Autorin sucht Verlag

Heute: Jutta Profijt

Das Schwerste am Schreiben sei die Verlagssuche. Jahrelang habe sie gedauert, berichten selbst heutige Bestseller-Autoren. Von Pontius bis Pilatus habe man seine Manuskripte verteilt, monate-, wenn nicht gar jahrelang auf Antwort gewartet, die entweder nie kam oder in Form einer Standardabsage. Ich erwartete also nur das Schlimmste, als ich auf die Suche nach einem (neuen) Verlag ging.

Weg aus der Regio-Ecke, rein in die ganze Republik wollte ich und schrieb die zehn Verlage an, die ich für die wichtigsten hielt.
Einige Wochen wartete ich auf Antwort, dann griff ich zum Telefon. Entweder wurde ich gleich in der Telefonzentrale abgewimmelt oder spätestens in irgend einem Sekretariat. In welchem, habe ich nie kapiert.

Nicht so beim Deutschen Taschenbuch Verlag. Dort sagte ich, bereits ermattet und frustriert, mein Sprüchlein auf und zuckte zusammen, als die nette Dame in der Zentrale ankündigte, sie verbinde mich mit dem Lektorat.

»Falke*«, meldete sich gleich darauf eine weibliche Stimme, der ich mein Anliegen vortrug. Ein Exposé hätte ich geschickt und einen meiner fertigen Krimis und sie sagte: »Ich erinnere mich.«
Wir plauderten über meine »Schreibe«, die ihr gefiel, über das Exposé, zu dem sie nicht viel sagen wollte und über die Verlagspolitik, dass man von neuen Autoren am liebsten das fertige Manuskript prüfe, bevor man Verträge mache. Ich fühlte mich wie nach einem Sechser im Lotto, als ich auflegte.

Okay, es kam dann ein Angebot von einem anderen Verlag dazwischen, der mir einen Vertrag für das noch unfertige Buch anbot, und ich habe zugegriffen. Aber den Kontakt zum dtv, den wollte ich unbedingt halten.

In unregelmäßigen Abständen von jeweils mehreren Monaten rief ich die bekannte Telefonnummer an, fragte nach Frau Falke und wurde durchgestellt. Wir plauderten nett über mein neues Buch, das zwischenzeitlich in einem kleineren Verlag erschienen war, ich sandte ihr einen französischen Lernkrimi, den ich als Auftragsarbeit geschrieben hatte, wir entwickelten neue Pläne und entwarfen zusammen ein Konzept für einen Krimi, aus dem dann aus diversen Gründen doch nichts wurde.

Nach jedem dieser Kontakte berichtete ich meinem Mann brühwarm und begeistert von meinem ausführlichen Gespräch mit der Lektorin eines der ganz großen deutschen Verlage – und mit jedem Mal blickte er skeptischer. Hieß es nicht immer, dass Lektoren niemals mit »fremden« Autoren sprechen? Hatte man je gehört, dass eine Lektorin sich die Zeit nahm, mit einer kleinen Provinzschreiberin über ungelegte Eier zu diskutieren? Konnten alle Berichte über die Unnahbarkeit von Lektoratsmitarbeitern so falsch sein?

»Bist du sicher, dass du immer mit der selben Person sprichst?«, fragte mein Mann also nach dem sechsten Gespräch.

Ich starrte ihn verständnislos an.

»Ich glaube, der dtv unterhält ein Callcenter für nervige Autoren. Dort arbeiten diverse Damen mit ähnlichen Stimmen, die sich alle mit dem Namen »Falke« melden, und deren Aufgabe es ist, einerseits den echten Lektoren die Möchtegernautoren vom Hals zu halten, andererseits aber die armen Künstlerseelen zu hätscheln für den Fall, dass doch irgendwann mal einer von den Schreiberlingen etwas Vernünftiges anzubieten hat.«

Beim nächsten Mal war ich besonders aufmerksam, achtete auf Stimme und Modulation meiner Gesprächspartnerin und testete ihr Wissen über Details aus früheren Gesprächen. Am Ende war ich mir sicher: Ich sprach tatsächlich immer mit derselben Frau.

Drei Jahre nach unserem ersten Telefongespräch unterschrieb ich meinen ersten Vertrag mit dem Deutschen Taschenbuch Verlag. Kristine Falke ist seitdem »meine« Lektorin. Ob sie nebenbei ihr »Callcenter« weiter betreibt, ist mir nicht bekannt.

Jutta Profijt, Autorin

 

*Dies ist einer der seltenen Fälle, in denen die Lektorin unter Pseudonym arbeitet und die Autorin unter ihrem echten Namen. Der richtige Name der Lektorin ist dem Verlag natürlich bekannt.

Schreiben auch Sie uns Ihre ganz persönliche Geschichte zu dtv-Büchern an: magazin@dtv.de

 

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