Das Wort der Nacht

Jubiläum 25 Jahre Mauerfall - Erinnerungen von Susanne Krones

Susanne Krones, TOnspur

Als die Mauer 1989 in einer kalten Novembernacht fiel, war ich weit weg von Berlin an einer anderen Grenze: Im Nordosten Bayerns, wo die Bundesrepublik auf das heutige Tschechien trifft – wo also damals die Welt zu Ende war. Ich war zehn und gerade acht Wochen am Gymnasium in der nächstgelegenen Stadt, erfüllt von all dem Neuen um mich herum: die große Schule, die neuen Freundinnen, die weite Busfahrt. Alles fühlte sich nach Erwachsenwerden an. Außerdem lag seit Wochen noch etwas anderes in der Luft: Meine Eltern sahen häufiger Nachrichten als sonst, an ihren Reaktionen merkte ich, dass etwas Besonderes vor sich ging. Wie außergewöhnlich es war, begriff ich erst am Morgen des 10. November 1989.

Der Fernseher lief schon beim Frühstück, was es noch nie gegeben hatte. Ich sah zeitversetzt die Bilder der Nacht: steife Herren auf einer Pressekonferenz, immer wieder die gleiche Stelle, »sofort, unverzüglich«, den Schlagbaum, der sich am Grenzübergang Bornholmer Straße hob, jubelnde Menschen, die auf die Mauer geklettert waren, Reporter, die live in die Kamera erzählten, was sie erlebten, und das ausgelassen und gelöst, wie ich es von Nachrichtenjournalisten nicht kannte. Wahnsinn. Das Wort der Nacht.

Ich merkte, dass meine Eltern trunken waren von den Bildern, die sie aus den nächtlichen Sendungen längst auswendig zu kennen schienen. Und: Ich wurde vom ersten Moment an süchtig. Im Bus zur Schule gingen mir die Bilder nicht aus dem Kopf, die nächsten Abendnachrichten schienen Lichtjahre entfernt. Ich fing tatsächlich an, mich für die Nachrichten zu interessieren, wollte wissen, was dort passierte und warum. Was für Menschen das waren, die den Mut hatten, diese Mauer zu stürmen, und weshalb sie es nicht längst getan hatten. Natürlich wurde in der Schule darüber gesprochen, aber das Interesse und die Begeisterung kamen aus den Bildern dieser Nacht und dem, was sie mit meinen Eltern machten: sprachlose Rührung, Begeisterung. Hier passiert was. Weltgeschichte. Das verstand ich sofort. In meinem Kindertagebuch findet sich am 10. November 1989 zwischen Schultagen, Ausflügen, Freundinnennachmittagen der erste Eintrag mit politischem Bezug. Es wird nicht der letzte bleiben. Die Nacht, die Deutschland verändert hatte, hatte auch mich verändert. In den Wochen danach verfolgte ich mit aufmerksameren Augen, was im anderen Deutschland passierte, neugierig darauf, ob es zwei deutsche Länder bleiben oder eines werden würde.

Zehn Jahre später, 1999, habe ich an der ehemaligen Ostberliner Humboldt-Universität zu Berlin mein Studium begonnen, neugierig auf beide Hälften der bis vor zehn Jahren geteilten Stadt. Es war die Neugier von damals, die mir den Mut zu diesem Schritt gegeben hat, dem Neuanfang in einer Stadt, in der ich niemanden kannte. Und wieder lag etwas in der Luft: Je genauer ich mich im Germanistik- und Politikstudium mit den Ereignissen der Wende und den Spuren, die sie in der Literatur hinterlassen hatten, auseinandersetzte, umso mehr faszinierte mich der Umbruch. Es ging nicht nur mir so. In meinem Freundeskreis – so bunt wie das inzwischen vereinigte Deutschland – wurde immer wieder über Mauerfall und Wiedervereinigung, die beiden alten Länder und das neue, wiedervereinigte Deutschland gesprochen. Die Geschichten, die wir uns erzählten, waren persönliche Gesichten. Die unserer Eltern und längst unsere eigenen. Langweilig wurden sie nie, denn die Neugier von 1989, die Neugier aufeinander, war geblieben. Eine Neugier, die mich weitere fünf Jahre später, als ich Olaf Hintze kennenlernte, als Autorin auf die Tonspur setzen sollte. Aber das ist eine eigene Geschichte.

Text: Susanne Krones, Autorin von ›Tonspur‹

Wie haben Sie die Nacht des Mauerfalls erlebt? Wir sind gespannt auf Kommentare mit Ihren persönlichen Erinnerungen.

Olaf Hintze, Susanne Krones
Tonspur - Wie ich die Welt von gestern...

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