70 Jahre nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944

Ein Artikel von Sabine Friedrich

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Henning von Tresckow (6. v. l.) mit Stabsoffizieren bei der Lagebesprechung

Was der 20. Juli ist, das weiß jeder, jedenfalls in Deutschland. Der 20. Juli 1944 war der Tag, an dem Adolf Hitler nicht starb. Zu dieser schlichten Feststellung lassen sich die Geschehnisse damals vor siebzig Jahren  verdichten, wenn man sie nur unter dem Aspekt ihrer zeitgeschichtlichen Folgen betrachtet. Denn bekanntlich schlug das Attentat fehl, der Staatsstreich scheiterte, und alles ging weiter wie gehabt – außer für die direkt Beteiligten und die mit ihnen Verstrickten, für die die Dinge eine Wendung zum Furchtbaren nahmen.

Vom praktischen Wert her betrachtet war der versuchte Staatsstreich also eine überflüssige, ja vielen sogar schädliche Tat: Dem Attentatsgegner Helmuth James Graf von Moltke etwa, der wegen einer Lappalie lange vor dem 20. Juli inhaftiert worden war, hatte man für die nächsten Tage bereits seine Freilassung angekündigt, und auch das Verfahren gegen Hans von Dohnanyi (und möglicherweise seinen Schwager Dietrich Bonhoeffer) sollte ausgesetzt werden. Dann kam das Attentat, und alles war verloren. Fritzchen, was lernt uns das? Dass Zivilcourage, Mut, Tapferkeit, Anstand, Größe, dass all diese noblen Eigenschaften ins Verderben führen. Trau dich, Kind, riskiere, folge getrost deinem Gewissen, und du wirst sehen, du landest auf dem Schafott. Die Kriecher dagegen kommen durch.

Aber wenn das die Lehre ist, die sich aus dem 20. Juli ziehen lässt, warum kann man dann nicht wünschen, dass die Verschwörer die Tat unterlassen, dass sie sich aufgespart hätten, um im Nachkriegsdeutschland eine bedeutende Rolle zu spielen (welche?).

Viele, ja die meisten der Beteiligten des 20. Juli waren von vornherein auf einen Fehlschlag gefasst. »Fifty-Fifty« schätzte Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg die Chancen des Gelingens, Julius Leber fragte sich, »ob man wohl mit dem Leben davonkommt«, aber dass das Attentat erfolgen musste, »coute que coute«, wie Henning von Tresckow von der Ostfront an Stauffenberg nach Berlin ausrichten ließ, stand für sie alle außer Zweifel. Warum? Freilich, ab einem gewissen Punkt gab es kein Zurück mehr. Reichwein und Leber waren schon vor dem 20. Juli verhaftet, auch Goerdeler wurde gesucht und war untergetaucht. Der einzige Weg hinaus schien der Weg hindurch. Aber was war die Initialzündung, der Antrieb zu handeln, der die Beteiligten, manchmal über Jahre, nicht zur Ruhe hatte kommen lassen?

Viele Motive spielten eine Rolle, nicht zuletzt das der »Opferfackel«, wie Julius Leber es ausgedrückt hat, in die man sich unter Umständen verwandeln müsse, um den Späteren zu beweisen, dass es auch in jenen schwarzen Zeiten Menschen gegeben habe. Tresckow, der Entschlossenste von allen, soll die Verschwörer mit jenen zehn Gerechten verglichen haben, um derentwillen der Gott Abrahams Sodom und Gomorrha nicht vernichtet haben würde. Aber wenn Deutschland nicht von der Landkarte verschwand, wenn tatsächlich beide Teile innerhalb ihrer jeweiligen Blöcke eine Vorzugsbehandlung erfahren haben, dann hatte das nichts mit Abraham oder Tresckow zu tun, sondern mit dem Kalten Krieg und der Frontstaatsituation. Und als Sühneopfer taugen die Hingerichteten auch nicht. Die Ermordeten sind nicht gegeneinander aufzurechnen.

Also, warum den 20. Juli nicht einfach vergessen?

Weil er uns vor Augen führt, wie Hannah Arendt es in »Eichmann in Jerusalem« formuliert hat, »dass unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht.« Und mehr, so fährt sie fort, kann billig nicht verlangt werden, damit die Welt ein Ort bleibt, wo Menschen leben können. Das ist die Leistung des 20. Juli. Die Männer und Frauen um Stauffenberg führen vor Augen, dass es Menschen gibt, die es angesichts des Terrors unter gar keinen Umständen ertragen, nicht zu handeln, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, weil sie anders nicht am Leben und sie selbst bleiben können. Stauffenberg hat seine Tat nicht überlebt – aber Freisler und tausende von Mitläufern die ihren auch nicht. Wann das persönliche Ende kommt, kann man letztlich nicht selbst entscheiden. Man kann nur entscheiden, wer man dann, am Ende, gewesen sein wird. Das ist die unglaubliche Geschichte, die der 20. Juli und der ganze deutsche Widerstand erzählt. Wir sollen uns fragen, wer wir gewesen sein wollen. Wer wir sind.

 

3216_3Sabine Friedrich, 1958 in Coburg geboren, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte 1989 in München. Seit 1996 lebt Sabine Friedrich mit ihrer Familie wieder in Coburg. Ihr erster Roman Das Puppenhaus‹ wurde 1997 veröffentlicht. Weitere Romane folgten, darunter Familiensilber‹ (2005) und Immerwahr‹ (2007). Im Jahr 2012 erschienen Sabine Friedrichs umfangreicher Roman über den Deutschen Widerstand: ›Wer wir sind‹ sowie ihr Werkstattbericht über die Entstehung dieses Romans.

 

 

 

Sabine Friedrich
Wer wir sind. Werkstattbericht
Sabine Friedrich
Wer wir sind

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