Elke Reichart: ›Nobomi‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

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Kapstadt, Südafrika, Christmas Day 1989. Hochsommer-Hitze, die Strände und Restaurants der Stadt sind überfüllt. Auf den Stationen des Kinderkrankenhauses Red Cross leisten die Ventilatoren Schwerstarbeit und lassen die von den Schwestern gebastelten bunten Papiergirlanden abenteuerliche Pirouetten vollführen. Die kleinen Patienten auf der Herzstation sind allerbester Stimmung, sie tragen lustige Papierhüte, sind mit Puppen, Stofftieren und Matchbox-Autos beschenkt worden und haben für kurze Zeit alle Schmerzen vergessen. Mittendrin: Das Xhosa-Mädchen Nobomi, das erst vor wenigen Tagen ein neues Herz bekommen hat. Das tapferste Mädchen, das ich jemals getroffen habe.

Wir stehen zu dritt an ihrem Bett: mein Mann, der sie operiert hat, unser zweijähriger Sohn und ich. Es ist unser Abschiedsbesuch. Nach fünf Jahren Südafrika werden wir nach Deutschland zurückkehren, zurück in die alte Heimat. Es fällt uns viel schwerer als erwartet, die neue Heimat zu verlassen.

Nobomi zeigt uns stolz ihre neuen Puppen, sie strahlt. Sieben Wochen ist es her, dass die 14jährige plötzlich vor dem Hospital auftauchte.  Der Fahrer eines großen schäbigen Busses hatte sie aus der Transkei, dem damals ärmsten Homeland Südafrikas, mit nach Kapstadt genommen: 1200 Kilometer, eineinhalb Tage Fahrt. Sie hatte sich allein auf die Reise gemacht, das Geld reichte nur für ein One-Way-Ticket. Ein Missionsdoktor hatte ihr gesagt, dass sie schwer krank sei, dass sie ein neues Herz brauche und dass sie das in Kapstadt bekommen würde. Am Bahnhof hatte ihr die Mutter zugewinkt.

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Es war höchste Zeit, dass Nobomi ärztliche Hilfe bekam – die Diagnose des Arztes, nur mit Hilfe seines Stethoskops und eines alten Röntgengerätes erstellt, war richtig gewesen. Ohne Transplantation würde sie bald sterben. Die katholischen Nonnen von St. Josephs, einem Missionshaus am Stadtrand, nahmen das Xhosa-Mädchen während der – zum Glück nur kurzen – Wartezeit auf. Geld für Kost und Logis hatten wir in einer Weihnachts-Benefiz-Aktion gesammelt, es reichte auch für ein wenig Unterstützung für die Mutter daheim. Nobomi war ein kluges Mädchen, schon  bald sprach sie mit ihrer sanften Stimme ein paar Worte Englisch.

Sie bekam ihr neues Herz Mitte Dezember.

Am 25. Dezember 1989, als wir unseren Weihnachtsbesuch bei ihr machen, singt sie bereits die Weihnachtslieder mit – nicht textsicher, aber das stört niemanden. An der Tür schaue ich noch einmal zurück. Sie nimmt unseren Abschied gar nicht wahr, sie lacht mit ihren Bettnachbarn. Wir fahren heim zu unserem Plastik-Tannenbaum, zwei Tage später besteigen wir das Flugzeug nach Deutschland. Ein Jahr später bekommen wir eine Weihnachtskarte mit Engeln und Sternen und südafrikanischer Briefmarke – von Nobomi und den Schwestern von St. Josephs.

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Alle Titel der Autorin:

Elke Reichart, Elke Reichart
gute-freunde-boese-freundeleben im web
Elke Reichart
Deutschland, gefühlte Heimat
Elke Reichart
Was heißt hier Respekt?!

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