Wachstumswende statt grünes Wachstum – 3 Fragen an Jason Hickel

»Je mehr Wachstum wir erzeugen, umso mehr beschädigen wir das Gewebe des Lebens, auf das wir alle angewiesen sind.«

Der Anthropologe Jason Hickel ist anerkannter Experte für die Themen Entwicklung, Ungleichheit und Globalisierung. Er lehrt an der London School of Economics und schreibt u.a. für den ›Guardian‹ und ›Al Jazeera‹. Drei Fragen zu seinem neuen Buch ›Die Tyrannei des Wachstums‹.

Was sind die größten Herausforderungen in unserer Welt?

Die Klimaveränderung ist die offensichtlichste. Heute müssen wir uns darauf einstellen, dass sich das Klima der Erde bis Ende dieses Jahrhunderts um drei bis vier Grad erwärmen wird, trotz des Übereinkommens von Paris. Niemand kann mit Sicherheit sagen, was vier Grad Erwärmung bedeuten werden, aber wir wissen, dass eine solche Entwicklung nicht mit einer organisierten globalen Zivilisation kompatibel ist. Doch die Klimaveränderung ist sozusagen nur die Spitze des Eisbergs. Wir haben es auch mit Krisen von Entwaldung, Überfischung, Bodenerosion und rapidem Artensterben zu tun. An diversen Fronten kommt es zur Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, und das wird schwerwiegende Folgen für unsere zukünftige Versorgung mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln haben.

Wieso liegt das am Wirtschaftswachstum?

Heute ist immer mehr Wirtschaftswachstum das wichtigste Ziel aller Regierungen auf unserem Planeten. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Wirtschaftswachstum der beste Weg sei, um Armut und Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Wachstum ist zu einem Synonym für Fortschritt geworden. Die Sache hat jedoch einen Haken: Wachstum hängt eng mit Rohstoffverbrauch und Treibhausgasemissionen zusammen. Je mehr Wachstum wir erzeugen, umso mehr beschädigen wir das Gewebe des Lebens, auf das wir alle angewiesen sind, um zu überleben.

Gibt es Hoffnung? Was können wir tun, um die Probleme zu lösen?

Manche Techno-Optimisten sagen uns, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen. Wenn wir effizientere Technologien entwickeln und auf erneuerbare Energien umsteigen, könnten wir das BIP weiterhin steigern und trotzdem die schädlichen Folgen für die natürliche Umwelt reduzieren. Das ist als »grünes Wachstum« bekannt, und es ist zurzeit der wichtigste Plan, um die Welt zu retten. Doch die Wissenschaft sagt uns etwas anderes. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass wir es selbst durch noch so viele Innovationen nicht schaffen können, BIP von Rohstoffverbrauch und Emissionen zu entkoppeln. Vielmehr ist die vielversprechendste Option, dass die reichen Nationen eine geplante Wachstumswende einleiten, um die wirtschaftlichen Aktivitäten auf ein umweltverträgliches Maß zurückzufahren. Zum Glück wissen wir, dass es möglich ist, eine solche Wende zu erreichen und gleichzeitig die Lebensqualität zu bewahren oder gar zu verbessern. Dies ist die Herausforderung, vor der wir im 21. Jahrhundert stehen: das Gedeihen der Menschen vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln.

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