Catarina Katzer: Cyberpsychologie

Eine Selbstreflexion

Cyberpsychologie

In ihrem Buch ›Cyberpsychologie‹ untersucht Catarina Katzer psychologische und gesellschaftspolitische Folgen der virtuellen Veränderung unserer Lebenswelt: Die Volkswirtschaftlerin und Sozialpsychologin lotet Chancen und Gefahren des Internets aus, sucht Wege für kompetente Cybernauten und erörtert die Rahmenbedingungen einer neuen Medienethik.

Über drei Milliarden Smartphones sind weltweit im Einsatz. Statistisch gesehen besitzt knapp die Hälfte der Weltbevölkerung eines der digitalen Allroundtalente. Die beliebteste Applikation WhatsApp nutzen seit Januar 2016 mehr als eine Milliarde Menschen, darunter etwa 30 Millionen Deutsche. Mehr als 20 Millionen Deutsche sind auf Facebook; pro Minute werden 277 000 Tweets und über 200 000 Fotos auf Instagram gepostet. Hinter den gigantischen Zahlen steht eine folgenreiche Entwicklung: Immer mehr Menschen sind nahezu rund um die Uhr online, »das Internet ist zu einem neuen Koordinatensystem für unser Handeln geworden, das sich wie selbstverständlich neben unser reales Alltagsleben schiebt«, schreibt Catarina Katzer in ›Cyberpsychologie‹. »Die Konsequenz ist eine ständige Verbindung zwischen unserem Leben im Hier und Jetzt, zwischen Elternsein, Partnerschaft, Beruf und Karriere, Haushaltspflichten und unseren virtuellen Beschäftigungsfeldern.«

Zwischen Real Life und Cyberlife

Früher haben wir in einer Welt gelebt: im Real Life. Heute bewegen wir uns zudem im Cyberlife – und dort meist auf mehreren Wahrnehmungsgleisen und Bewusstseinsschienen. »Mit jeder Öffnung eines neuen Fensters kommt eine neue Ebene hinzu«, so Catarina Katzer. »Wir stellen dabei jedes Mal eine neue Weiche. Alleine durch die Menge und die Verschiedenartigkeit dieser Bewusstseinsgleise entstehen bereits Wahrnehmungs- und Konzentrationsschwierigkeiten.«
Während ich diesen Text in Word verfasse, sind auf meinem Rechner Outlook und vier Firefox-Fenster geöffnet. Neue E-Mails lese ich gleich und beantworte sie teils umgehend. Ich habe die ›Spiegel‹-Bestsellerliste aufgerufen, online einen Arzttermin vereinbart und eine Fahrverbindung rausgesucht. Mit diesem Verhalten liege ich im Trend: Ein durchschnittlicher amerikanischer Angestellter soll an einem Arbeitstag rund 50 Mal seine Mailbox konsultieren, 77 SMS schreiben und privat über 40 Webseiten surfen. Solche Unterbrechungen wirken sich laut Catarina Katzer auf die Arbeitsleistung aus und verursachen immense wirtschaftliche Kosten: »Man macht mehr Fehler, und man braucht deutlich länger für eine Aufgabe.«

Facebook macht schlechte Laune

Anders als beim Computer entstehen in unserem Gehirn Aufmerksamkeitskonflikte, sobald wir uns parallel verschiedenen Inhalten widmen. »Die Informationsverarbeitung unserer Wahrnehmung funktioniert eindeutig besser, wenn wir einem bestimmten Ablauf oder einer Aneinanderreihung folgen. Multitasking schränkt unsere kognitive Kontrolle ein.« Die Ablenkung ist umso stärker, je höher unser persönliches Engagement bei den virtuellen Aktionen ist, sprich: Ein Besuch bei Facebook katapultiert uns eher aus unserem aktuellen Tun als ein Blick aufs Nachrichtenportal.
Gut, dass ich kein Facebook-Profil besitze. Dadurch bin ich effizienter und besserer Laune: Psychologen der Universitäten Zürich fanden heraus, dass Menschen ohne Facebook glücklicher und gewissenhafter sind. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Kollegen der Universität Innsbruck, denen zufolge intensive Facebook-User unglücklicher, ja sogar depressionsgefährdet sind. Dies liegt an der Tendenz der Nutzer, sich auf sozialen Netzwerken nur von der besten Seite zu zeigen und Negatives auszublenden. Wer sich an getunten Selbstdarstellungen orientiert, zieht automatisch den Kürzeren: »Durch das Abtauchen in die schöne neue Internetwelt können wir den Sinn für unser reales Leben, unser reales Selbst und echte Prioritäten verlieren«, warnt Catarina Katzer.

Das Internet prägt unsere Identität

Der rasante Wechsel zwischen Offline- und Online-Welt verändert unsere Persönlichkeit: »Alles, was wir im Netz erleben, die Erfahrungen, die wir hier machen, wirken sich auch auf unsere Selbsteinschätzung und unser Selbstkonzept aus.« Die Einflüsse auf Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung bezeichnet Catarina Katzer in ›Cyberpsychologie‹ als das »Spannendste am Netz«. Bemerkenswert ist, dass die Sozialpsychologin die beschriebenen Effekte nicht per se als schlecht bewertet, sondern stets auch die Chancen und Vorteile aufzeigt: »Es geht hier nicht um ein Plädoyer gegen das Internet oder alle seine Errungenschaften, ganz im Gegenteil. Wir müssen in der Lage sein, das Internet zu kritisieren, ohne gegen das Internet zu sein.« So kommt man vielleicht genau durch das Spiel mit verschiedenen Identitäten im Netz seinem »wahren Ich« besser auf die Spur.

Lesen statt ›viewing‹!

Fest stehe, so Catarina Katzer, dass wir neue staatenübergreifende Gesetze und eine neue Medienethik benötigen. Auf die Rechtsprechung kann der Einzelne nur bedingt Einfluss nehmen, dafür liegt Zweiteres auch in der Eigenverantwortung. Wir entscheiden selbst, welche Filme wir uns auf Youtube ansehen, welche Kommentare wir posten, was wir von uns preisgeben – und wann wir offline gehen. In dieser Zeit können wir zum Beispiel echte Freunde treffen. Oder ein Buch lesen. Zahlreiche Studien belegen, dass es schon heute vielen Menschen schwerfällt, einen längeren Text zu erfassen: »Horizontales hat vertikales Lesen abgelöst, richtig lesen ist out, anschauen, ›viewing‹ ist in.« Also, Rechner aus, ›Cyberpsychologie‹ zur Hand und los geht’s mit dem vertikalen Lesen ohne Ablenkung. Vorausgesetzt, Sie haben Ihr Smartphone ganz weit weggelegt. Oder Sie machen es wie ich und leben ohne.

Tina Rausch, freie Journalistin

Nächsten Freitag, 29. Januar 2016, können Sie mit Autorin Catarina Katzer beim FrageFreitag auf Lovelybooks über ›Cyberpsychologie‹ diskutieren und ihr Ihre Fragen stellen!  

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