Rolf Lappert

Herr Lappert, mögen Sie Bruce Willis und seine Filme?
Es gibt ein paar Filme mit ihm, die ich ziemlich gut finde, ›Twelve Monkeys‹ oder ›Nobodys Fool‹, wo er eine Nebenrolle spielt. Die ›Die Hard‹-Filme habe ich alle im Fernsehen gesehen und mich gut unterhalten dabei; man erwartet ja keine cineastischen Meisterwerke. ›Armageddon‹ ist auch ein gut gemachter Popcorn-Movie, ebenso die Komödien ›Keine halben Sachen‹ und ›The Whole Ten Yards‹.

Der Held Ihres Romans wird am 19. März 1980 geboren. Er hat am gleichen Tag wie Bruce Willis Geburtstag, der 1980 mit The First Deadly Sin seinen ersten Kinofilm dreht. Gibt es eine magische Verbindung zwischen den beiden?
Ja. Ich mag solche konstruierten Zufälle in Büchern und Filmen. Im Roman gibt es einige davon. Zum Beispiel, dass Wilbur als kleiner Junge von einem alten Mann lernt Cello zu spielen, während sein Vater als junger Mann von einem betagten Freund gelernt hat Streichinstrumente zu bauen. Man darf es mit diesen magischen Verbindungen natürlich nicht übertreiben.

Sie erzählen in ›Nach Hause schwimmen‹ auf 600 Seiten von Wilburs ersten zwanzig Lebensjahren. Gäbe es nicht dessen Verehrung für Bruce Willis, könnte man fast meinen, der Roman spiele in einer längst vergangenen Zeit …
Ich wollte eine universelle Geschichte erzählen, die auf keine historischen Ereignisse Bezug nimmt oder mit Referenzen an eine bestimmte Zeit arbeitet. Politische Wirklichkeit wird nicht behandelt, und es gibt kaum Hinweise darauf, wann das alles passiert. Im Hotel der alten Männer in Brooklyn taucht ein Laptop auf, der Nachtportier verschickt E-Mails; solche Stellen erinnern daran, dass der Roman im Jahr 2000 spielt, zumindest in den Kapiteln, in denen Wilbur der Erzähler ist. Ansonsten habe ich versucht, eine Atmosphäre der ›Zeitlosigkeit‹ zu schaffen und den Fokus auf die Figuren und ihre Geschichten zu lenken.

Wilbur wird in Philadelphia geboren, er wächst in Irland auf, reist nach Schweden und strandet als Jugendlicher in New York. Warum haben Sie sich als gebürtiger Schweizer für diese Schauplätze entschieden?
Das werde ich oft gefragt. Ich sehe mich selber nicht als Schweizer Autor, viel eher als europäischer Autor deutscher Sprache. Ich reise in der Welt herum, seit ich zwanzig bin. Ich habe in Frankreich, Amerika und Deutschland gelebt und wohne seit 2000 in Irland. Ich bin ein Kinofan und liebe epische Storys, die in weiten Landschaften spielen, sozusagen auf großer Bühne. Ich wollte immer eine Geschichte schreiben, die teilweise in Irland spielt, weil mir Land und Leute so gut gefallen. Und Amerika war bereits in meinen Romanen aus den Jahren 1994 und 1995 Hauptschauplatz.

Als Leser ist es für mich übrigens nicht wichtig, wo ein Roman spielt – Hauptsache, die Geschichte packt mich und die Personen darin berühren mich auf irgendeine Art. Wenn also ein finnischer Autor eine Geschichte über einen Griechen schreibt, den es auf die Lofoten verschlägt – wunderbar! Natürlich sollte das gut erzählt sein, in einer Weise, die mich unterhält, ohne mich zu unterfordern, auf einem hohen sprachlichen Niveau, mit einer Portion Poesie und dem einen oder anderen Wunder.

Ihre Hauptfigur ist kleinwüchsig, mager, hochbegabt – und neurotisch: »Ich wurde mit Mängeln ausgeliefert. Ich bin ein Wunderkind«, sagt Wilbur über sich selbst. Wo ist er Ihnen zum ersten Mal begegnet?
Als Bild: Ein junger Mann steht mit dem Rücken zu mir auf einem Steg und fällt ins Wasser. Dieses Bild hat mich jahrelang begleitet, und irgendwann wusste ich, dass es die erste Szene eines Romans war. Das ist etwa sechs, sieben Jahre her.

Allerdings ist Wilbur körperlich nur etwas zurück­geblieben – nicht kleinwüchsig wie etwa Oskarchen aus der ›Blechtrommel‹ oder John Irvings ›Owen Meany‹. Im Verlauf des Romans wächst er, nur eben ein wenig langsamer als andere Jungen seines Alters. Mit 20  misst er schon um die einssiebzig.

Seit ein Lehrer ihn als kleinen Jungen zum Schwimmen zwang, hat Wilbur panische Angst vor Wasser. Wie ist Ihr Verhältnis zum Wasser – vor allem seit Sie auf der ›grünen Insel‹ Irland leben?
Ich liebe Wasser. Heute allerdings viel mehr als früher. Nach Anfangsschwierigkeiten in der Kindheit bin ich ein relativ guter Schwimmer geworden und bis vor einigen Jahren regelmäßig getaucht. Das Meer flößt mir aber noch immer großen Respekt ein; auf einem Segelboot den Atlantik zu überqueren käme für mich nicht infrage – nicht nur, weil ich leicht seekrank werde. Ich glaube, wir Schweizer haben eine besondere Affinität zum Meer, weil wir in einem Binnenland leben. Die Schweiz ist zwar auch eine Insel, aber eben eine der etwas anderen Art.

»Glück ist dein Lieblingssong aus dem Radio eines Autos, das an dir vorbeirast und in einen Abgrund stürzt«, sagt Wilbur. Was ist Glück für Sie?
Liebe. Familie. Freunde. Tiere. Die Natur. Ein gutes Buch. Ein guter Film. Musik. Oft ist Glück ja ein kurzer, flüchtiger Moment, ein Lufthauch, der dich streift, dein Herz wärmt oder dir eine Gänsehaut verpasst. Leider bin ich so gepolt, dass ich Glück auch immer mit Trauer verbinde, mit Wehmut – weil mein blöder Verstand mir im Augenblick des Glücksempfindens sagt, wie vergänglich dieses Gefühl sei, wie lächerlich angesichts der Tragik des Lebens und des Elends in der Welt. Vollkommenes Glück wäre wohl, wenn man diesen Gedanken ausschalten könnte, zumindest für die Zeit, in der das Glück aufleuchtet.

Zwischen ›Nach Hause schwimmen‹ und Ihrem vorherigen Roman lagen dreizehn Jahre. Planen Sie künftig ähnlich große Pausen?
Nein, ich habe vor, in etwas kürzeren Abständen mit neuen Romanen aufzuwarten. Es ist ja nicht so, dass ich dreizehn Jahre an ›Nach Hause schwimmen‹ geschrieben hätte. Nach dem Roman ›Die Gesänge der Verlierer‹ von 1995 habe ich mit einem Freund ein altes Kino in einen Jazzclub umfunktioniert und dort gearbeitet – bis zum Konkurs, eine Geschichte für sich. Danach bin ich wieder viel herumgereist, wurde für eine Weile sesshaft, und schließlich habe ich als Drehbuchautor gearbeitet – sieben Jahre lang. An ›Nach Hause schwimmen‹ habe ich 2004 zu schreiben begonnen und mir war klar: Ich habe zu meiner alten, wahren Liebe zurückgefunden – dem Romanschreiben.

Gerade sitze ich in Buenos Aires und schreibe an meinem neuen Buch, das im Herbst 2010 erscheinen soll und fast so dick wird wie das letzte. Es spielt auch wieder zu großen Teilen in Irland – und auf einer fiktiven Insel auf den Philippinen. Also wieder nicht die Schweiz als Schauplatz …

Tina Rausch

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