Interview mit Hasnain Kazim

»Aber nur weil eine große Zahl an Menschen dummes Zeug von sich gibt, bleibt es immer noch dummes Zeug«

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Drei Jahre lang berichtete Hasnain Kazim als SPIEGEL Türkei-Korrespondent aus Istanbul. Kazim schrieb kritisch über ein Land, welches innenpolitisch tief gespalten ist und außenpolitisch zum Nadelöhr der Weltpolitik wurde. Kurz nachdem wir ihm die Fragen zusendeten, stellte sich heraus, dass die türkischen Behörden dem Journalisten die weitere Presse-Akkreditierung verweigern. Im März 2016 verließ Kazim das Land. Der Journalist und Autor von ›Plötzlich Pakistan‹ spricht mit uns über seine journalistischen Tätigkeiten in der Türkei, die tragische Lage der flüchtenden Menschen aus Krisenregionen und wie gelungene Integration aussehen könnte. Unbeirrt, kritisch und differenziert.

Herr Kazim, im ersten Satz ihres Buches ›Plötzlich Pakistan‹ schreiben Sie: »Die Menschen ertragen viel, solange sie Hoffnung haben«. Lässt sich das auch auf die Flüchtlinge, die nach Europa kommen,  übertragen?

Menschen, die ihre Heimat verlassen, sind zunächst einmal hoffnungslos. Es gibt keinen Glauben mehr daran, dass sich die Lage in der vertrauten Gegend, in der man bisher gelebt hat, verbessert. Man hat, zum Teil jahrelang, manchmal sogar ein ganzes Leben, Krieg und Gewalt erlebt, Verfolgung, Ungerechtigkeit oder bittere Armut. Da stirbt die Hoffnung. Flucht ist ein letzter Ausweg. Sie gibt Hoffnung auf ein besseres, sichereres Leben. Sie lässt einen das Risiko einer lebensgefährlichen Reise und den Verlust von Eigentum und vertrautem Umfeld ertragen. Ich kenne aber Flüchtlinge, die das nicht aushalten und irgendwann doch wieder zurückkehren in ihre Heimat, trotz der widrigen Umstände dort.

2009 zogen Sie mit ihrer Frau ebenfalls in ein weitestgehend fremdes Land. In  Pakistan arbeiteten Sie vier Jahre als SPIEGEL Südasienkorrespondent. Über ihre dortige Zeit, die Menschen und die politischen Strukturen schrieben Sie das Buch ›Plötzlich Pakistan‹. Ein sehr persönlicher Einblick aus einem zutiefst widersprüchlichen Land. Wie empfanden Sie und ihre Frau die Konfrontation mit einer größtenteils fremden Kultur und Lebensweise?

Ich kann mir nichts Spannenderes vorstellen als das Eintauchen in fremde Welten. Als Korrespondent tut man das in einer Intensität, die man in kaum einem anderen Beruf erleben kann. Man lernt alle gesellschaftlichen Schichten kennen und damit die unterschiedlichsten Menschen. Man darf aus beruflichen Gründen seiner Neugier freien Lauf lassen. Ist das nicht wunderbar? Aber anders als jemand, der flüchtet und womöglich nie mehr in seine alte Heimat zurückkehren kann, weiß man als Korrespondent, dass man nur auf Zeit in einem anderen Land ist. Pakistan war für uns auch deshalb so spannend, weil meine Familie von dort stammt. Es war sozusagen eine Rückkehr zu den Wurzeln meiner Familie. Meine Frau und ich haben große Gastfreundschaft erlebt, Interesse und Neugier auch an uns, Offenheit, aber auch religiösen Extremismus, politische Ignoranz und Korruption.

Nun sind Sie SPIEGEL Korrespondent in der Türkei. Eine spannende Aufgabe derzeit …

Nein, ich war Korrespondent in Istanbul, drei Jahre lang. Die Türkei hat mir in diesem Jahr die Akkreditierung verweigert, mich damit also aus dem Land gedrängt. Offensichtlich passt meine Berichterstattung den politisch Verantwortlichen nicht. So viel zum Thema Pressefreiheit in der Türkei. Diese Unbeherrschtheit ist allerdings nicht neu. Türkische Kollegen verlieren schon seit Jahren ihre Jobs oder landen unter konstruierten Anschuldigungen im Gefängnis. In der Tat ist die Türkei aber ein sehr spannendes Berichtsgebiet, spannend auch im Besorgnis erregenden Sinne. Die Lage in Syrien und im Irak ist instabil, das Verhältnis zu Russland zerrüttet, der Nachbar Iran erstarkt und spielt eine immer größere Rolle in der Region, die Terrororganisation „Islamischer Staat“ ist längst auch in der Türkei aktiv, im Südosten des Landes führt der Staat unter dem Vorwand, Terroristen zu bekämpfen, einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Der Terror im ganzen Land nimmt zu und trifft die Türkei immer häufiger in ihren Metropolen. Und nun spielt die Türkei eine wichtige Rolle beim Flüchtlingsthema.

Viele europäische Staaten antworten auf den Flüchtlingsstrom mit Quotenregelungen und Grenzschließungen. Verlagert sich die Krise durch festgelegte Kontingente nicht bloß in andere Länder, etwa in die Türkei und Griechenland?

Die EU macht mit ihrer Politik andere Länder zu Auffanglagern für Flüchtlinge. Das ist keine Flüchtlingspolitik, sondern eine Kapitulation. In diesem Bereich hat die Türkei in der Tat gute Arbeit geleistet. Sie hat bald drei Millionen Menschen alleine aus Syrien aufgenommen und bemüht sich jetzt um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Tatsächlich leben zwar nur etwa zehn Prozent aller syrischen Flüchtlinge in entsprechenden Camps, der Rest schlägt sich selbst durch. Man könnte das, wenn man es kritisieren wollte, auch organisierte Obdachlosigkeit nennen. Aber ich finde, in diesem Bereich verdient die Türkei, bei aller Kritik in anderen Bereichen, Anerkennung und Unterstützung. Es gibt eine kostenlose medizinische Versorgung und arabischsprachigen Schulunterricht. Das Schließen von Fluchtrouten, wie die EU es betreibt, ist übrigens keine Unterstützung, damit lässt sie Länder wie Griechenland im Stich. Europa wird da seiner Verantwortung nicht gerecht.

Halten Sie eine gesamteuropäische Lösung – wie immer sie auch aussehen mag – für illusorisch?

Im Moment sieht es ja so aus, als verfolgten die europäischen Politiker alle ihre eigenen nationalstaatlichen Interessen. Indem sie Grenzen schließen, Zäune bauen und Misstrauen säen, verraten sie europäische Werte. Ich sehe aber auch Politiker, die um menschliche, vernünftige und tragbare Lösungen bemüht sind. Wer weiß, vielleicht setzen sie sich doch noch durch? Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Die Flüchtlingsdebatte ist hitzig und zeigt bisweilen auch ihr hässliches Gesicht. Wie gehen Sie persönlich mit Schmäh-E-Mails und ähnlichen Anfeindungen um?

Die meisten ignoriere ich. Ich bin nicht bereit, den Dialog mit Menschen aufzunehmen, die nur Hass und Verachtung für andere Menschen übrig haben. Mich erschreckt, dass Hemmungen fallen und Leute immer häufiger unter ihrem Klarnamen und sogar mit Angabe ihrer Adressen Drohungen und Beleidigungen per E-Mail verschicken. Manche kommen auch sehr wohlformuliert und ausführlich argumentiert daher. Der Rassismus ist nicht nur ein Phänomen der Ungebildeten. Die Zustimmung, die all diese Rassisten von Gleichgesinnten in den sogenannten sozialen Medien und in Internetforen erhalten, bestärkt diese Leute in ihrer menschenverachtenden Haltung. Aber nur weil eine große Zahl an Menschen dummes Zeug von sich gibt, bleibt es immer noch dummes Zeug. Ich blockiere solche Kommentatoren und lösche ihre Beiträge. Dann kommt gelegentlich der Vorwurf, ich würde sie in ihrer Meinungsfreiheit beschneiden. Diese Wutbürger wissen nicht, was Meinungsfreiheit ist. Sie bedeutet jedenfalls nicht, dass man folgenlos Drohungen und Beleidigungen von sich geben darf. Und schon gar nicht gibt es ein Recht auf Gehör. Ich höre diesen Leuten nicht zu.

In Ihrem ersten Roman ›Grünkohl und Curry‹ zeichnen Sie den Weg Ihrer Familie von Indien, über Pakistan nach Deutschland nach sowie den zähen Kampf um die deutsche Staatsbürgerschaft. Wie sieht für Sie eine gelungene Integration aus?

Das ist schwierig zu definieren, weil es da sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt und auch meine eigenen da Veränderungen unterliegen. Ich denke, das Wichtigste ist die Sprache. Man muss sich schon in der vorherrschenden Sprache ausdrücken und wenigstens Alltagssituationen meistern können, um integriert zu sein. Früher war ich überzeugt, dass man, wenn man die Sprache perfekt beherrscht, auch integriert ist. Ich stelle aber immer öfter fest, dass manche Leute dann weitergehende Forderungen stellen: Kleidet euch wie wir! Glaubt wie wir! Esst und trinkt wie wir! Da kann man noch so gut Deutsch sprechen, das reicht denen nicht. Und da sage ich: Wie ich mich kleide, was ich esse und was ich glaube, entscheide ich immer noch selbst. Also noch einmal zu Ihrer Frage: Heute würde ich sagen, eine Integration ist gelungen, wenn man die Sprache spricht und man sich in seinem Umfeld wohlfühlt und umgekehrt auch das Umfeld sich mit dir wohlfühlt. Es muss ein gegenseitiges Interesse geben, eine gegenseitige positive Grundhaltung, und alle müssen Kompromisse machen. So etwas wie »Das ist die Leitkultur, und die hast du zu akzeptieren!« akzeptiere ich genauso wenig wie die Haltung, die alle Gepflogenheiten und Werte der Mehrheitsgesellschaft ignoriert.

Puh, viel Stoff für einen weiteres Buch. Spielen Sie mit dem Gedanken?

Mit dem Gedanken spiele ich immer.

Herr Kazim, vielen Dank für das interessante Interview.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            

Linus Schubert

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Auch die Leipziger Buchmesse setzte in diesem Jahr ein Zeichen, als Messebesucher Statements gegen den Hass auf ihren Kleidern und auf Plakaten trugen, Schriftsteller sich zur Asylpolitik äußerten und Oberbürgermeister Burkhard Jung die Veranstaltung mit einer Rede gegen Rassismus eröffnete.

Auf der Messe war man sich sicher: Die Buchbranche kann Einfluss auf dieses Thema nehmen. Fast 1.900 Gäste hielten beim Festakt am Mittwochabend ihre Meinung hoch: »Für das Wort und die Freiheit«.

 

Die beim dtv erschienenen Bücher des Autors

Hasnain Kazim
Plötzlich Pakistan
Hasnain Kazim
Plötzlich Pakistan
Hasnain Kazim
Grünkohl und Curry

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