Robert Pragst: Auf Bewährung. Mein Jahr als Staatsanwalt

Von den Leiden eines jungen Staatsanwalts

Im Interview spricht Robert Pragst, mittlerweile Richter am Amtsgericht Lichtenberg, über Gerichtsshows, seinen Glauben an die Gerechtigkeit und sein Buch ›Auf Bewährung. Mein Jahr als Staatsanwalt‹.

1) Herr Pragst, warum wollten Sie Jurist werden?

Im Rahmen einer Bankausbildung und später als Immobilienmakler hatte ich häufiger mit rechtlichen Fragestellungen zu tun. Es wirkte sehr interessant. Insgesamt bietet sich dem Juristen ja ein sehr breit gefächertes Spektrum an Arbeitsmöglichkeiten. Weit mehr als die traditionellen Berufe wie Richter, Rechts- oder Staatsanwalt. Ich hatte bei Aufnahme des Studiums insofern noch keine konkreten Vorstellungen, war mir aber sicher, später hier  ein Betätigungsfeld zu finden, dass mir gefallen wird. An den Richterberuf hatte ich dabei noch überhaupt nicht gedacht und eher so die Vorstellung, dass wären alles grau melierte Herren mit langer Lebenserfahrung. Das auch ein Richter irgendwann mal Anfänger ist, kam mir nicht in den Sinn.

2) Wie hat das Jahr als Staatsanwalt in Berlin-Moabit Sie verändert?

Ich denke, dass mir viele bleibende und auch prägende Eindrücke aus dieser Zeit geblieben sind. Ich will hier einen Aspekt ansprechen, der für mich wichtig war. Menschen, die nicht selbst direkt mit Straftaten zu tun haben, nehmen sie zwar in den Medien wahr. Sie leben aber in ihrer heilen Welt mit Familie, Freunden und Arbeitskollegen. Die Opfer von Straftaten werden zwar grundsätzlich bemitleidet, aber man selbst will damit nichts zu tun zu haben. Es sind nur Geschichten, über die man irgendwann nicht mehr nachdenkt, genauso wie ein gutes Buch, das man schließlich zuklappt und ins Regal stellt. Man will an das Gute im Menschen glauben. Als ich zur Staatsanwaltschaft kam, galt das alles plötzlich nicht mehr. Es waren einfach zu viele, teilweise auch sehr gemeine und hässliche Taten, die in kürzester Zeit über meinen Schreibtisch gingen. In jeder Akte die ich aufschlug. Tag für Tag. Da ich nur einer von über 330 Staatsanwälten in Moabit war, konnte ich mir die Dimension des kriminellen Berlin ausrechnen. Eine ganze Welt tut sich da auf. Sicher könnte man sagen, dass meine Sichtweise auf den Menschen dadurch nur etwas realistischer wurde. Die Frage ist nur, ob man das als einen Gewinn ansehen kann. Deprimierend war es jedenfalls.

3) Glauben Sie noch an Gerechtigkeit?

Absolute Gerechtigkeit ist ein unerreichbares Ideal. Wir streben danach, ohne es je erreichen zu können. Unser Rechtssystem ist sehr gut und nur die besten Absolventen einer schwierigen juristischen Ausbildung können darauf hoffen als Richter ernannt zu werden oder den Beruf eines Staatsanwaltes ergreifen zu können. Es ist natürlich sehr schwierig dem Laien das alles nicht nur zu sagen, sondern auch nachvollziehbar zu begründen. Trotzdem ist die Justiz auf das Vertrauen des Bürgers angewiesen. In einer Welt, wo immer mehr die rechtlichen Rahmenbedingungen und weniger die Moral die Grenzen des menschlichen Handelns bestimmen und Gerichte genau wie die Staatsanwaltschaften immer mehr in den Focus der Öffentlichkeit geraten. Vielleicht kann dieses Buch dabei einen kleinen Beitrag leisten, wenn es in spannender und unterhaltsamer Art den schwierigen Beruf des Staatsanwaltes mit allen Belastungen des Alltags und vor allen den menschlichen Anforderungen darstellt.

 

4) Was denken Sie, wenn Sie im Fernsehen Gerichtsshows sehen?

Gerichtsshows nehmen neben den Gerichtsreportern schon eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft ein. Da in Deutschland Fernsehübertragungen aus laufenden Gerichtsverhandlungen verboten sind, tragen diese Sendungen in nicht unerheblichem Maße zu den Vorstellungen bei, die in der Bevölkerung über die Justiz bestehen.  Die Macher der Gerichtsshows wollen sicher ein glaubhaftes Bild von Verhandlungsabläufen schildern. Aber sie müssen natürlich auch an die Einschaltquoten denken und spektakuläre Elemente einbauen. Man muss wissen, dass mit den Verhandlungen nur ein kleiner Ausschnitt des Gerichtsalltags gezeigt wird. Sicher interessant, aber es entsteht kein vollständiges Bild. Auch bei den gezeigten Verhandlungen wäre es aus meiner Sicht noch informativer und realer, wenn mehr Raum bliebe, um die Beteiligten in ihrer jeweiligen menschlichen Situation darzustellen. Mir geht das häufig zu schnell. Angeklagte werden dem Zuschauer eher vorgeführt, als das man versucht, ihnen in ihrer Gesamtheit gerecht zu werden. Im Strafprozess ist zum Beispiel die Vorgeschichte des Angeklagten ungemein wichtig. Zwei äußerlich völlig gleich gelagerte Fälle können so zu ganz unterschiedlichen Bewertungen durch die Juristen führen. Ob die einzelnen Gerichtsshows so etwas trotz des bestehenden Erfolgs- und Zeitdrucks realisieren könnten, kann ich natürlich nicht einschätzen.

5) Mit ›Auf Bewährung‹ wollten Sie ein realistischeres Bild der Arbeit eines Staatsanwaltes zeichnen. Haben Sie das Gefühl, Sie müssten Ihren Berufsstand verteidigen?

Der Ansatz von ›Auf Bewährung‹ besteht darin, dass der Leser in spannender und unterhaltsamer Art einen detaillierten Einblick in den Alltag eines Berliner Staatsanwaltes erhält. Das Bild, das dabei entsteht, hat nichts mit glorreichen Staatsanwälten in glänzenden Rüstungen zu tun, die alle Schwierigkeiten mit Bravour meistern. Es geht schließlich um den Eindruck der Wirklichkeit. Das Buch bemüht sich also eher um Aufklärung der Verhältnisse, als deren Verteidigung. Um Menschen, die mit hohen Fallzahlen und vielen Widrigkeiten zu kämpfen haben, die von der eigentlichen Ermittlungs- und Anklagetätigkeit abhalten. Die unter Druck stehen, weil sie sich gegenüber den Opfern verantwortlich fühlen und sehr häufig deprimierende Niederlagen einstecken müssen, die man zu Hause nicht so einfach mit dem Mantel ablegt.

6) In Ihrem Buch geben Sie Ermittlern, Opfern und Tätern eine Stimme. Warum war es Ihnen so wichtig, allen Beteiligten eines Strafprozesses eine Stimme zu geben?

Wen man den Leser ganz nah an einen Fall (von der Tat bis zum Urteil) heranführen will, müssen die Beteiligten im Buch lebendig werden. Ich habe das vor allem in einem meiner zwei Handlungsstränge mit einem schweren Raubüberfall gemacht, der sich durch das ganze Buch zieht. Der Leser soll die Möglichkeit haben, die ganz Bedeutung dieses Geschehens für alle Beteiligten zu erkennen, zum Beispiel das Opfer so zu sehen, wie ich es gesehen habe. Er kann nachvollziehen, was ich in diesen Situationen gedacht und gefühlt habe.

Das Interview führte Marianne Bohl, dtv

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.