Ein Mosaikstein der deutsch-deutschen Geschichte

Jubiläum 25 Jahre Mauerfall - Erinnerungen von Dorothea Ebert

Dorothea Ebert, Mosaikstein

Als ich am 9. November 1989 im Fernsehen die Bilder sah, die zeigten, wie Menschenmassen über die Mauer kletterten, über die Kontrollpunkte fluteten, wie Leute sich weinend und jubelnd in die Arme fielen, konnte ich es zunächst gar nicht fassen, dass das wahr sein sollte. Ganz allmählich erst begann ich zu begreifen, dass das schier Undenkbare eingetreten war – dass diese Mauer gefallen war!
Die Mauer, die Familien auseinander gerissen hatte, die eine Stadt geteilt, die das Symbol des Entzugs von Freiheit für all die war, die das Pech hatten, in der DDR zu leben.
Die Mauer, die vom 13. August 1961 an verhinderte, dass Menschen frei entscheiden konnten, wo und wie sie leben wollten!
Die Mauer, die viele – vor allem junge Menschen dazu gebracht hatte, ihr Leben zu riskieren, um sie zu überwinden und in die Freiheit zu fliehen – die vielen das Leben kostete. Die Mauer, deren Existenz auch mich zur Flucht bewogen hatte. Deren permanente Präsenz für mich irgendwann so unerträglich geworden war, dass ich mich entschloss, meine Familie und meine Freunde zu verlassen, um in Freiheit leben zu können, das Risiko einzugehen – selbst für den Preis, ins Gefängnis zu kommen. Ich wollte mein Leben selbstbestimmt gestalten dürfen!
Und diese Mauer war nun plötzlich gefallen, war überwindbar geworden!?

Meine eigenen verzweifelten, mit tödlichem Risiko verbundenen Bestrebungen, Freiheit zu erlangen, mein Versuch, die Grenze 1983 in Bulgarien zu überwinden, um über Jugoslawien in den freien Teil Deutschlands zu gelangen, die Festnahme, die 16 Monate in den verschiedensten Haftanstalten der Stasi bzw. im Frauengefängnis Hoheneck, all das sollte umsonst gewesen sein??
Nein!! Für meinen Weg ist die Entscheidung, so wie ich sie unter den damals herrschenden Umständen getroffen habe, ein nicht wegzudenkender Bestandteil meiner menschlichen Entwicklung geworden und geblieben!
Natürlich gab es Augenblicke, in denen ich gehadert habe!

Ergriffen von der Euphorie der Menschen, die nun wieder mit dem anderen Teil Deutschlands und damit auch der ganzen Welt verbunden waren, sah ich tagelang die Beiträge im Fernsehen, die sich damit befassten, wie es dazu kommen konnte, dass die Mauer fiel. Die Bilder der friedlich demonstrierenden Menschen, die Lichterketten – das alles hat mich sehr bewegt.
Trotzdem hat mich in der Nacht des Mauerfalls mit seinen dramatischen Ereignissen rückblickend jene innere Erstarrung befallen, mit der ich mich in der Haftzeit zu schützen gelernt hatte. Diese Blockierung der eigenen Gefühle in von mir nicht überschaubaren Situationen ist mir bis heute geblieben.
Dass die Kraft der Menschen, die nicht mehr bereit waren, die herrschenden Zustände länger zu erdulden, imstande war, das DDR-Regime in friedlicher Revolution zu stürzen, dies erfüllt mich mit tiefer Achtung und Dankbarkeit! Auch deshalb, weil ich davon überzeugt bin, dass meine eigenen Freiheitsbestrebungen, meine individuelle Flucht ein Mosaikstein im großen Bild der deutsch-deutschen Geschichte ist.

Text: Dorothea Ebert, Autorin von ›Und plötzlich waren wir Verbrecher‹

Wie haben Sie die Nacht des Mauerfalls erlebt? Wir sind gespannt auf Kommentare mit Ihren persönlichen Erinnerungen.

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