Anu Stohner:
›Die Schneeflocke‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

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»Ich will aber Schneeflocke sein«, sagte das Mädchen.

»Schneeflocken haben wir schon genug“, sagte Schwester Simplicitas, die im Kindergarten der Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu alles bestimmte, also auch, wer im Weihnachtsstück Schneeflocke sein durfte. »Du bist ein Wichtel.«

»Ich will aber Schneeflocke sein«, wiederholte das Mädchen mit zitternder Unterlippe.

Schwester Simplicitas fand nicht, dass sie einer kleinen zitternden Unterlippe wegen Dinge zweimal sagen müsse. Dafür sagte Sirkka-Liisa was.

»Für Schneeflocke hast du eine viel zu dicke Nase!«, sagte sie.

Es war hässlich und gemein und stimmte überhaupt nicht.

»Stimmt ja gar nicht, und du hast einen viel zu dicken Po!«, hätte das Mädchen sagen sollen. Aber wie, mit zitternder Lippe? Und wo jetzt auch noch die kein bisschen dicke Nase lief. Von den Tränen zu schweigen.

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Also spielte das Mädchen den Wichtel, und es gab sein Bestes. Sein Wichtel hatte sogar mehr Text als Sirkka-Liisas Schneeflocke! Er ging: »Ich bin der Wichtel aus dem Wald, / auwei, wie ist es bitterkalt! / Ach käme doch der Engel Schar, / zu wärmen alle wunderbar!«

Die Schneeflocke brauchte nur zu sagen: »Den Flocken ist es niemals kalt, / nicht mal im kalten Winterwald.« Das war viel weniger!

Und dann hatte sie das bisschen auch noch vergessen. Sirkka-Liisa. Die Schneeflocke. Bei der Aufführung, als alle Eltern und Großeltern im Saal saßen und Schwester Simplicitas in der ersten Reihe.

»Den …«, fing sie an, dann wusste sie nicht weiter.

Der Wichtel, das Mädchen, das keine Schneeflocke sein durfte, stand vor ihr und wartete. Es konnte auch den Schneeflockentext und hätte vorsagen können.

»Den …«, wiederholte die Schneeflocke mit zitternder Unterlippe.

»Den Socken ist es niemals kalt «, flüsterte das Mädchen. Das hatte es sich zu Hause vorgesungen, wenn es doch mal wütend war, dass es nur Wichtel sein durfte. Aus Rache.

»Den Socken ist es niemals kalt, nicht mal im kalten Winterwald«, sagte die Schneeflocke. Dann schlug sie sich mit der Hand vor den Mund und rannte von der Bühne. Das leise Raunen im Saal und ein paar Gluckser verstummten, als Schwester Simplicitas über die Schulter blickte.

Zu weiteren Zwischenfällen kam es nicht, und der mit der Socke blieb immer umstritten, denn das Mädchen beharrte darauf, Sirkka-Liisa müsse sich verhört haben. Als ganz am Ende der lang andauernden Ovationen die Darsteller noch einmal einzeln auf die Bühne durften, bekam die verlegene  Schneeflocke den meisten Applaus, aber das konnte das Mädchen verschmerzen.

 

Das Foto zeigt die Autorin im noch unbeschwerten Tanz mit der Schneeflocke und belegt, dass von einer dicken Nase nun wirklich keine Rede sein kann. Sirkka-Liisa, die dumme Pute, verlor sie endgültig aus den Augen, als die Eltern sie in ein Schweizer Internat schickten.

 

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