Ulrich Woelk: ›Was Liebe ist‹

Ein Gespräch über den neuen Roman von Ulrich Woelk

Mit ›Was Liebe ist‹ hat Ulrich Woelk einen berührenden und tragischen Liebesroman geschrieben, der zeigt, wie sehr die Vergangenheit unsere Gegenwart und unsere Zukunft bestimmt. Und unsere Liebe.
Erfahren Sie jetzt mehr über Ulrich Woelk und seinen neuen Roman ›Was Liebe ist‹.

Ihr neues Buch trägt den Titel ›Was Liebe ist‹. Haben Sie einen Liebesroman geschrieben?

Ja, unbedingt. Selten habe ich den literarischen Fokus so konzentriert auf ein Liebespaar gerichtet wie hier. Grund dafür ist das historische Fundament des Stoffs.

Um was geht es genau?

1999 wurden in den USA viele deutsche Konzerne – wie z.B. Mercedes-Benz, die Deutsche Bank, Degussa, BASF, Volkswagen – von ehemaligen Zwangsarbeitern des nationalsozialistischen Regimes auf Schadensersatz verklagt. Die deutsche Kriegswirtschaft von 1939 bis 1945 konnte nur durch den Einsatz von etwa neun Millionen zwangsrekrutierten Arbeitskräften aus den besetzten Staaten am Laufen gehalten werden.

Dieses Thema geriet in den neunziger Jahren in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit. Roland Ziegler, der Held meines Romans, ist einer der Erben einer fiktiven – aber an ein historisches Vorbild angelehnten – elektrotechnischen Firma, die ihre Produktion während der Kriegsjahre nur mit Zwangsarbeitern aufrechterhalten konnte. Der Roman beginnt damit, dass Roland an einer von dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder einberufenen Konferenz zu dem Thema teilnimmt.

Roland Ziegler prägt den Roman in besonderem Maße. Selten findet sich in der deutschen Literatur ein ebenso selbstbewusster wie klug beobachtender Mann. Können Sie ihn kurz charakterisieren?

Roland, Jahrgang 1963, ist durch zwei sehr grundlegende Erfahrungen geprägt. Die eine ist die bereits erwähnte Herkunft aus einer Industriellendynastie. Die zweite Prägung ist aber vielleicht noch viel entscheidender: Roland ist Epileptiker. Die Epilepsie ist eine Krankheit mit einer langen, übrigens auch literarischen Geschichte. Denken Sie an die von Shakespeare verarbeitete Epilepsie Julius Cäsars, den Lehrer Popów in Thomas Manns ›Zauberberg‹ oder DostojewskisDer Idiot‹.
Roland hat Glück: durch die Wahl des richtigen Medikaments ist er anfallsfrei. Dennoch zwingt ihn die Krankheit zu einer sehr disziplinierten Lebensweise. Roland weiß, dass er als Epileptiker während der nationalsozialistischen Diktatur selbst in den Fokus der Rassenideologie geraten wäre. Epileptiker galten den Nazis als erbkranke Fehlstellen im Volkskörper und standen auf der Liste derer, die zwangssterilisiert werden durften.

Roland ist 36 Jahre alt, als er auf Zoe trifft. Sie wird seine erste große Liebe. Warum so spät? Warum ausgerechnet Zoe?

Vielen Epileptikern fällt es schwer, stabile Beziehungen aufzubauen, weil die Krankheit eine ständige Belastung darstellt. Roland begegnet Zoe in einem Café gegenüber dem ehemaligen Sitz seiner Firma in Berlin.
Zoe ist Jazz-Sängerin und ganz anders als Roland: spontan, nicht abstinent, kein Tag-, sondern ein Nachtmensch. Doch andererseits lebt sie – im Gegensatz zu Roland – in einer stabilen Beziehung. Ihr Lebensgefährte ist ein sechzigjähriger Musikprofessor. In einem Jazz-Club singt sie ›You don’t know, what love is‹. Da ist es um Roland geschehen. Der Song hat dem Roman seinen Titel gegeben: ›(Du weißt nicht,) Was Liebe ist.‹

Weiß es Roland denn wirklich nicht?

Er weiß es ebenso wenig, wie irgendjemand von uns es weiß. Liebe ist und bleibt ja die geheimnisvollste zwischenmenschliche Kraft. Wir bekommen sie nie zu fassen, sondern können immer nur von ihr erfasst werden. Und die Liebe ist zugleich ein Mythos, der so übermächtig ist, dass wir ihm auf Dauer nicht standhalten können. Unser Scheitern steht mehr oder weniger von vornherein fest.
Roland und Zoe spüren von Anfang an, dass ihnen nur wenig Zeit bleibt. Aber natürlich ist es keine Option, nicht zu lieben, nur weil man ahnt, dass es auf Dauer nicht funktionieren wird.

Es ist die Geschichte, die deutsche Vergangenheit, die sie einholt.

Ja, aber so klingt es mir doch etwas zu lapidar. Das an den Zwangsarbeitern begangene Unrecht ist keineswegs nur eine Randerscheinung der Nazidiktatur.
Wenn man sich mit ihren Schicksalen befasst, findet man darin die gleiche Brutalität, mit der auch der Völkermord an den Juden umgesetzt worden ist. ›Vernichtung durch Arbeit‹ hieß das im Nazijargon.

Sie haben in Ihren Romanen, es sei hier z. B. an Ihr Buch ›Rückspiel‹ erinnert, immer wieder die enge Verbindung von Familiengeschichten mit den historischen Ereignissen thematisiert. Können Sie hier andeuten, wie sich auch in Rolands Familie die Nachkriegsgeschichte spiegelt.

Bei vielen Schullesungen aus ›Rückspiel‹ habe ich festgestellt, dass das Wissen über den Nationalsozialismus in der jungen Generation nicht sehr ausgeprägt ist. Die Frage, ob es nicht allmählich an der Zeit wäre, einen Schlussstrich zu ziehen, steht immer schnell im Raum.
Die Diskussion der Zwangsarbeiterproblematik vor gut zehn Jahren zeigt aber, dass es immer noch Geschichten gibt, die erzählt werden müssen. Dinge zu beschreiben und zu benennen ist für mich immer auch ein Akt der Aufklärung.
Die Frage nach der genauen Verbindung zwischen der Geschichte meines Liebespaares und der deutschen Vergangenheit möchte ich hier aber offen lassen, um nicht zu viel vom Inhalt vorweg-zunehmen. Die Frage, um die es letztlich geht, ist aber: Ab wann sind Geschichten Geschichte?

An der Liebe von Zoe und Roland wird spürbar, wie sehr unsere Vergangenheit unser Leben und auch unsere Gefühle heute beeinflusst. Ist diese tragische Liebe Ihrer Meinung nach bezeichnend für unsere Zeit?

Früher hatte man vieles, worauf man sich emotional stützen konnte: Familienverbände, die Religion, überschaubare soziale Räume. Davon ist uns nichts geblieben. Alle Wertesysteme sind zerfallen, und es gibt nur zwei Ideale, die diesen Kahlschlag überstanden haben: die individuelle Freiheit und die große Liebe. Unglücklicherweise widersprechen sich diese beiden Ideale, denn wer liebt, kann nicht wirklich frei sein, sondern ist an das Objekt seiner Liebe gebunden.
Insofern ist die Geschichte von Roland und Zoe zeitgemäß. Sie sind frei, sie entziehen sich allen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Sie sind aber auch in ihrer Liebe ganz auf sich allein gestellt. Auf Hilfe von außen können sie nicht hoffen.

Sie erzählen sehr dicht und oft sehr spannend. Der Leser folgt Zoe und Roland voller Neugier von Berlin in das Rotlichtviertel von Amsterdam und an die holländische Küste. War es schwierig, für den Roman den richtigen Ton zu finden, die angemessene Sprache?

In ›Joana Mandelbrot und ich‹ und ›Schrödingers Schlafzimmer‹ habe ich stets mit einer gewissen ironischen Distanz erzählt. Das ist eine wunderbare Perspektive, aber eine, die für ›Was Liebe ist‹ nicht funktioniert hätte. Ich musste sehr einfach und klar erzählen. Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, wenn ich etwas nicht mit einfachen Worten sagen kann, dann habe ich es noch nicht verstanden.

Ihre Geschichte spielt 1999. Wäre sie auch heute, 14 Jahre danach, noch so denkbar?

Als Liebesgeschichte ja. Die Prozesse der Vereinsamung und Vereinzelung haben sich seither ja eher noch verschärft. Anders sieht es mit der historischen Basis meiner Geschichte aus. Tatsächlich leben wir jetzt in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verbrechen sterben. Ich glaube, dass die in ›Was Liebe ist‹ erzählte Geschichte gerade jetzt ihre volle Aktualität entfaltet. Die Frage, wie wir die Erinnerung an die im deutschen Namen begangenen Verbrechen bewahren, stellt sich in diesem Jahrzehnt noch einmal ganz neu.
Roland muss am Ende entscheiden, wie er sich zu dem Unrecht stellt, das in seiner Familie und seiner Firma geschehen  ist. Soll er die Geschichte weitererzählen oder nicht?

Welche Leser wünschen Sie sich für Ihren neuen Roman?

Ich habe beim Schreiben nie einen bestimmten Leser vor Augen. Im Falle von ›Was Liebe ist‹ wäre es natürlich schön, auch junge Leser zu erreichen. Ich selbst gehöre zu denen, die Romane nicht ausschließlich als intellektuelles Kunstwerk begreifen, sondern bereit sind, sich auch berühren zu lassen. Bei allem Ernst des Stoffs wünsche ich mir Leser, die das Buch auch aus dieser einfachen Perspektive betrachten können: als traurige Liebesgeschichte.

Das Gespräch führte Günther Opitz (Lektor von Ulrich Woelk)

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