Deutschland, gefühlte Heimat

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Immer wieder liefern die Themen Migration und Integration Brennstoff in Deutschland – sei es durch neue Statistiken oder Äußerungen von Politikern wie jüngst die von Thilo Sarrazin. Das erstaunliche dabei ist, dass niemals diejenigen zu Wort kommen, die selbst  direkt von den Problemen der Migration und einer mangelnden Integration betroffen sind: Die Migranten selbst.

Jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat inzwischen einen Migrationshintergrund – das heißt: Diese jungen Menschen selbst oder ihre Eltern sind irgendwann einmal aus den diversesten Gründen nach Deutschland gekommen und geblieben. »Es sind die ›Ausländer‹, die jahrzehntelang nur als Masse und nicht als Einzelpersonen wahrgenommen wurden, die oft Furcht erwecken und nur geduldet wurden, wenn sie angepasst, möglichst unsichtbar neben uns existieren.«

Der ehemalige UN-Beauftragte und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan sagte einst, dass es viel Mut koste, den Koffer zu packen und die Heimat zu verlassen. Die US-amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein sagte dazu auch: »Wozu sind Wurzeln gut, wenn man sie nicht mitnehmen kann?«

Wie vollführt man den Spagat zwischen zwei Kulturen? Was ist Heimat? Wodurch und wann wird ein Land zum Heimatland?

Diesen und anderen Fragen geht die Journalistin Elke Reichart in ihrem Buch ›Deutschland, gefühlte Heimat‹ nach und spricht mit denen, die es am besten wissen, da sie es selbst erfahren: jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Zwölf Jugendliche aus Ländern wie Palästina, Kasachstan, der Türkei und Ghana erzählen von ihrer Kindheit in Deutschland und ihren Herkunfstländern, von den Schwierigkeiten, und der Ungleichbehandlung, denen sie in ihrer neuen Heimat begegnen.
»Eines Tages, im ersten deutschen Winter, fuhr Sliman mit der S-Bahn zur Schule. Er hatte seinen weiß-schwarzen Arafat-Schal gegen die Kälte um den Hals geschlungen, lehnte gegen die Wand und träumte vor sich hin. Plötzlich bemerkte er, wie ihn eine Frau mit einem kleinen Kind böse anschaute. Verdutzt blickte er sich um und dann zurück zu ihr, aber ihre Miene wurde nicht freundlicher. Im Gegenteil: Als er sich anschickte, das Abteil zu verlassen, hörte er, wie sie zu ihrem Kind ›Scheiß-Araber‹ sagte.«

Unter den jungen Migranten, mit denen Elke Reichart spricht, ist auch Sineb el Masrar, deren Eltern aus Marokko stammen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und die seit 2006 das multikulturelle Frauenmagazin ›Gazelle‹ herausgibt.
Lange fühlte sie sich mit ihren Problemen als Kind mit Migrationshintergrund alleine: Das ›irgendwie‹ Anderssein, die Diskriminierungen, die Verantwortung für die eigenen Eltern. Wie einsam sie damals war, realisiert sie erst, als sie Freunde findet, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben. »Ich hatte vieles von dem, was mir passierte, nicht einordnen können.«

Elke Reichart zeigt in ›Deutschland, gefühlte Heimat‹, dass hinter jeder Zahl einer Statistik über Migration und Integration ein Gesicht steht, ein Mensch, der in einem Land seinen Weg finden muss, das nicht seine kulturelle oder ursprüngliche Heimat ist. Damit geht sie weg von der Diskussion über Migranten, hinein in die Diskussion mit Migranten und liefert gerade dadurch einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.

Hier geht’s zur Leseprobe von ›Deutschland, gefühlte Heimat‹

Elke Reichart: Deutschland, gefühlte Heimat

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