Albert Thiele: Präsentieren ohne Stress

Ein Selbstversuch

Wie man Lampenfieber in Auftrittsfreude verwandelt und einen Vortrag souverän und gelassen über die Bühne bringt, verrät der profilierte Präsentations- und Dialektiktrainer Albert Thiele in seinem Ratgeber ›Präsentieren ohne Stress‹. Tina Rausch hat es ausprobiert.

Vor mir fläzen 18 Berufsschüler in ihren Stühlen. Auf ihrem heutigen Stundenplan im Literaturhaus München steht ›Münchner Geschichte/n. Eine literarische Spurensuche‹. Dahinter verbirgt sich ein vierstündiger Projekttag, der wichtige Stadtereignisse des 20. Jahrhunderts beleuchtet und Autoren vorstellt, die darüber schrieben. Im Vorfeld habe ich fünf Qualitätsstandards verinnerlicht, die laut Albert Thiele nötig sind, »um Ihre Präsentationen zielwirksam und zeitgemäß vorzubereiten und erfolgreich durchzuführen«:

Präsentieren ohne Stress– Zielgruppenorientierung,
– Personalisierung,
– Emotionalisierung,
– Fokus auf Kernbotschaften und
– Visualisierung.

Eine halbe Stunde vor Beginn habe ich mit dem Haustechniker Notebook, Beamer und Lautsprecher getestet, das Flipchart aufgestellt, Namensschildchen und Stifte bereitgelegt und dann mit den ersten eintrudelnden Schülerinnen etwas geplaudert, um bei meiner offiziellen Begrüßung keinen Kaltstart, sprich eine zittrige Stimme, erleben zu müssen. Nun geht es los!

Steigen Sie attraktiv ein, rät Albert Thiele

Geschichte und Literatur – zwei Themen, die auf der Prioritätenliste junger Menschen nicht unbedingt ganz oben rangieren. Es gilt also, ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse von Anfang an zu wecken (und dann möglichst aufrechtzuerhalten). Unverzichtbar dafür ist »der Einsatz eines zündenden Motivs in der Einstiegsphase«, so Albert Thiele: »Dieser Icebreaker (Aufhänger) soll Kontakt erzeugen, Neugier auf Sie und das Thema wecken und Spannung erzeugen.«

Aus seinen elf Vorschlägen habe ich Nummer eins und fünf kombiniert: ein akustischer Köder als überraschende Aktion. So spiele ich der Klasse direkt nach meiner kurzen Vorstellung das ›Heimatlied‹ der hiesigen Band Sportfreunde Stiller vor. Eine perfekte Einstimmung auf München – und auf Literatur, die nah an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ist: Bandmitglied Flo Weber hat bereits zwei Romane veröffentlicht.

Tatsächlich habe ich mein Publikum schon erreicht, nun sammeln wir weitere Schriftsteller, die hier geboren sind, leben oder gelebt haben. Karl Valentin wird genannt, Gerhard Polt, Thomas Mann, Friedrich Ani und Erich Kästner. Ich achte darauf, Blickkontakt zu halten und alle, die sich melden, mit Namen anzusprechen, die ich dank der vorbereiteten Schildchen kenne.

Infotainment gegen Langeweile

»Ihr Thema beeinflusst Ihre Ausstrahlung«, schreibt Albert Thiele. »Sie kommen am besten rüber, wenn Sie sich zu 100 Prozent mit Ihrem Thema identifizieren und von der Wichtigkeit des Themas überzeugt sind.« Da rennt er bei mir offene Türen ein – allerdings würde mir diese positive Einstellung deutlich schwerer fallen, wenn ich über Stochastik, Astronomie oder Steuerrecht sprechen müsste! Bei ›Münchner Geschichte/n‹ bin ich in meinem Element, vor allem kann ich die Lerninhalte mit Anekdoten – teils sogar selbst erlebten – anreichern; eine gute Kombination, so Albert Thiele in ›Präsentieren ohne Stress‹

»Wer präsentiert, sollte ein Gefühl dafür entwickeln, was bei Zuhörern am besten ankommt: Aus Forschungsergebnissen und eigener Lebenserfahrung wissen wir, dass es Geschichten sind. […] Unser Gehirn freut sich dabei über die Verknüpfung von Sachinformation und Unterhaltung – Infotainment als bestes Wirkmittel gegen Langeweile.«

Infotainment und dramaturgische Spannung schreibe ich auch beim Medieneinsatz groß. Während ich auf Powerpoint beinahe ganz verzichte, zeige ich ausgewählte Videos (kurze bevorzugen!, empfiehlt Thiele), Fotos und Bilder, spiele Hörstücke ein, reiche Bücher herum, lese mit der Klasse Texte und Romanausschnitte, schreibe Wortbeiträge aufs Flipchart, lasse sie in Kleingruppen diskutieren, aber auch einzeln kreativ schreiben.

›Präsentieren ohne Stress‹ – nicht ganz

Mittlerweile flutscht es geradezu. Die Klasse macht mit, es melden sich genügend freiwillig, so dass ich keine Wortbeiträge erzwingen muss. Ich merke, wie ich mich fast entspanne. Doch das ist gar nicht so gut! Etwas Erregung soll bitte schön schon sein: »Ein mittleres Stressniveau«, schreibt Albert Thiele, »bietet die besten Voraussetzungen für einen souveränen und gelassenen Auftritt.« Genau genommen müsse sein Buchtitel daher statt ›Präsentieren ohne Stress‹ ›Präsentieren ohne Distress‹ (d. h. negativer Stress) lauten. Denn erst unter Eustress (d. h. positiven Stress) erreichen wir unser höchstes Leistungsniveau.

Mir ist heute Vormittag wichtig, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht gestresst fühlen. Sie sollen den Projekttag als Abwechslung zur Schule erleben, im besten Fall sogar neugierig auf ihre Stadt und deren Autoren werden. Das scheint gelungen – zumindest zum Teil: »Ich habe voll viel über München gelernt«, sagt ein Schüler in der Feedbackrunde. »Ja, es war total interessant“, bestätigt eine Schülerin. „Ich dachte anfangs, es geht nur um Literatur, dabei war ja auch ganz viel Geschichte dabei.«

Tina Rausch, freie Journalistin

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