Ruth Ware: Wie tief ist deine Schuld

Interview mit der Übersetzerin Stefanie Ochel

Am 30. November erscheint der neue Thriller von Ruth Ware unter dem Titel ›Wie tief ist deine Schuld‹. Mit ›Im dunklen, dunklen Wald‹ und zuletzt ›Woman in Cabin 10‹ hat die britische Bestsellerautorin zahlreiche LeserInnen weltweit und auch in Deutschland begeistert. Neben der Autorin und Lektorin kennt vor allem eine deren Bücher besonders früh und besonders gut: die Übersetzerin Stefanie Ochel. Eine gute Gelegenheit, mehr über Ruth Wares Thriller und deren Übersetzung ins Deutsche zu erfahren sowie schon einen Einblick in das neue Buch zu bekommen!

Sie kennen durch die Übersetzungsarbeit die Thriller von Ruth Ware besonders gut – im englischen Original und im Deutschen. Was ist für Sie das Besondere daran?

Das Besondere ist aus meiner Sicht, dass in jedem der Romane der Schauplatz eine ganz zentrale Rolle spielt und wie eine weitere Figur ins Geschehen eingeführt wird. Die atmosphärischen Ortsbeschreibungen nehmen viel Raum ein und schaffen eine düstere Stimmung. Der Schauplatz tritt gewissermaßen als Teil des Personals auf, ihm werden nicht nur Eigenschaften zugeschrieben, sondern er macht meist auch eine Entwicklung durch oder unterliegt »Stimmungsschwankungen«. Mal ist die Landschaft atemberaubend schön, pittoresk oder zumindest ruhig und friedlich, im nächsten Moment wirkt sie unwirtlich oder regelrecht lebensfeindlich. Das kann ganz schön gruselig werden. Dieser Aspekt zieht sich für mich wie ein roter Faden durch Ruth Wares Romane – in ihrem Debüt ›Im dunklen, dunklen Wald‹ waren es eben der dunkle Wald im Nordosten Englands und das unheimliche »Glass House« mit seiner riesigen Fensterfront, in ›Woman in Cabin 10‹ finden wir uns auf einem klaustrophobisch kleinen Luxuskreuzer auf dem rauen Meer wieder – und stellen uns mit der Protagonistin vor, was sich wohl gerade in der eisigen Tiefe dieses Meeres abspielt. Der dritte, im Herbst erscheinende Roman ›Wie tief ist deine Schuld‹ spielt zum Teil in einer maroden Mühle an einer weiten Flussmündung umgeben von Marschland. Der Wechsel der Gezeiten prägt die Landschaft, die Atmosphäre im Haus und die Handlung. Ein anderer wichtiger Schauplatz im Buch ist das Internat, ein imposantes Gebäude inmitten der Marschlandschaft, mit vielen unheimlichen Fluren und Treppen. Und auch im vierten Roman, an dem ich gerade arbeite, bekommen die Orte wieder einen großen Auftritt, aber darüber kann ich noch nicht mehr verraten.
Außerdem, und das ist vielleicht der Grund, warum in Besprechungen der Bücher immer mal wieder der Name Agatha Christie fällt, ist Ruth Ware eine sehr gute Fährtenlegerin – jedes Mal haben wir es in kammerspielartigen Szenarien mit einer oder auch zwei Handvoll Figuren zu tun, von denen fast keiner über den Weg zu trauen ist – jeder kann jederzeit unter Verdacht geraten.
Auch ist den Romanen gemeinsam, dass es sich bei den Protagonisten immer um psychologisch nicht »einfache«, nach außen hin zwar robuste, doch innerlich oftmals zerbrechliche Frauen handelt, die nicht immer sympathisch agieren. Sie werden in gefährliche Situationen geworfen, in denen sie nicht mehr wissen, auf wen sie sich noch verlassen können. Und sind dann nicht nur gezwungen, ihre eigene Haut zu retten, sondern ein Verbrechen aufzuklären und weitere zu verhindern.

Was sind bei den Büchern von Ruth Ware die größten Herausforderungen beim Übersetzen?

Sicher besteht eine der Herausforderungen in der erwähnten zentralen Rolle, die der Schauplatz spielt. Dabei kann es sich mitunter um Orte handeln, die ich nicht kenne und weder besuchen noch mit der Google-Bildersuche ermitteln kann – weil sie entweder gar nicht existieren, oder etwas anders als im Buch beschrieben. Einen nicht-existenten Schauplatz und die gewünschte Atmosphäre so rüberzubringen, dass für die deutschen Leser*innen möglichst die gleiche Schönheit oder eben das gleiche beklemmende Gefühl entsteht – das ist eine Herausforderung. Im Kopf der Autorin sind es ja konkrete, fassbare Orte – Landschaften, Gebäude – ich aber muss diese Orte anhand ihrer Beschreibungen erst Stück für Stück in meinem Kopf nachbauen, bevor ich sie auf Deutsch entstehen lassen kann. Wo endet eine Treppe in welchem Winkel zu welchem Zimmer, lehnt die Person jetzt eher rechts oder links im Türrahmen, damit diese oder jene Geste funktioniert, welchen Blick hat man vom Zaun auf das Haus oder auf die Landschaft, wie groß muss der Busch sein, damit er dieses oder jenes verdeckt? Solche und ähnliche ganz praktische Fragen muss man sich beim Übersetzen immer wieder stellen.
Auch die Identifikation mit den Figuren stellt manchmal eine Herausforderung dar – wie gesagt begegnen wir in den Romanen oft innerlich zerrissenen, mitunter auch anstrengenden Figuren, die sich nicht immer so verhalten oder so reagieren, wie ich es mir für sie wünsche – manchmal regt sich in mir richtig Widerstand dagegen, sie etwas Bestimmtes tun, denken oder sagen zu lassen. Ich möchte sie schließlich vor Schlimmerem bewahren, weil ich mit ihnen mitfiebere. Aber natürlich kann ich den Figuren nicht auf die Sprünge helfen und muss sie ihre eigenen Fehler machen lassen – da geht es mir ganz wie den Lesern.
Ein anderer Aspekt, der Herausforderungen bereiten kann, ist das Übertragen besonders aktionsreicher Passagen, also gerade da, wo es rasant zugeht und sich der Thriller-Aspekt dieser Bücher entfaltet. Zwar enthalten die Romane auch viele ruhigere, beschreibende Passagen, aber zwischendurch wird das Tempo heftig angezogen – und das Englische verfügt über sehr elegante Möglichkeiten, solch atemlose Szenen zu erzählen. Vielleicht ist es in dieser Hinsicht etwas geschmeidiger, weil es mit weniger Worten eine Handlung andeuten kann. Das Deutsche erlaubt weniger grammatische Auslassungen, und gerade die Verbkonstruktionen, die ja bei handlungsbetonten Szenen besonders wichtig sind, sind im Deutschen oft etwas länger oder schwerfälliger. Ja, also das sehe ich als Herausforderung: die spannenden, rasanten Szenen im Deutschen ebenso rasant zu machen.

Worauf können sich die deutschen Leser bei ›The Lying Game‹ freuen, das Ende November in Deutschland unter dem Titel ›Wie tief ist deine Schuld‹ erscheint?

Wieder auf einen Schauplatz, der faszinierend und schaurig zugleich ist, und die Leser*innen hoffentlich in seinen Bann zieht. Außerdem auf eine Geschichte über Schuld und Schuldgefühle, und über die Freundschaft zwischen vier Frauen, die ein schreckliches Geheimnis verbindet. Auf einen Krimi, der Elemente einer klassischen Internatsgeschichte in ein modernes, düsteres Gewand kleidet.

 

Stefanie Ochel übersetzt seit 2014 vor allem aus dem Englischen und Niederländischen. Bevor sie sich ganz dem Übersetzen zuwandte, war sie in Finnland und anschließend acht Jahre in England als Deutschdozentin an verschiedenen Universitäten tätig. Seit 2017 lebt und übersetzt sie in Berlin.

 

Erhältlich ab 30. November 2018!

Ruth Ware
Wie tief ist deine Schuld
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