem Missverständnis beruhte. Zurück blieb ein harmloser Jogger, der die Welt nicht mehr verstand – und die deutsche Polizei noch viel weniger. 

Sie berichten sehr heiter und selbstironisch von persönlichen Flops. Liest sich das nur so komisch oder können Sie darüber auch während der Arbeit lachen?

Das ist sogar ganz wichtig: In meiner jetzigen Dienststelle, der Mordkommission, setzen wir uns täglich zusammen, sprechen über die Arbeit und über Privates. Da werden Witze erzählt oder Dinge ausgeschlachtet. Man stellt sich zum Beispiel vor, wie etwas sein könnte. Humor ist eine wesentliche Säule, damit Zusammenhalt entsteht und man bestimmte Dinge oder fremde Schicksale überhaupt bewältigen kann.

Sie knüpfen mit Ihrem zweiten Buch nicht an Mordkommissionvon 2010 an, sondern gehen zurück in Ihre Zeit beim Kriminaldauerdienst und als stellvertretender Kommissariatsleiter auf dem Gebiet der Eigentumskriminalität. Wann haben Sie die Geschichten geschrieben?

Teilweise schon vor zehn, zwölf, fünfzehn Jahren, einige wie der Ringkampf erschienen damals in der polizeieigenen Hauszeitschrift unter dem Thema Humor. Anderes habe ich mir stichpunktartig aufgeschrieben und gedacht, wenn du die Rente erreichst, freust du dich vielleicht über ein paar Geschichten. Nachdem das erste Buch so gut angekommen ist, habe ich eben früher mit dem Ausformulieren begonnen …

Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

Ich habe meiner Lektorin knapp 80 Geschichten geschickt, und wir haben dann versucht, eine ausgewogene Mischung zusammenzustellen. Ein paar lustigere Begebenheiten sind dabei auf der Strecke geblieben. Aber so bin ich der Gefahr entgangen, mich zu wiederholen.

Das bedeutet, Sie haben viel Stoff für weitere Bücher?

Im Prinzip schon, aber ich möchte mich eben ungern wiederholen. Ich hätte problemlos eine Fortsetzung von ›Mordkommission‹ bringen können – schließlich waren das nur 25 Fälle, und ich habe mit meiner Kommission schon 170 miterlebt. Doch wenn ich hier noch mal etwas veröffentliche, nur unter einer anderen Prämisse: Ich habe zum Beispiel ein weiteres Manuskript fertig, in dem ich einen Fall aus verschiedenen Blickwinkel erzähle, unter anderem aus der Sicht der Opfer. 

»An Einfallslosigkeit habe ich in der Tat noch nie gelitten«, schreiben Sie. Eine notwendige Voraussetzung, um in Ihrem Beruf erfolgreich zu sein?

Als Kriminalpolizist können Sie Ihr Handwerk erlernen und beispielsweise theoretisch wissen, wie Sie jemanden zu vernehmen haben. Wer aber nur nach Schema F vorgeht, übersieht schnell etwas Wichtiges. Wenn Sie hingegen kreativ und geistig beweglich sind, können Sie während Sie das Akustische niederschreiben zeitgleich auch den Inhalt verarbeiten. Das ist eine wichtige Eigenschaft, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen, Dinge zu beleuchten und – ich sag’s mal salopp – Leute aufs Kreuz zu legen. Selbstverständlich nur innerhalb des Erlaubten! Es gibt bei uns vieles, das nicht im Lehrbuch steht. Da muss man selber drauf kommen.

Berühren sich Ihre Teilzeitbeschäftigung als Autor und Ihre Polizeiarbeit – sind Sie beispielsweise einem Täter begegnet, der Ihr Buch gelesen hat?

Nur ein einziges Mal: Die Frau eines tatverdächtigen Mörders, die wir abgeholt und zur Dienststelle gebracht haben, hat mich erkannt und auf ›Mordkommission angesprochen.

Mehr Resonanz gibt es von Kollegen, auch aus anderen Bundesländern. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe: Manch einer hegt nun den Argwohn, dass ich seine Bemerkungen für meine Bücher verwende. Zum Glück ist ›Halt, stehenbleiben! Polizei! anders geworden als ›Mordkommission – die Kollegen gehen schon wieder entspannter mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit um. Darüber bin ich froh, denn das Schreiben bereitet mir viel Spaß; es ist eine Möglichkeit, über den Tellerrand zu blicken. Es wäre nie mein Lebensmittelpunkt, aber ich sehe es als schöne Bereicherung, die ich nicht mehr missen mag.

 Das Interview führte Tina Rausch, freie Journalistin

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