›Der Adventskalender‹
Teil 3

Eine Weihnachtsgeschichte von Ursula Schröder

Weihnachtsgeschichte 2014 Teil 3
In den ersten beiden Teilen der Weihnachtsgeschichte verlor Ursula Schröder mit ihrer Jogginghose auch die Ausreden dafür, Abends auf der Couch herumliegen zu dürfen. Und mit ihrem Arbeitskollegen läuft leider auch nicht alles nach Plan. Doch mit der Erklärung des rätselhaften Adventskalenders geht ihr ein Licht auf!

Ahnen Sie inzwischen, worauf das hinauslief? Ist doch sonnenklar, oder? An diesem Abend waren wir noch zu dritt im Kino. Am nächsten Morgen fing er mich schon in der Garderobe ab, um mir zu erzählen, wie gut ihm das gefallen hatte. Aber, versicherte er, dabei sollte es nicht bleiben. Ich hatte mir schon so was gedacht.

Als Niklas am Freitagabend von seinem Lehrgang zurückkam, fand er mich allein in der Küche vor. Ich hatte gerade ein Blech Pizza in den Ofen geschoben. »Hi«, sagte er, »alles klar? Wo ist denn Sandra?« »Die hat ein Date«, erklärte ich. »Mit einem Kollegen von mir. Hast du Hunger?« »Und wie!« Er goss uns beiden ein Glas Rotwein ein, setzte sich an den Küchentisch und wartete, bis ich die Pizza auf den Tisch stellte. In der Zeit öffnete er die fünf ausstehenden Tütchen an seinem Adventskalender, stapelte die Goldtaler und las sich die Zitate durch, die Sandra für ihn ausgesucht hatte. Wir aßen beide zwei Stücke Pizza, bevor ich mir einen Ruck gab.

»Niklas? Ich würde gern mit dir über meinen Adventskalender reden.« Er setzte sein Glas ab und sah mich an. »Ich dachte schon, du würdest nie fragen.« »Na ja, ich war etwas verwirrt«, gestand ich. »Ich hab da wohl was nicht richtig verstanden wegen dieser Plastik-Chips.« Es war inzwischen der elfte Dezember, also hatte ich fast ein Dutzend davon. »Ist das so schwierig?«, fragte er. »Die kannst du eintauschen.« »Gegen was?“ Er zuckte mit den Schultern. »Gegen die Dinge, die dir fehlen.« Einen Augenblick starrte ich ihn an. Und kapierte.

»Du meinst… Eiskratzer? Oder ein Ladekabel? Hast du etwa auch mein Anleitungsbuch für Kuchendekorationen?« Niklas verschwand in seinem Zimmer und kam mit einem Pappkarton zurück. »Was brauchst du am dringendsten? Sag jetzt bitte nicht, du möchtest als erstes diese grässliche Jogginghose zurück.« Bevor ich mich da festlegte, musste ich noch etwas fragen. »Sag mal, das hast du doch nicht einfach so gemacht. Dafür gibt es einen Grund, oder?« Seine Finger trommelten eine Weile über die Pappe, was ich ziemlich beunruhigend fand. Ich fragte mich, wie ich seinen Gesichtsausdruck deuten sollte.

Schließlich sagte er: »Lisa, ich habe lange darüber nachgedacht. Du brauchst keine Sachen. Du hast viel zu viele davon. Du igelst dich darin ein, statt zu leben.« Ich kann Ihnen sagen, jetzt war ich noch viel beunruhigter. »Wie meinst du das?« »Dass du dich benimmst, als wärst du nicht achtundzwanzig, sondern achtundsiebzig und dein Leben wäre zu Ende. Du hast Dinge statt Beziehungen. Willst du das wirklich?« Ich musste schlucken. Ein Pfeil schmerzt ja immer am meisten, wenn er sein Ziel trifft. »Und du meinst, mit so einem Adventskalender kannst du das ändern?« Niklas verzog das Gesicht. »Sieh es als Experiment. Ich wollte dich nicht schulmeistern, Lisa. Aber du bist mir wichtig. Und ich mach mir so meine Gedanken.«

Das tat ich gerade auch. Eine ganze Weile. Ich dachte darüber nach, was ich von den Sachen aus seiner Kiste unbedingt brauchte. Die Stricknadel vielleicht, wenigstens mittelfristig. Aber ein Ladekabel hatte ich ja jetzt. Sogar in Verbindung mit einem menschlichen Kontakt. Und wenn er die Jogginghose so grauenvoll fand… »Sag mal«, begann ich vorsichtig, »kann ich die Chips nur gegen das Zeug aus der Kiste einwechseln oder…?« Ein winziges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Auch gegen was anderes. An was hast du denn gedacht?« »Wie wäre es zum Beispiel mit einem spontanen Bier im Café Pröttel? Es darf auch ein Glas Wein sein, wenn du das lieber magst.« Das Lächeln wurde breiter, was ihm gut stand. »Na also, geht doch!« Er schob mir einen seiner Zettel zu, auf dem stand: ›Was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? – Goethe.‹ Ich sah ihn finster an. »Von Goethe stammt auch das Berlichingen-Zitat!« Niklas lachte. »Reg dich nicht auf, sondern zieh endlich deine Schuhe an.«

Die Jogginghose beendete ihr Dasein als Putzlappen. Die meisten meiner Kalender-Chips verwendete ich sowieso nicht zum Auslösen meiner fehlenden Sachen, sondern für Besuche im Café, der örtlichen Pizzeria oder für die Begleitung zur großen Impressionisten-Ausstellung in Köln. Ich muss auch nicht sparsam damit umgehen, denn zu Weihnachten bekam ich von Niklas eine ganze Kiste voll davon. Die werden wohl bis zum nächsten Advent reichen.

Ursula Schröder bei dtv

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