Interview: ›Höllenritt Wahlkampf‹ von Frank Stauss

Gespräche am Empfang

Höllenritt Wahlkampf InterviewAn ihr kommt bei dtv keiner vorbei: Olga Tsitiridou begrüßt am Empfang die Gäste des Verlags … und erfährt dabei oft die interessantesten Dinge. Heute zu Besuch: die Politikerin Annette Ganssmüller-Maluche. Olga sprach mit ihr über ›Höllenritt Wahlkampf‹ von Frank Stauss.

Frank Stauss spricht von Leidenschaft, Schweiß, Bauchgefühl, Wutausbrüchen und Katastrophen. Ist der Wahlkampf ein großes Drama?
Ohne Frage ja! Es ist eine entsetzliche Ausnahmesituation, deren Stress sich kein Nicht-Wahlkämpfer vorstellen kann – und der vor allem hinterher erst so richtig spürbar wird.

›Höllenritt Wahlkampf‹ analysiert Vorgänge, die der Wähler so nicht sieht. Einen gigantischen Wahlkampfapparat, der sich ständig in Bewegung befindet. Besteht da nicht die Gefahr, dass das zum Aktionismus ausartet und Inhalte zu kurz kommen?
Natürlich! Der Wahlkämpfer will alles absolut richtig machen, keine einzige Stimme wegen Nichtstun oder falschen Aktionen verlieren, ist immer in Habachtstellung und verliert damit gerne mal seine eigene Persönlichkeit, die Themen und die Menschen aus dem Blick, um die es eigentlich geht. Auf der anderen Seite: Ist er lockerer, macht er meist auch keinen guten Wahlkampf. Der erfolgreiche Wahlkämpfer beherrscht das intuitiv.

Höllenritt Wahlkampf Interview Annette Gansmüller
Annette Ganssmüller-Maluche

Muss man sich den Wahlkampf tatsächlich als Ritt durch die Hölle vorstellen? Du selbst machst ja diese Erfahrung, wenn auch in einem kleineren Rahmen.
Oh nein, das ist kein kleinerer Rahmen ;-) Es ist der Ritt durch die Hölle hoch drei. Diese Panikattacken, weil irgendetwas schief geht, falsch ankommt, die Presse einen zerreißt, das Wahlkampfteam nicht funktioniert, man selbst ungeschickt reagiert und jemanden vor den Kopf stößt, kann sich wohl keiner vorstellen, der nicht einmal Wahlkampf gemacht hat. Ich habe nie selbst auch nur eine weiche Droge genommen – aber so stelle ich mir das vor, was Personen als Wahnvorstellungen in Folge von Drogen erzählen. Es ist eine unbeschreibliche Anspannung.

Die Begleiter des Kanzlerkandidaten – darunter Sicherheitsbeamte, Journalisten, Sanitäter, Busfahrer, Pressebetreuer und Redenschreiber – werden, so schreibt es Stauss, alle zwei Wochen ausgetauscht – wegen Erschöpfung. Wie früher Postkutschenpferde. Aber einer muss durchhalten: der Kandidat. Wie schafft man das?
Man ist im Tunnel und funktioniert. Der eine besser, der andere schlechter. Wer diese Kraft nicht hat, wird nicht Kandidat – und wenn er es wird, wird er vorher oder hinterher krank, oder braucht hinterher psychologische Hilfe. Aber als Wahlkämpfer weiß man ja auch, dass dies kein ewiger Zustand ist – man lebt so fokussiert bis zum Wahltag – und danach weiß man, wird es wieder anders. Sich ab und zu nicht so wichtig nehmen, demütig hinnehmen, was nicht klappt, und engagiert das tun, was man tun kann, bringt einen Tag für Tag der Erlösung, dem Wahltag näher.

»Der Deutsche ist ein sehr träger Wähler, der nur dann das Pferd wechselt, wenn ihm das alte unterm Hintern krepiert,« sagt Stauss. Ist an dieser Aussage etwa dran?
Der Mensch an sich ist träge, also auch der Wähler. In Amerika wird er gezwungen, sich regelmäßig neu zu orientieren. Da lernt er eine gewisse Flexibilität. Deutschland ist Kaiserreich gewesen, das Land der Könige, des Adels und der Erbdynastien. Das steckt immer noch tief drin. Ein guter Herrscher ist der, der bis zum Tod regiert. Unsere Demokratie ist aus dieser Sicht noch nicht alt genug …

Dann könnte ›Höllenritt Wahlkampf‹ ein mögliches Mittel gegen Wahlträgheit sein?
Nein. Wenn der Wähler meint, etwas dringend verändern zu müssen, wird er wählen gehen. Wenn er meint, die Masse wird es schon richtig entscheiden, wählt er halt nicht. Ich gehöre nicht zu denen, die in das Gejammere über mangelnde Wahlbeteiligung mit einstimmt. Das passt schon. Nach den Erfahrungen Brexit und Trump gehen wieder mehr junge Menschen wählen, weil sie kein Vertrauen mehr haben, dass es schon richtig sein wird, was die anderen wählen. So einfach ist das. Ein Buch oder Ermahnungen ändern an Wahlträgheit sicher nichts. Wichtige Themen sind das Entscheidende.

Stauss beschreibt eine Szene, in der der Wahlkampftross mit dem Rad durch Berlin fährt und fast schon erstaunt feststellt, dass es ein Leben außerhalb der Politik gibt. Entwickelt der Wahlkämpfer tatsächlich so einen Tunnelblick?
Mei, im Wahlkampf sicherlich. Aber wer vergisst, dass es ein Leben jenseits des politischen Alltags gibt, ist entweder doof oder ein miserabler Politiker.

Annette Ganssmüller-Maluche ist stellvertretende Landrätin im Landkreis München sowie Kreis- und Gemeinderätin. Das Interview führte Olga Tsitiridou.

© Bild – Olga Tsitiridou am Empfang: Heike Bogenberger

Frank Stauss
Höllenritt Wahlkampf

Ein Kommentar zu “Interview: ›Höllenritt Wahlkampf‹ von Frank Stauss

  • 18. September 2017 um 16:04
    Permalink

    Auf der Suche nach Neuerscheinungen schaue ich gerne auf dem dtv-Blog vorbei. Heute bin ich bei diesem Interview hängengeblieben. Es ist informativ und witzig. Nicht die übliche Buchvorstellung, wie wir sie kennen. Wenige Tage vor der Wahl bin ich nun gespannt auf den Ritt durch die Hölle.

    Antwort

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *