›Der Adventskalender‹
Teil 1

Eine Weihnachtsgeschichte von Ursula Schröder

Weihnachtsgeschichte 2014 Teil 1

Bloß weil Weihnachten ist, ist nicht alles gut. Doch liegt es manchmal nicht auch daran, dass wir nicht genau genug hinsehen? Eine Weihnachtsgeschichte in drei Teilen von unserer Autorin Ursula Schröder:

Seit ein paar Jahren lebe ich mit Niklas und Sandra in einer großen Wohnung in einer alten Villa, die wir uns nur gemeinsam leisten können. Aber das Zusammenleben hat auch andere Vorteile, weil wir zusammen kochen oder gemeinsam fernsehen können, je nachdem wonach uns gerade ist. Irgendwann hatten wir die Idee mit den selbstgebastelten Adventskalendern: Sandra macht einen für Niklas, er einen für mich, und ich bin für Sandras Kalender zuständig.

Und wenn Sie jetzt denken, ich hätte dabei am schlechtesten abgeschnitten, weil Männer meistens keine Ahnung haben, worüber eine Frau sich freut, dann täuschen Sie sich. In diesem Fall trifft das nämlich nicht zu, im Gegenteil. Auch wenn er manchmal etwas ungewöhnliche Ideen hat, zum Beispiel mit dem zerlegten Taschenbuch: da hab ich jeden Tag ein Vierundzwanzigstel Roman bekommen und erfuhr erst am vorletzten Tag, wie Autor und Buch hießen. Aber glauben Sie mir, ich habe jeden Abend darauf gelauert, ins Bett gehen und den neuen Abschnitt lesen zu können. Erst Anfang November hatten mein damaliger Freund und ich uns getrennt. Es half mir enorm dabei, darüber hinweg zu kommen.

Insofern hatte ich große Erwartungen an den diesjährigen Kalender, der aus 24 kleinen Schachteln bestand. Mit größter Spannung öffnete ich die erste davon – nur um einen Chip vorzufinden, wie man sie zum Beispiel zum Auslösen von Einkaufskarren im Supermarkt braucht. Ein wenig enttäuscht war ich schon, auch wenn ich es mir nicht anmerken lassen wollte. Aber schließlich konnte ich ja nicht wissen, ob das nicht nur ein etwas unspektakulärer Auftakt für andere Dinge war, die mich mehr beeindrucken würden.

An den nächsten Tagen gab es wieder jeweils einen Chip, den ich mit einigem Frust beiseitelegte, während sich Niklas über die Goldtaler mit den Zitaten aus seinem Adventskalender freute und Sandra über ihre Parfumpröbchen. »Sag mal, was kramst du eigentlich hier so hektisch rum?« »Ich kann meine Handcreme nicht finden“, knurrte ich. »Aber egal, ich muss zur Arbeit. Bin eh spät dran.« Es war nämlich sehr unangenehmes Wetter, Schnee lag in der Luft. Aber an den paar Flocken, die an diesem Tag fielen, war das Ärgerlichste, dass ich sie nach Feierabend nicht vom Auto wischen konnte, weil ich nämlich ausgerechnet heute meinen Eiskratzer verloren hatte. Vermutlich war er unbemerkt aus dem Seitenfach der Tür gefallen. Und – wie peinlich war das denn? – ausgerechnet jetzt erschien auch Steffen aus meiner Abteilung, dessen Auto schräg vor meinem parkte, und bekam mit, wie ich mit einer dafür ziemlich ungeeigneten Parkscheibe versuchte, mein Auto freizukratzen. Der Steffen, dem die Frauen der gesamten Firma hinterher schmachten, als käme er aus der Cola-Light-Reklame. »Lisa, du Arme«, sagte er mitleidig. »Warte, ich helfe dir.«

Zu Teil 2 der Weihnachtsgeschichte

Ursula Schröder bei dtv

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