dtv-Übersetzertage Teil drei: Sechs Übersetzer, vier Fragen, erstaunliche Antworten!

Welcher Satz oder welche Textpassage aus welchem dtv-Buch war für Sie die größte Herausforderung?

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Im dritten Teil unserer Reihe verraten die Übersetzerinnen und Übersetzer, an welchem Satz oder welcher Textpassage sie am meisten getüftelt haben.

Welcher Satz oder welche Textpassage aus welchem dtv-Buch war für Sie die größte Herausforderung?

 

Der Arbeitsplatz von Bernhard Robben
Der Arbeitsplatz von Bernhard Robben

Bernhard Robben: »Humphrey, angeblich ein Russe, hat in Tom Rachmans Roman ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹ einige Mühen mit dem amerikanischen Englisch, was  sich auf Deutsch schließlich so anhört:
Wie er sie so in seiner Bettdecke sah, meinte Humphrey: »Siehst aus wie Bär, der sich für den Winter einfummelt.«
»Ein Bär, der was?«
»Sich einfummelt.«
»Wie? Einfummelt? Hört sich an, als wollte der Bär den ganzen Winter lang an sich rumspielen.«
»Nu red nicht so pervers.«
»Eine naheliegende Schlussfolgerung, Humph. Schließlich gibt es nicht viele Wörter, die auf -ummelt enden.«
»Gibt jede Menge mit -ummelt am Ende.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel … ›trummelt‹.«
»Und was ist ›trummelt‹?«
»Wenn wer haut ganz schnell auf, wie heißt noch mal, auf Pauke?«
»›Trommelt‹«, korrigierte sie ihn, »ist kein Wort, das auf -um¬melt endet.«
»Okay, gebe ich dir anderes.« Er schwieg. »Hier, hab eins: ›ein¬lummelt‹.«
»›Einlummelt‹?«
»Wenn ich red und red, bis du wirst ganz meschugge im Kopf.«
»Einlullen.«
»Ja, sag ich doch.««

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Franka Reinhart

Franka Reinhart: »Herausfordernd finde ich es immer, wenn in Texten – manchmal durchaus gehäuft – Zitate vorkommen, ohne dass es eine genaue Quellenangabe dazu gibt. Das bedeutet für uns Übersetzer*innen immer eine Menge Recherchearbeit, die natürlich viel Zeit kostet. ›Das Black-Box-Prinzip‹ von Matthew Syed (erscheint im November) war so ein Beispiel. Bei meiner Arbeit daran habe ich reichlich Zeit in Lesesälen verbracht, um die zitierten Passagen (oft ohne Seitenangabe) in den vorhandenen deutschen Publikationen zu finden. Wie die Kollegen so etwas früher hinbekommen haben, bevor es dieses hilfreiche Internet gab, ist mir ein Rätsel.

Innerhalb unserer Berufsgruppe gibt es übrigens glücklicherweise eine Reihe von Plattformen, über die wir uns zu konkreten Übersetzungsproblemen austauschen, und Zitatsuche ist auch hier ein häufiges Stichwort. Generell besteht unter den Kolleg*innen eine große Hilfsbereitschaft, für die ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich danken möchte. «

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn
Uwe-Michael Gutzschhahn

Uwe-Michael Gutzschhahn: »Eine kleine Szene aus Kevin Brooks‚ erstem Roman ›Martyn Pig‹ – einer Assoziationskette aus Worten und Lauten -, die mich an einer Stelle noch heute herausfordert, weil es dort einen Fehler gibt, den ich bisher nicht gelöst habe.«

 

 

 

 

 

 

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Heike Schlatterer

Heike Schlatterer: »Oft sind es gar nicht die komplizierten Formulierungen, sondern der eine treffende Begriff oder Name, der gefunden werden muss. Ich erinnere mich, dass die Lektorin und ich bei Marion Dane Bauers Geschichte über einen kleinen Wolfswelpen lange an dem Namen ›Winzling‹ knobelten. Im Original heißt er ›Runt‹, also Kümmerling oder einfach der Kleinste im Wurf. Winzling klingt völlig naheliegend und einleuchtend, aber man muss erst einmal darauf kommen!«

 

 

 

 

 

 

 

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Michaela Meßner

Michaela Meßner: »An einzelne Sätze erinnere ich mich nicht. Wir übersetzen ja auch keine einzelnen Sätze, sondern Texte, Szenen, Geschichten, in denen in der Regel alles in Beziehung zueinander steht. Wenn man eine Textstelle besonders liebt, feilt man so lange an ihr herum, bis sie stimmt, bis sie klingt, bis sie sich richtig anfühlt. Bei den Brontës, sowohl bei Emily als auch bei Anne, gab es viele solcher Stellen. Das Feilen daran war aber ein großer Genuss.
Knifflig war die Übertragung des ›Flash‹, jener New Yorker Gaunersprache aus Lyndsay Fayes Trilogie, von der ich den ersten und dritten Band übersetzt habe. Ein historischer Kriminalroman, New York Mitte des 19. Jahrhunderts. Unterhaltungsliteratur. Ich hatte alle Freiheiten und quälte mich lange mit der Frage, ob ich eine Kunstsprache erfinden soll. Nach ein paar Versuchen wurde mir klar, dass die Zeit nicht reicht. Gegangen wäre das schon. Aber es musste auch unbedingt noch lesbar bleiben, schließlich war es Unterhaltungsliteratur. Ein Gang in die Staatsbibliothek hat dann alles verändert. Einige Wörterbücher gab es nur in die eine Richtung, aber nicht umgekehrt, noch dazu in Fraktur. Die Wörterbücher habe ich dann teilweise gelesen und mir rausgeschrieben, was ich brauchen konnte. Ich habe alles genommen, was ich kriegen konnte, denn ich musste einige Dialoge damit stemmen und konnte nicht immer Entsprechungen finden. Friedrich Kluges leider unvollendete Sammlung des Rotwelschen war eine wahre Fundgrube. Ganze Sätze in der Gaunersprache hätten die Leser wahrscheinlich nicht geschluckt, hier und da ein Wort, das war schon genug, aber ich musste mich bremsen.
Der Sprung in ein anderes Jahrhundert ist auch eine Herausforderung. Lyndsay Fayes Trilogie ist ein gutes Beispiel für eine Literatur, bei der sich das Internet als großer Segen erweist. Nicht nur die Wörterbücher sind hilfreich, sondern auch die Bilderflut, die uns zur Verfügung steht. Fayes New York kann man fast riechen und auf der Zunge schmecken, und alles war gut recherchiert. Meine Wand war gespickt mit Ausdrucken meiner Internetfunde – Fotografien, Stiche, Zeichnungen.  New York um 1850 : die Wohnhäuser, die Armenviertel, die Kirchen, die Fabriken, die Brände, die ankommenden Schiffe, die hungernden Iren, die Bowery Boys die Gangs, der Broadway, die  Mode, die Gaslaternen, die Feuerspritzen, alles konnte ich finden. Manchmal frage ich mich, wie wir das eigentlich früher gemacht haben. Es gibt zwar auch gute Bildbände, aber das ist kein Vergleich.«

 

 

Ute Mihr
Ute Mihr

Ute Mihr: »Lange geknobelt habe ich im zweiten Band der Abenteuer von Rupert Rau, was ich im Deutschen mit dem ›Oogily-Boogily Man‹ mache. Herausgekommen ist schließlich der ›Grummel-Mummel-Mann‹.«

 

 

 

 

 

 

 


Die Übersetzerinnen und Übersetzer

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Bernhard Robben

u.a. John Williams »Augustus«

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Michaela Meßner

u.a. Anne Brontë  »Agnes Grey«

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Franka Reinhart

u.a. James Carol  »Prey«

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Ute Mihr

u.a. Michael Gerard Bauer  »Nennt mich nicht Ismael«

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Uwe-Michael Gutzschhahn

u.a. Kevin Brooks  »Travis Delaney«

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Heike Schlatterer

u.a. Marion Dane Bauer  »Winzling«

 

Linus Schubert / dtv

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