Interview: ›Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden‹ von Mascha Kaléko

Gespräche am Empfang

An ihr kommt bei dtv keiner vorbei: Olga Tsitiridou begrüßt am Empfang die Gäste des Verlags … und erfährt dabei oft die interessantesten Dinge. Heute zu Besuch: Die Lektorin Eva-Maria Prokop. Olga sprach mit ihr über die Gesamtausgabe von Mascha Kaléko ›Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden‹.

Melancholie und Heiterkeit, das Leichte und das Schwere, das fügt sich bei Mascha Kaléko ganz wunderbar zusammen.
Das stimmt. Sie hat Lebensweisheiten für den Alltag geschrieben. Und damit trifft sie ihre Leser auch heute noch mitten ins Herz. Ihre Dichtung ist eine Art lyrische Hausapotheke für die Seele. Sie zeichnet sich durch Einfachheit und Humor aus, aber auch durch tiefe Traurigkeit. Mascha Kaléko hat also „Gebrauchslyrik“ im besten Sinne geschrieben, Lyrik, die man zum Leben braucht und für die man keine intellektuelle Barriere überwinden muss, deshalb hat sie so viele Leser gefunden.

 

Ihr Leben war zu großen Teilen geprägt durch Exil, Krankheit, Tod. Ist bei so einer Biografie ein Ankommen denn möglich?
Nein, ich denke nicht, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Mascha Kaléko hatte aber eine intellektuelle Heimat in ihrer Poesie – und sie hat die schöne Zeile „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“ verfasst. Die Liebe zu ihrem Mann und ihrem Sohn trug sie durch schwere Zeiten, um so schrecklicher waren die Verluste der beiden für sie.  

 

Mascha Kaléko hat herrliche Liebesgedichte geschrieben.
Oh ja, das hat sie. Man sollte Mascha Kaléko unbedingt lesen, wenn man liebt. Ihre Gedichte haben eine große Intensität, ohne kitschig zu sein.

 

Sie hat unglaublich viel Leid erfahren.
Und trotz allem immer eine gewisse Heiterkeit bewahrt, denn der äußeren Heimatlosigkeit konnte sie ein inneres Zuhause entgegensetzen.

 

Braucht der Mensch in einer schrecklich schnelllebigen Welt nicht mehr Poesie?

Eva-Maria Prokop

Unbedingt! Ich bin mir sicher, dass die Gedichte von Mascha Kaléko den gleichen Effekt haben können wie Achtsamkeitstraining oder Yogastunden. Sie öffnen die Seele und geben Denkanstöße. Es sind Verse, die uns aus der Raserei des Alltags herausführen können, auf eine einfache, ruhige und inspirierende Art. Es ist eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, das die Menschen im Alltag leicht aus den Augen verlieren.

 

Hast Du ein Lieblingsgedicht von Mascha Kaléko?
Oh, nicht nur eines – aber  zu meinen liebsten Stellen aus ihrem Werk gehört der Schluss des Gedichts „Rezept: „Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet im großen Plan. Jage die Ängste fort. Und die Angst vor den Ängsten.“

 

Ein Gedicht über die Unplanbarkeit des Lebens.
Mascha Kaléko wusste nur zu gut, dass man das Leben nicht planen kann und sie wusste um die Macht des Schicksals. Diese Schicksalsergebenheit fasziniert mich und diese Zeilen begleiten mich inzwischen seit vielen Jahren als Motto durchs Leben.

 

Du hast für diese legendäre Mascha Kaléko Edition mit über 4000 Seiten über vier Jahre lang ein unglaubliches Konvolut von Seiten durchforstet. Wie hast Du Dich danach gefühlt?
Ich war gleichermaßen erleichtert und stolz. Vor allem habe ich bis heute das Gefühl, dass Mascha Kaléko zu meinem Leben gehört.

 

Erzähl mir von dem Moment, als du 2013 vor ihrem Haus in New York standst.
Es war ein wahnsinnig emotionaler Moment, ich war ganz ehrfürchtig, nachdem ich, besonders über die Briefe, so intensiv in ihr Leben eingetaucht war. Und es war unglaublich, all das, worüber sie immer schreibt, Stevens Schule zum Beispiel, das „Little Red School House“, plötzlich real vor mir zu sehen

Eva-Maria Prokop ist derzeit Lektorin bei dtv. Das Interview führte Olga Tsitiridou.

© Bild – Olga Tsitiridou am Empfang: Heike Bogenberger

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Sämtliche Werke und Briefein vier...

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