Maggie Shipstead: ›Weihnachtsgeschichte‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

Shipstead mag

 

In Südkalifornien, wo ich aufgewachsen bin, gibt es keine Hoffnung auf Schnee zu Weihnachten und eigentlich auch kaum auf etwas anderes als blauen Himmel und die üblichen milden Temperaturen. Vielleicht einmal im Jahrzehnt kann es regnen. Man umwickelt die Palmenstämme mit Lichterketten. Am Vormittag des Ersten Weihnachtstags findet in der Nähe meines Elternhauses ein Wettkampf für Surfer statt, und unsere Familie ist in den letzten Jahren zum Strand gegangen, um Männern im Neoprenanzug mit rotweißen Weihnachtsmannmützen dabei zuzusehen, wie sie in die Wellen hinauspaddeln.

Ich bin 32, alt genug, dass die meisten Weihnachtsfeste meiner Kindheit ununterscheidbar in einem Nebel verschwimmen, einer Montage aus wiederholten Traditionen. Darin steckt eine Redundanz. Traditionen wiederholen sich per se. Sie sind in unserer Erinnerung mit vielen Lackschichten fixiert.

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Als meine Mutter und ihre Geschwister klein waren, geschah es eines Heiligabends, dass die Eltern vor lauter Vorbereitungen für die Abreise zu den Großeltern, die früh am nächsten Morgen geplant war, nur Reste aus dem Kühlschrank auf den Tisch brachten. Es gab ein merkwürdiges Mischmasch zu essen: Rührei, Toast mit Zimt und Zucker, selbstgemachte Wurst und einen Salat aus Weintrauben, Äpfeln und Walnüssen. Im Jahr darauf erinnerte sich die Schwester meiner Mutter an diese seltsame Mahlzeit und wünschte sie sich wieder. Zufällig, wie nebenbei, entstand eine Tradition, die sich seit sechzig Jahren hält. Einzelne Elemente sind verloren, aber das Essen ist geblieben, kredenzt an einer Reihe von vage erinnerten Tischen, an denen zwei Generationen von Kindern erwachsen wurden.

Die Weihnachtsfeste, an die ich mich erinnere, sind die Ausnahmen, die Feste, bei denen unsere Traditionen durchbrochen oder verpflanzt wurden. Als ich neun oder zehn war, fuhr meine Familie vor Weihnachten zum Skifahren nach Colorado und wir machten auf dem Heimweg am Heiligabend für eine Nacht Halt in Las Vegas. Ich sehe das überladene Hotelzimmer noch vor mir: ein mit Palmwedeln gemusterter Teppichboden, die Tapete mit Strichen in Fuchsienrot, Türkis und leuchtendem Orange. Wir schlenderten durch die große Straße mit den Kasinos, blieben an einem riesigen künstlichen See stehen, um bei einer gespielten Piratenschlacht zuzusehen. Am ersten Weihnachtstag brachen wir im Morgengrauen auf. Um uns herum färbte sich die Wüste erst bläulich, dann rosa. Wir fuhren 200 Meilen durch Sand und Kakteen und Kreosotgesträuch. Dann umfingen uns wieder die Vorstädte. Aus Rasensprengern schossen Wasserstrahlen über grünes Gras. Die Straßen waren von Palmen gesäumt, die mit weißen Lichterketten umwickelt waren.

Ich blättere in meinen Fotos. Da ist das Jahr, in dem mein Bruder als Pilot bei der Air Force in Kuwait war und nicht nach Hause kommen konnte. Meine Eltern sitzen steif auf Sesseln am Weihnachtsbaum. Zu ihren Füßen zerlegt unser Golden Retriever ein Spielzeug, das aussieht wie ein Lamm. Unsere kleine Familie ist unvollständig.

Es gibt Fotos aus den vier Jahren, in denen mein Bruder in Deutschland stationiert war und wir drei zu den Feiertagen hinüberflogen. Da sind wir in München, Brüssel, London, Prag, dick vermummt gegen die Kälte. Wir nahmen neue Traditionen an: Glühwein, Weihnachtsmarktbesuche, Spaziergänge durch stille Straßen in Ländern, die nicht unseres waren, Fahrten durch dick bereifte Landstriche. Uns gefiel die deutsche Deko mit dem Weihnachtsmann, der eine Leiter hochklettert. Wir hatten sie noch nie gesehen. Auf einem Weihnachtsmarkt kaufte meine Mutter einen kleinen Weihnachtsmann mit Leiter, der nun jedes Jahr an unserem Baum in San Diego hängt.

An Heiligabend in der Wohnung meines Bruders in Kaiserslautern servierte meine Mutter Rührei und Toast und einen Salat aus Weintrauben, Äpfeln und Walnüssen. Nach dem Essen gingen mein Bruder und ich in einen irischen Pub und dann auf eine Party in der Wohnung eines anderen Piloten. In einer Ecke seines Wohnzimmers stand ein kleiner, spärlich geschmückter Baum. Darunter lagen ein paar Geschenke von seiner Familie in den USA. Die Wohnung war sehr dunkel. In seiner Familie sei es Tradition, erzählte er, dass jedes Kind ein Geschenk auswähle, das es schon am Heiligabend auswickle. »Suchst du mir eins aus?«, fragte er. Ich hockte mich im trüben Licht vor den Baum. Ich glaube, der flirtete mit mir, aber ich nahm meine Aufgabe ernst. Ich spürte das Gewicht der Tradition. Was das Paket enthielt, das ich aussuchte, weiß ich nicht mehr.

Frohe Weihnachten wünscht Ihnen

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Maggie Shipstead
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