›Der Adventskalender‹
Teil 2

Eine Weihnachtsgeschichte von Ursula Schröder

Weihnachtsgeschichte 2014 Teil 2
In Teil 1 der Weihnachtsgeschichte war Ursula Schröder ziemlich gefrustet von einem rästelhaften Adventskalender und der ewigen Suche nach ihren Siebensachen. Doch dann kommt die Hoffung auf gute Laune – in Form ihres tollen Arbeitskollegen Steffen…

Und noch bevor ich verlegen »Ist nicht nötig« sagen konnte, hatte er die Hälfte meiner Windschutzscheibe freigelegt. »Vielen, vielen Dank«, sagte ich, als er fertig war. Er strahlte mich mit tausend Watt an. »Kein Problem, Lisa. Schönen Feierabend.« Das heiterte mich nicht nur an jenem Abend auf, auch am nächsten Morgen wurde ich mit diesem Lächeln begrüßt.

»Alles klar?«, fragte Steffen mich, während wir gemeinsam zu unserem Arbeitsplatz gingen. »Meinen netten Kollegen helfe ich doch gern.« Das ermutigte mich. Normalerweise lebe ich eher nach dem Motto ‚Ich lass dich in Ruhe, du lässt mich in Ruhe.‘ Aber erstens hatte er das mit großer Aufrichtigkeit gesagt, und zweitens war in meinem Leben ganz offensichtlich momentan der Wurm drin.

Denn neben dem Eiskratzer verlor ich auch meine gemütliche Jogginghose (die ich natürlich nicht zum Joggen trug, sondern in die ich jeden Abend schlüpfte, wenn ich die offiziellen Büroklamotten ausgezogen hatte). Jetzt können Sie mit Recht fragen, wie man in seiner eigenen Wohnung seine Jogginghose verlieren kann, aber es war nun mal passiert. Entnervt zog ich stattdessen eine Jeans an. Sandra nahm es mit Erstaunen zur Kenntnis. »Sag bloß, du hast noch was vor? An einem normalen Werktag?« »Natürlich nicht.« »Wäre aber mal eine Idee«, sagte sie. »Komm schon, wir gehen noch ganz spontan ein Bier trinken.« »Och nö«, brummte ich und griff nach meiner Handarbeit.

Beim Fernsehen zu stricken hat was sehr Beruhigendes, und warme Socken passen auch sehr gut zu einer bequemen Jogginghose. Die mir ja nun leider fehlte, genau wie die fünfte Nadel aus meinem Strickzeug. Es war zum Mäusemelken. Ich nahm das ganze Sofa auseinander, rückte es beiseite, um den Teppich zu untersuchen, und schüttelte alles im Umkreis aus – die blöde Nadel blieb verschwunden, und ich hatte auch keinen Ersatz dafür. Ein Schaschlikspieß aus der Küchenschublade erwies sich jedenfalls als unbrauchbar. »Das ist ein Zeichen«, behauptete Sandra. »Los, gib dir einen Ruck.« »Na gut.«

Ich verabschiedete mich von meinem Socken und ließ mich von ihr ins Café Pröttel schleifen, das in Ermangelung einer wirklichen Kneipenszene der einzig akzeptable Treffpunkt in unserer Kleinstadt ist. Insofern war es vielleicht kein Riesenzufall, dass ich dort Steffen antraf. Er war mit zwei Kollegen aus der Firma da, winkte mir schon von weitem, und wir setzten uns an seinen Tisch. Sandra hatte Recht. Ab und zu war so was eine gute Idee.

Am nächsten Morgen traf ich Steffen vor dem Kopierer. »Hey, was ist los?«, begrüßte er mich. »Seid ihr gestern noch woanders versackt, oder warum siehst du so griesgrämig aus?« »Nee, wir sind direkt nach Hause gegangen«, erwiderte ich. »Aber ich hab danach noch mindestens eine Stunde nach meinem Ladekabel gesucht und es nicht gefunden. Leider bin ich bei uns die einzige mit einem Handy dieser Marke, deswegen kann ich bald nicht mehr telefonieren.« »Na, das ist ärgerlich«, meinte er. »Aber ich glaube, ich kann dir helfen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich noch so ein Ladekabel zuhause habe. Das könnte ich dir heute Abend vorbeibringen, wenn du magst.« Meine Laune verbesserte sich schlagartig. »Das wäre wirklich toll von dir!« Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen, aber natürlich tat ich es nicht. Er schenkte mir zehn Sekunden seines beliebten Lächelns. »Lisa, das mache ich doch gern.«

Pünktlich um halb sieben erschien er mit dem Ladegerät. Sandra und ich hatten Chili gekocht, und er ließ sich sofort zum Bleiben überreden. Bewundernd sah er sich um. »Super-Wohnung! Und ihr lebt hier zusammen?« »Niklas gehört auch noch dazu«, korrigierte ich. »Aber der ist diese Woche auf einem Lehrgang.« »Pech für ihn“, meinte Steffen und zwinkerte mir zu. »Verpasst dieses Super-Chili. Und wie wär’s, sollen wir nicht zusammen ins Kino fahren?« Fünf Minuten später saßen wir schon in seinem Auto.

Zu Teil 3 der Weihnachtsgeschichte

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