Einen Fuß in der Tür des Kapitalismus, oder: Auch Du kannst es schaffen!

Jubiläum 25 Jahre Mauerfall - Erinnerungen von Ingo Schulze

Ingo Schulze, Einen Fuß in der Tür des Kapitalismus

Ist es merkwürdig, dass alles, was um die Zeitachse 1989/90 kreist, mich heute mehr denn je interessiert? Oder anders gesagt: Warum gibt es kaum eine Überlegung, die mich nicht irgendwann zu dieser Zäsur führt?
Ich habe zwei Romane geschrieben, die jenen Weltenwechsel zum Hintergrund haben. In beiden Büchern versuchte ich, den Umbruch von 1989/90 sowohl als einen Wechsel von Abhängigkeiten wie auch als einen Wechsel von Freiheiten zu beschreiben. Danach hatte sich für mich die Beschäftigung mit jener so fälschlich als »Wende« titulierten Zeit bis auf Weiteres erledigt. Und jetzt bin ich wieder mittendrin.

Ich möchte behaupten, dass ich das, was der Weltenwechsel von 1989 ausgelöst und bewirkt hat, erst allmählich beginne zu verstehen.

Ich erlebte die Neunziger als Abenteuer, denn für mich änderte sich nicht nur einmal fast alles.

Lange Zeit fand ich für meine Erfahrungen von 1989/90 keine Sprache. Und als ich sie gefunden glaubte, redete ich Unsinn. So mutmaßte ich, aus einer Welt, die aus Worten aufgebaut war, in eine Welt geraten zu sein, in der nur noch die Zahlen zählen. Ich merkte recht bald, dass ich damit vielleicht nicht dem Ende der Geschichte das Wort redete, aber doch dem Ende der Ideologien, als hätten sich alle Zwänge in Sachzwänge verwandelt.

Der Herbst ’89 erscheint mir heute wie eine nur für kurze Zeit geöffnete Tür. Ich glaube nicht, dass ich ihn idealisiere, aber wie auch immer unbeholfen und komisch und gleichwohl heroisch es in jenen Wochen und Monaten im Einzelnen zuging: Für mich fielen erstmalig Anspruch und Praktik zusammen.
Wenn ich den heutigen Status quo immer distanzierter und kritischer sehe, so gilt das im selben Maße für den Status quo davor.

Text: Ingo Schulze

Wie haben Sie die Nacht des Mauerfalls erlebt? Wir sind gespannt auf Kommentare mit Ihren persönlichen Erinnerungen.

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