James Carol: ›Silent Night‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten!

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Eine Jefferson-Winter-Geschichte:

Das kleine Mädchen rannte kichernd zwischen den Restauranttischen hindurch, der seidige Stoff ihres blauen Prinzessinnenkleides schimmerte im hellen Licht. Ihre langen, blonden Haare waren zu einem festen Zopf geflochten, der hinter ihr durch die Luft flog, als sie sich im Kreis drehte. Jefferson Winter sah zu, wie sie um die Kellnerin herum und in Richtung Toiletten hüpfte. Sie sah so glücklich aus. Und warum auch nicht? So kurz vor Weihnachten war es das gottgegebene Recht eines jeden Kindes auf dieser Erde, glücklich zu sein.

Der Restaurantbesitzer hatte keine halben Sachen gemacht, was die Weihnachtsdekoration anging. Der Baum war so hoch, dass der Stern an der Spitze die Decke streifte, und der Raum war mit bestimmt ein paar hundert Metern Glitzergirlanden dekoriert. Im Hintergrund spielten Weihnachtsklassiker, die alten Schwarzweiß-Songs, nicht die neuen Hits in Farbe. Gerade erklang Judy Garlands Version von Have Yourself A Merry Little Christmas. Winters Mutter hatte dieses Lied besonders gemocht. Er schloss die Augen und sah sie am Klavier sitzen, wie sie sich im Takt der Musik wiegte. Ihre Stimme war genauso schön gewesen wie die von Judy Garland, nein, schöner noch.

Alle anderen Tische waren ausnahmslos mit Familien besetzt, die beschlossen hatten, dass es weniger anstrengend war, auswärts zu essen. Was absolut nachvollziehbar war. Morgen war der große Tag. Die Kinder würden in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett springen und den ganzen Tag völlig aufgedreht sein, bis sie abends total erledigt umfielen. Warum sich also den Abend zuvor nicht möglichst stressfrei gestalten, ohne Kochen, ohne Abspülen? Ein Konzept, das Winter vollkommen einleuchtete, nicht nur, wenn es um den Weihnachtsabend ging. Er hielt sich auch an den anderen dreihundertvierundsechzig Tagen des Jahres daran.

Er aß als Einziger allein. Obwohl das Restaurant ausgebucht war, hatte man noch einen zusätzlichen Zweiertisch für ihn zwischen die anderen Tische gezwängt. Er saß etwas näher an den Toiletten, als ihm lieb war, aber damit konnte er leben. Bestellt hatte er nach einigem Überlegen die Spaghetti Carbonara. Sie waren hervorragend. Nicht die besten, die er je gegessen hatte, aber auch keinesfalls die schlechtesten. Wer wissen will, was ein italienisches Restaurant taugt, sollte die Spaghetti Carbonara versuchen. Gute Spaghetti Carbonara sind gar nicht so leicht zu machen. Gelegentlich hatten ihn flüchtige Blicke gestreift, neugierige Blicke. Ein Mann, der aussah wie er und allein aß, musste immer mit hochgezogenen Augenbrauen rechnen. Dass sein Gesicht vor Kurzem in sämtlichen Nachrichten zu sehen gewesen war, tat ein Übriges.

Das Mädchen in dem Prinzessinnenkleid kam zu seinem Tisch getanzt und blieb vor ihm stehen. Einen Moment lang musterte sie ihn nur. Ihre Augen waren von einem unwirklichen Blau.

»Hi«, sagte sie.

»Hi.«

»Ich heiße Ava und ich bin sechs. Ich hab im Oktober Geburtstag.«

»Ich heiße Jefferson und bin schon ganz schön alt. Und ich habe im Mai Geburtstag.«

Ava kicherte und kletterte auf den leeren Stuhl. »Meine Mama sagt, ich soll nicht mit Fremden sprechen. Ich soll auch nicht stehlen und mit Streichhölzern spielen, und wenn ich über die Straße gehe, soll ich zuerst nach links und rechts schauen.«

»Deine Mama ist eine sehr kluge Frau.«

»Warum bist du so traurig?«

»Ich bin nicht traurig.«

»Du siehst aber traurig aus. Wo ist deine Familie?«

»Ich habe keine.«

Ava nickte, als sei damit alles klar. »Also bist du deshalb traurig.« Sie machte eine Pause. »Wenn ich groß bin, werde ich Erfinderin.«

»Klingt interessant. Was willst du erfinden?«

»Eine Zeitmaschine. Ich will in die Vergangenheit reisen, zu den Dinosauriern und den alten Ägyptern. In der Schule haben wir schon die Pyramiden gehabt.«

»Da bin ich ja gespannt. Deine Zeitmaschine wird bestimmt toll.«

»Wenn du willst, kannst du mit in die Vergangenheit reisen. Wir könnten uns zusammen einen T-Rex ansehen.«

»Das würde ich sehr gern tun.«

»Was bist du denn von Beruf?«, fragte sie.

»Ich löse Rätsel für die Polizei.«

Ava runzelte die Stirn. »Von so was hab ich noch nie gehört. Das ist ja gar kein richtiger Beruf.«

»Doch, natürlich.«

»Glaube ich nicht.«

Winter lachte. »Doch, ich versichere dir, es ist ein echter Beruf.«

»Kannst du das beweisen?«

Winter schwieg einen Moment. Gerade hatte White Christmas angefangen, die Version von Louis Armstrong, nicht die von Bing Crosby. Das Tempo war ein wenig schneller, die Interpretation sehr viel cooler.

»Na gut“, sagte er schließlich. »Ich gebe dir ein paar Informationen zu dem Rätsel, an dem ich gerade arbeite, und du überlegst, ob du mir helfen kannst, es zu lösen, okay?«

»Gut.« Ava stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf die verschränkten Hände. Winter konnte sich in diesem Augenblick vorstellen, wie sie als Teenager aussehen würde.

»Bereit?«

Ava nickte.

»Also, die Person, nach der ich suche, kennt alle Menschen der Welt, jeden einzelnen. Sie weiß, wo sie leben, auch wenn jemand gerade umgezogen ist. Und sie weiß, wie man in ihre Häuser reinkommt, sogar ins Weiße Haus. Selbst wenn alle Türen und Fenster abgeschlossen sind, kommt sie trotzdem rein. Was aber wirklich interessant ist: Wenn sie drin ist, klaut sie nichts. Stattdessen legt sie ein Päckchen hin und verschwindet wieder spurlos.« Winter lehnte sich zurück. »Also, wer ist diese geheimnisvolle Person?«

Ava runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.«

»Okay, dann hör dir das an. Die Person trägt nur Rot. Sie reist durch die ganze Welt, aber sie hat kein Auto, kein Flugzeug und auch keine Zeitmaschine. Dafür hat sie einen weißen Bart und viele zahme Rentiere.«

Ava lachte. »Der Weihnachtsmann! Du meinst den Weihnachtsmann! Ich wusste ja, dass du dir das mit dem Rätsellösen bloß ausgedacht hast. Es gibt keinen Beruf, wo man Polizei-Rätsel löst.«

»Okay, ich geb’s zu. Du hast mich drangekriegt.«

Ava strahlte und begann unvermittelt ein Lied zu singen, in dem ein Schneemann gebaut wurde. Sie kam bis zum Ende der ersten Strophe, dann verstummte sie so plötzlich, wie sie angefangen hatte, und sah Winter schüchtern an.

»Du kannst schön singen«, sagte er.

»Meine Mama sagt, ich kann später mal eine berühmte Sängerin werden. Sie sagt, ich kann alles werden, was ich will.«

»Wie gesagt, deine Mama ist wirklich eine sehr kluge Frau.«

»Ich muss jetzt gehen.“ Ava machte eine Pause und sah ihn unverwandt mit ihren blauen Augen an. Die Augen waren rund wie Silbermünzen und so klar wie Eis. »Ich wünschte, ich könnte etwas machen, dass du nicht mehr traurig bist.«

Obwohl Winter nicht nach Lächeln zumute war, versuchte er es. »So besser?«

»Nein. Jetzt siehst du aus wie ein Clown. Die lächeln bloß außen, aber innen können sie nicht lächeln.«

»Für eine Sechsjährige bist du viel zu scharfsichtig.«

»Was bedeutet scharfsichtig?«

»Es bedeutet, dass du Dinge siehst, die die meisten Menschen nicht bemerken.«

»Mama sagt, ich kann gut Sachen finden. Sie verliert immer ihre Schlüssel.«

»Ich hoffe, dass du zu Weihnachten alles bekommst, was du dir wünschst. Und noch mehr.«

Ava überlegte. »Ich war wirklich brav. Dann kommt der Weihnachtsmann ganz bestimmt.«

Darauf gab es nichts zu sagen. Sie entfernte sich hüpfend von seinem Tisch und er sah ihr nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwand.

 

Fortsetzung folgt.

 

Deutsch von Wolfram Ströle

dtv

© 2015 James Carol

© 2015 der deutschen Übersetzung: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

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Ein Kommentar zu “James Carol: ›Silent Night‹

  • 1. Dezember 2015 um 23:01
    Permalink

    Wünsche eine besinnliche Adventszeit.

    Antwort

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