Ali Mitgutsch feiert seinen 80. Geburtstag…

… und wir möchten ihm ganz herzlich gratulieren! Aus diesem Anlass haben wir die frechsten Lausbubengeschichten, die schönsten Bilder, aber auch bedrückende Kriegserinnerungen aus Ali Mitgutschs Leben für Sie gesammelt. Sie stammen aus dem Buch ›Herzanzünder‹, das Ali Mitgutsch zusammen mit Ingmar Gregorzewski veröffentlicht hat.

Ali als Kind
Ali als Kind

»Am 5. Juni 1940 waren erste Brandbomben auf München gefallen. Ich war noch keine fünf Jahre alt. Ab 1942 wurden die Luftangriffe häufiger und zur ständigen Bedrohung für die Bevölkerung. […] Diese Luftangriffe gehören zu meinen frühesten Erinnerungen an die Kindheit. […] Sobald die Luftschutzsirenen aufheulten, waren alle hellwach. […] Neben meinem Bett wartete ein kleines ›Sackerl‹ auf mich, eine Art Rucksack, der sich oben zusammenbinden ließ, hauptsächlich gefüllt mit mir zugedachter Nahrung. Das Sackerl lehnte an dem Pappkoffer, der alles enthielt, was die Familie unbedingt retten wollte. Draußen herrschte frostiger Winter. Schlaftrunken richtete ich mich auf, stand auf wackligen Beinen, versank bis zu den Knien im wohligwarmen Federbett, weinte vergeblich gegen das Geheule der Sirenen an und wartete darauf, dass sich endlich jemand meiner erbarmte.

Meistens war das meine älteste Schwester. Sie packte mich in meine Hose ein, schüttelte meinen matten Kinderkörper mit kräftigem Rucken in das Kleidungsstück, bis sich alles ordnungsgemäß an die richtigen Stellen verteilt hatte. Wenn Arme und Beine ihren Platz gefunden hatten, erfolgte das dazugehörige Festzurren der Stoffhosenträger, bekam ich das Sackerl in die Hand gedrückt und trottete den anderen hinterher.«

Der kleine Ali mit seiner Familie
Der kleine Ali mit seiner Familie

»Für uns Kinder war der Auftrag, Bier zu holen, eine herrliche Angelegenheit. Endlich durften wir nach unten, auch wenn eigentlich schon Schlafenszeit war.

Auf ging’s zum Schelling-Salon, an der Ecke Schelling-/Barer Straße, der eine sogenannte Gassenschänke betrieb. Durch ein kleines Fenster hindurch, das zur Gaststätte gehörte, wurden wir abgefertigt, ohne das Wirtshaus betreten zu müssen. Auf dem Weg dorthin traf man jede Menge Freunde, ein jeder mit dem Krug seines Vaters in der Hand. Nur so war es möglich, sich als Kind unbehelligt abends durch die Straßen zu bewegen. Ein Kind ohne Krug erschien den Erwachsenen äußerst verdächtig und gab Anlass zu sofortigen hartnäckigen Nachforschungen.

›Du, sag a mal, Ali, was ist denn, komm a mal her, was machst denn du da? Warum bist denn du net dahoam?‹

Kam keine zufriedenstellende Antwort, wurde sogleich entweder bei den Eltern oben an der Wohnungstüre geläutet oder zu den Eltern nach oben gepfiffen. Die Meldung lautete: ›Du, da ist der Ali, darf der noch rumlaufen? Der hat keinen Bierkrug dabei!‹

[…] Oft habe ich mir ausgemalt, wie es wäre, wenn ich von Zuhause weglaufen würde. Ich hätte einen Bierkrug mitnehmen müssen. Ohne den hätte ich es gar nicht geschafft, so weit von Zuhause wegzukommen, dass mich die Leute nicht mehr kennen.«

Die Mitgutschs während der Evakuierung
Die Mitgutschs während der Evakuierung

»Im Ort Schöllnstein zeigte mir [mein Freund] Scheungrab die erstaunlichsten Dinge: Schiffe etwa – richtige Ozeanriesen. Mit bunter Farbe bemalt, ankerten sie hoch oben in der Luft und schmückten die hölzernen Giebel der Bauernhäuser.

Ich empfand diese Schnitzereien als sehr skurril, die Bemalung als märchenhaft. Da hingen die Sehnsüchte der Bewohner zum Greifen nahe, trotzten Wind und Wetter und strahlten einen ganz eigenen, fremden Zauber aus. Viele der Schöllnsteiner fühlten sich vom Wasser angezogen, sie wollten das Meer sehen, träumten von der Ferne: ein Gefühl, das mir dort wohl zum ersten Mal konkret begegnete und das mich sehr ansprach.«

Ali Mitgutsch Wimmelbild Auer Dult
Die Auer Dult in München auf einem Wimmelbild von Ali Mitgutsch

In der Nachkriegszeit besuchte Ali zusammen mit seiner Schwester die Auer Dult. Die beiden Kinder fuhren mit dem russischen Riesenrad – ein eindrückliches Erlebnis, das Ali Mitgutsch heute genau wie seine Wimmelbilder beschreibt:

»Von oben suchten meine Augen die Welt nach neuen, ungewohnten Bildern ab. Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig, die Geschichten gingen nicht aus: Menschen liefen über den Platz, kamen zu Gruppen zusammen, lösten sich wieder auf, Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster und ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hinauf. Es gab unendlich viel zu sehen, auf gewisse Weise hatte alles seine Ordnung und dann auch wieder nicht. Dieses Gewimmel begeisterte mich sofort. Ich wollte mehr davon und jauchzte jedes Mal auf, wenn es wieder nach oben ging.«

›Herzanzünder‹ ist als Hardcover und eBook erhältlich:

Ali Mitgutsch, Ingmar Gregorzewski
Herzanzünder
Ali Mitgutsch, Ingmar Gregorzewski
Herzanzünder

Alle Fotos © privat
Das Bild der Auer Dult stammt aus: ›Das Riesenbilderbuch von Ali Mitgutsch‹, Ravensburger Buchverlag

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.