Da rennen sie

25 Jahre Mauerfall - Erinnerungen von Antje Rávic Strubel

Antje Rávic Strubel, Da rennen sie

Mit Stoffbeuteln rennen sie, in Anoraks, in zu kurzen langen Hosen. Sie rennen auf das geöffnete Tor zu, und kaum einer merkt, daß es regnet, kaum einer hat einen Schirm dabei, so hastig war der Aufbruch. Sie rennen um ihr Leben aus dem alten Leben weg.
Ich bin auch mitgerannt. Nicht unbedingt durch dieses Tor, nicht an diesem Tag, an dem der korpulente deutsche Kanzler sich wohlig in der Jahrhundertrolle räkelt. Ich bin aus Erleichterung gerannt, aus Abenteuerlust, ich rannte, weil endlich etwas zu geschehen schien, weil etwas losging, sich anbahnte, was die Bahn verließ, die vorgegeben schien für jedes Leben. Ich rannte aus Neugier, Optimismus, Tatendrang und mit der Aussicht auf gerechtere Zeiten.

Was ich damals empfand und was ich heute empfinde, läßt sich manchmal nicht in Einklang bringen. Fünfundzwanzig Jahre trennen mich von der, die ich damals war. Zehntklässlerin, die noch eine Demo organisierte für Gedankenfreiheit und Selbstbestimmung, als die Grenze schon geöffnet war.

Da rennen sie.
Kaum einer sieht zurück.

Vielleicht gibt es ein, zwei blass besorgte Blicke im blassen Nebelwetter. Aber die Körper rennen auch diesen Blicken schon davon. Keiner bleibt stehen, niemand hält inne. Man gibt dem gedanklichen Impuls nicht nach, zurückzuschauen, durchzuatmen, sich zu fragen, wo renne ich hin und komme ich irgendwo an und warum renne ich so.

Selbst der Impuls, sich umzudrehen, gilt nur der Vergewisserung, daß da noch welche kommen, daß man nicht die Letzte ist, nicht hinterhängt und abfallen könnte, zurückbleiben, daß man nicht dabei sein könnte, wenn die große Weltgeschichte einen Momente lang umschließt, man möchte nicht Nachzüglerin sein beim Sturm auf dieses Tor; nein, eine Revolution sieht anders aus.

Eine Revolution haben die Laufenden nicht im Sinn. Wie leicht sich ihre Körper dieser Hast ergeben, wie sie dem Sog erliegen, wie sie schon alles aufgegeben haben, was sie geformt hat (es dauert nicht mehr lange, dann werfen sie die alten Kleider ab), und wie schlapp diese Getriebenheit sie bereits macht; statt aufrechter Standarte hängende Beutel aus Stoff.

Und was hier doch am meisten irritiert: die Welt hinter dem Tor sieht fast genauso aus.

Von Antje Rávic Strubel, Autorin von ›Tupolew 134‹

Wie haben Sie die Nacht des Mauerfalls erlebt? Wir sind gespannt auf Kommentare mit Ihren persönlichen Erinnerungen.

Antje Rávic Strubel
Tupolew 134

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