James Carol: ›Silent Night‹

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Eine Jefferson-Winter-Geschichte (Fortsetzung):

»Alles in Ordnung?«

Winter öffnete die Augen. Die Kellnerin stand an seinem Tisch. Sie war schwarz, Ende fünfzig, hatte freundliche Augen und ein freundliches Lächeln. Auf ihrem Namensschild stand Lucy. Unter den Arm hatte sie sich eine Speisekarte geklemmt. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie schon da stand.

»Oh ja, ich war nur in Gedanken versunken.«

»Es geht mich nichts an, ich weiß, und ich will Sie nicht belästigen, aber ist wirklich alles in Ordnung?«

»Ganz sicher.« Er nickte in Richtung ihres Arms. »Ist das die Dessertkarte?«

»Ja. Haben Sie noch Platz für ein Dessert?«

»Immer. Als ich klein war, sagte meine Mutter immer, ich hätte zwei Mägen. Einen für das Hauptgericht und einen für das Dessert. Und sie hatte recht.“

»Mütter haben immer recht, das können Sie mir glauben.« Lucy lachte, reichte ihm die Karte und nahm seinen leeren Teller. Sie wandte sich zum Gehen, zögerte und drehte sich noch einmal um. »Ich will Sie nicht nerven, aber sind Sie nicht der Mann, der der Polizei geholfen hat?«

Winter nickte. So wie er aussah, hatte Leugnen keinen Zweck. Die Ausrede mit den eineiigen Zwillingen würde wohl kaum ziehen, die mit dem Doppelgänger noch weniger.

»Ich bin so froh, dass man ihn geschnappt hat. Und Sie sind ein echter Held, das sagen alle.«

»Nein, wirklich nicht.«

»Das sagen Sie aber nur aus Bescheidenheit. Es heißt, ohne Sie hätte man ihn nicht gefasst.«

Winter schwieg. In solchen Momenten fühlte er sich unbehaglich. Genau deshalb mied er das Rampenlicht, wo immer es ging. Am besten fiel man möglichst wenig auf. Leider klappte das nicht immer. Der letzte Fall war schlimm gewesen. Fälle mit Kindern waren das immer. Das einzig Positive war, dass Joseph Atkins jetzt im Gefängnis saß und nicht noch mehr Familien Leid zufügen konnte.

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Von Anfang an war klar gewesen, dass es sich bei dem Mörder um einen Vater handelte. Es war die einzige Gewissheit gewesen, von der sie ausgehen konnten. Die Vorgehensweise des Täters legte nahe, dass er seine eigene Tochter verloren hatte, dass er sie nicht hatte retten können. Wie sich herausstellte, war Atkins‘ Tochter vergangene Weihnachten an Leukämie gestorben. Ein Schicksalsschlag, wie das Leben ihn manchmal austeilt. Nur dass Atkins es nicht so gesehen hatte. Er war doch der Vater des Mädchens, seine Aufgabe war es, sie zu beschützen, und das hatte er nicht getan. Indem er die anderen Eltern tötete, rettete er ihre Töchter. So falsch diese Logik in jeder Beziehung war, ihm hatte sie eingeleuchtet. Und das war für einen Serienmörder leider das Ausschlaggebende.

Ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Tochter war Atkins‘ Ehe in die Brüche gegangen. Sie hatte der Belastung durch die Trauer und Verzweiflung nicht standgehalten. Kurz darauf hatte er seine Arbeit verloren. Und das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Atkins war schon zuvor labil gewesen, aber das warf ihn vollends aus der Bahn. Von da an hatte er nur noch Gelegenheitsjobs, ein paar Wochen hier und ein paar Wochen dort, gerade genug, dass er die Miete seiner kleinen Wohnung zahlen und etwas zu essen kaufen konnte.

»Ich kann nicht glauben, dass dieser Typ als Kaufhaus-Weihnachtsmann gearbeitet hat«, sagte Lucy gerade. »Das ist einfach zu gruselig. Und dass er kaputte Spielsachen schön eingepackt neben die Betten der Kinder gelegt hat – das ist doch wie im Horrorfilm. Gott allein weiß, wie viele Menschen er noch umgebracht hätte, wenn man ihn nicht geschnappt hätte. Wenn man so was hört, will man einfach nur hingehen und seine Lieben ganz fest drücken, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Winter wusste es genau. Atkins hatte bis zu seiner Festnahme drei Familien zerstört. Drei Mütter und drei Väter waren tot. Der morgige Weihnachtstag würde für zwei kleine Mädchen der traurigste Tag des Jahres sein, obwohl er doch eigentlich der glücklichste sein sollte. Doch so furchtbar das war, noch viel furchtbarer war der Gedanke an das dritte Mädchen. Sie war aufgewacht und hatte Atkins gesehen, und er war in Panik geraten und hatte sie erwürgt. Dabei hatte sie gar nicht sterben sollen.

»Wissen Sie, ich muss immer wieder an das Video denken, das in den Nachrichten gezeigt wurde«, sagte Lucy. »Das von dem kleinen Mädchen im Prinzessinnenkleid, wie es tanzt und singt.«

Winter wusste, wovon sie sprach. Er kannte das Video in- und auswendig. Er hatte lange mit sich gerungen, ob er es verwenden sollte, aber nur damit hatten sie zu dem Mörder vordringen können. Sie hatten ihn irgendwie erreichen, ihn daran erinnern müssen, was es hieß, Vater zu sein. Also hatte Winter der Polizei geraten, das Video den Nachrichtensendern zur Verfügung zu stellen. Von dort war es ins Internet gelangt und hatte sich in Windeseile auf Facebook, YouTube und Twitter ausgebreitet. Ein paar Tage lang war es in aller Munde.

Der Plan hatte besser funktioniert, als Winter zu hoffen gewagt hatte. Zwei Tage später hatte ein kleines Mädchen in einem blauen Prinzessinnenkleid Atkins erzählt, was sie sich zu Weihnachten wünschte. Sie kam bis zu einem neuen Fahrrad, da brach er in Tränen aus. Auf die Frage seines Chefs, was denn los sei, gestand er die Morde. Als die Polizei gekommen war, hatte er bewegungslos im Büro des Managers gesessen. Er hatte immer noch das Weihnachtsmannkostüm angehabt.

»Meine Enkelin ist nämlich genauso alt wie das Mädchen in dem Video. Und sie singt und tanzt auch so gern.« Lucy versagte die Stimme, Tränen waren ihr in die Augen getreten. »Entschuldigung, aber mir geht das so nah. Es hat mir das Herz gebrochen, dieses kleine Mädchen tanzen zu sehen. Sie sah so glücklich aus. Und als sie erst anfing zu singen! Ich konnte nur noch denken, dass das meine Shona gewesen sein könnte.«

»Ava«, sagte Winter leise. »Das Mädchen in dem Video hieß Ava.«

 

Deutsch von Wolfram Ströle

dtv

© 2015 James Carol

© 2015 der deutschen Übersetzung: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

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2 Kommentare zu “James Carol: ›Silent Night‹

  • 2. Dezember 2015 um 17:54
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    Ich freue mich auf Morgen. Da geht es weiter. Läßt sich super lesen. Aber heute keine Frage? :-(

    Antwort
  • 2. Dezember 2015 um 13:10
    Permalink

    Muss ich unbedingt lesen

    Antwort

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