Kevin Brooks: ›Ein ganz normaler Tag‹

Jeden Tag eine neue Geschichte. Unsere Autoren wünschen frohe Weihnachten

Brooks mag

Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn

Anfang der 1980er Jahre lebte ich mit einer Freundin (nennen wir sie A) in einem Haus in London. Wir wohnten dort mit A’s älterer Schwester, deren kleiner Tochter und irgendwelchen ständig wechselnden Untermietern, die entweder Gelegenheitsdiebe und/oder Drogendealer waren oder sich hart an der Grenze zum Psychopathen bewegten. Wir hatten einen Hund, einen Collie, der Floyd hieß, und A’s Schwester hatte noch eine Katze, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere. Woran ich mich auch nicht erinnere, ist das genaue Jahr, in dem die Geschichte passierte – die frühen ‘80er sind für mich ein bisschen verschwommen –, doch ich bin ziemlich sicher, dass es 1981 oder ‘82, eventuell auch ’83 gewesen sein muss.

Egal, welches Jahr, es war auf jeden Fall Weihnachten.

A und ich hatten uns kurz zuvor getrennt – oder genauer gesagt, sie hatte mich für einen andern verlassen – und sie plante, nach Weihnachten auszuziehen. Aus mir unerfindlichen Gründen mussten wir bis dahin wohl oder übel zusammen in dem Haus leben, was gelinde gesagt eine ziemlich unangenehme Situation war. Wir erklärten uns zwar gegenseitig, dass wir erwachsen genug seien, um damit zurechtzukommen, und vielleicht stimmte das ja für A, für mich aber eindeutig nicht. Auf kindische Weise hasste ich jede Minute dieser Zeit. Das heißt, als A mir sagte, sie werde über Weihnachten mit ihrer Schwester und ihrer Nichte zu ihren Eltern nach Devon fahren, empfand ich das als eine große Erleichterung.

Der Untermieter, der zu der Zeit bei uns wohnte (ein Typ namens T, der in Häuser einbrach), wollte auch ein paar Tage weg, und nachdem ich selbst nicht die Absicht hatte, irgendwo hinzufahren – Wozu? Ist doch ein ganz normaler Tag –, schien es ganz so, als würde ich Weihnachten allein in dem Haus verbringen. Die Aussicht schreckte mich kein bisschen. Ich war schon immer gern für mich allein und freute mich geradezu auf ein bisschen angenehme Einsamkeit ohne Hassgefühle.

Der einzige Nachteil an dem Ganzen war nur, dass A Floyd mit nach Devon nehmen wollte. Ihr Argument lautete, dass sie ihn, wenn sie auszog, nie wiedersehen werde, und sie deshalb noch einmal ein bisschen Zeit mit ihm allein verbringen wolle, bevor sie sich endgültig trennten. Mir gefiel die Idee überhaupt nicht – er war immer viel mehr mein Hund gewesen als ihrer, und es war doch nicht meine Schuld (oder seine), dass sie ihn nicht wiedersehen würde, außerdem wusste ich genau: Über die Weihnachtstage war sie so viel unterwegs, um sich zu amüsieren, dass sie ohnehin nicht viel Zeit mit ihm verbringen konnte – doch sie beharrte weiter darauf, und ich hatte noch nie gut für meine eigenen Interessen einstehen können, also gab ich am Ende widerwillig nach.

Auch erklärte ich mich (ebenfalls widerwillig) bereit, die Katze ihrer Schwester zu hüten, während sie weg waren. In diesem Fall rührte mein Widerwille daher, dass ich die Katze einfach nicht mochte und sie mich genauso wenig. Keine Ahnung, wieso wir nicht miteinander klarkamen – soweit ich wusste, hatte ich ihr nie etwas getan und auch die Katze hatte mir nie einen offensichtlichen Anlass gegeben, sie nicht zu mögen – es war einfach so. Wir mochten uns nicht und damit basta.

Dann also der Weihnachtstag …

An das Meiste erinnere ich mich nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es im Haus keinen Tannenbaum gab und auch keine Weihnachtsdekoration, genauso wenig wie irgendwas Festessenmäßiges. Keiner von uns besaß viel Geld – ich schon gar nicht – und das Wenige, das wir hatten, hätten wir garantiert nicht für Weihnachtsdeko vertan. Es waren sicher ein paar Grundnahrungsmittel im Haus – Brot, Käse, Suppe –, aber nichts Besonderes, nichts Weihnachtliches. Zu trinken gab es dagegen reichlich durch T den Einbrecher, der kürzlich von irgendwo eine Kiste sehr guten Cognac herbeigeschafft hatte. (Er war ein Einbrecher mit moralischem Gewissen, der nur in die Häuser reicher Leute einbrach.)

»Bedient euch«, hatte er gesagt, als er die Kiste in der Küche abstellte.

Und wir hatten uns bedient und den erlesenen Cognac selig in uns reinlaufen lassen, als wenn es billiger Apfelwein wäre. Das meiste war inzwischen weg, doch ein paar Flaschen waren noch übrig.

So wie den Cognac gab es sicherlich auch Drogen im Haus. Es waren immer welche da. Keine harten, bloß Haschisch und Amphetamine. Keine große Sache, es war einfach so.

Wie gesagt, an das Meiste von dem Tag erinnere ich mich nicht mehr, aber wahrscheinlich stand ich ziemlich spät auf, irgendwann gegen Mittag, und vermutlich aß ich ein bisschen Toast und trank Kaffee. Danach habe ich sicher an meiner Musik gebastelt.

Musik war damals mein Leben. Ich hatte den Plan, ein reicher und berühmter Rockstar zu werden, und dann, so mit vierzig, das Ganze aufzugeben und ein reicher und berühmter Romanschriftsteller zu werden. Den Schriftsteller-Teil schaffte ich schließlich (bis auf das Reich- und Berühmtwerden), doch der Durchbruch als Rockstar war mir nie richtig vergönnt. Was aber nicht am fehlenden Willen lag. Ich habe echt hart dran gearbeitet, alles versucht. Tag und Nacht tat ich nichts anderes als an meinen Songs zu werkeln – sie zu schreiben, zu arrangieren, aufzunehmen –, und wenn ich nicht physisch an ihnen arbeitete, dachte ich doch zumindest über sie nach.

Der Weihnachtstag dürfte da keinen Unterschied gemacht haben. Ich werde dort weitergemacht haben, wo ich die Nacht zuvor aufgehört hatte, und sobald es gut lief – und ich mich über Cognac und Speed hermachte, damit es weiter gut lief –, war ich bestimmt so in meiner Musik versunken, dass der Rest der Welt für mich nicht mehr existierte und ich jedes Zeitgefühl verlor.

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So also muss der größte Teil des Tags und der Nacht ausgesehen haben. Aber ich kann mich natürlich irren. Gut möglich, dass ich den Tag über irgendwas völlig anderes tat, doch das bezweifle ich.

Und es ist ohnehin nicht weiter wichtig.

Was aber wichtig ist – und daran erinnere ich mich ganz genau: Irgendwann merkte ich, wie sehr ich meinen Hund vermisste. Ohne andere Menschen zu sein, war für mich völlig okay, aber Floyds Abwesenheit machte mir wesentlich stärker zu schaffen, als ich erwartet hatte. Ich vermisste ihn sehr und je später es wurde, desto stärker vermisste ich ihn. Und je mehr ich Floyd vermisste, desto wütender und verbitterter wurde ich A gegenüber, weil sie ihn mir genommen hatte und in meinem Innern solch ein schreckliches Selbstmitleid auslöste.

Ich versuchte mich auf die einzige Weise aus meinem Loch zu ziehen, die ich zu der Zeit kannte: indem ich mehr trank und mehr Drogen nahm – doch es half nicht. Und das Problem mit dem Trinken und Drogennehmen, damit es dir besser geht, ist, dass du nicht mehr vernünftig denken kannst. Anstatt zu kapieren, dass die Drogen dir nicht helfen, dich besser zu fühlen, glaubst du, du fühlst dich nicht besser, weil du nicht genug nimmst. Also nimmst du mehr, aber auch das hilft nicht, deshalb nimmst du noch mehr und noch mehr … und immer so weiter und so weiter …

Bis du irgendwann als Zombie endest – hirntot, kaum fähig, dich zu bewegen, ein erbärmlich schlurfendes Wrack. Und du vermisst deinen Hund immer noch durch und durch. Und du fühlst dich noch elender, dein Selbstmitleid ist noch größer als vorher.

Ich weiß nicht, wie spät es war, als ich endlich beschloss, den Tag zu vergessen und mich ins Bett zu legen, doch es muss ziemlich spät gewesen sein. Vielleicht zwei oder drei Uhr morgens, so um den Dreh.

Inzwischen war ich fix und fertig.

Ich war total erschöpft, völlig weggetreten und absolut durch mit der Welt.

Ich zog meine Sachen aus und legte mich hin.

Ich war (physisch und geistig) vom Trinken und von den Drogen derart benommen, dass ich eine Weile brauchte, ehe ich merkte, irgendwas stimmte nicht. Ich spürte etwas auf meinem Bein … etwas im Bett, unter der Decke … etwas Kaltes, Nasses, Klebriges …

Und Stinkendes.

Als ich die Bettdecke anhob und nach unten fasste, um nach dem zu tasten, was da auf meinem Bein war, traf mich auf einmal der üble Gestank. Er war so schlimm, dass ich mir die Hand über Nase und Mund halten musste, doch selbst dann musste ich weiter würgen. Und auf einmal wusste ich es, noch ehe ich meine andere Hand unter der Decke hervorzog und das eklige braune Zeug an meinen Fingern sah: Ich wusste genau, was es war, ich spürte es auf der nackten Haut an der Hüfte, am Schenkel, am Hintern, am Rücken …

Es war Katzenscheiße.

Die elende Katze hatte in mein Bett gemacht.

Das gemeine Vieh war unter die Decke gekrochen – unter die Decke – und hatte in mein verdammtes Bett gekackt.

Ich schleuderte die Decke von mir und schob mich in Panik aus dem Bett, und da sah ich es, überall hingeschmiert, überall verteilt – auf dem Laken, auf der Decke, auf meinem ganzen Körper. Eine widerliche braune stinkende Masse.
Ich suchte nach der Katze – stampfte in mörderischer Wut durch das Haus, fluchte wie von Sinnen und krachte betrunken gegen irgendwelche Sachen –, doch ich konnte sie einfach nicht finden. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich sie irgendwo entdeckt hätte – hätte ich sie angeschrien, getreten, umgebracht? –, und ich weiß auch nicht, wie lange ich nach ihr suchte. Ich weiß nur noch, dass sich meine Wut nach einer Weile langsam legte und ich anfing zu begreifen, dass 1) wie ein Irrer durchs Haus zu stürzen, während ich überall Katzenscheiße am Körper hatte, keine sehr gute Idee war, weil ich nur überall Fetzen von Scheiße verteilte und das Ganze irgendwann wieder wegmachen musste. Und 2) war ich noch nackt (ich konnte nichts anziehen, ehe ich mich nicht gewaschen hatte) und fror mich zu Tode. Es war mitten im Winter, frühmorgens, und wir hatten keine Zentralheizung. Das Haus war wie ein Kühlschrank. Und mir war nicht bloß eisig bis in die Knochen, ich war auch noch immer voll Scheiße.

Im Haus gab es keine Dusche, deshalb musste ich baden, um den ganzen Dreck abzuwaschen, aber unglücklicherweise gab es auch kein heißes Wasser. Also musste ich mich im eiskalten Scheißwasser einweichen und sauber schrubben. Und als das Wasser zu eklig wurde, musste ich es ablaufen lassen, die Badewanne wieder füllen und mich von neuem abschrubben …

Schließlich, nach wer weiß wie langer Zeit, fühlte ich mich endlich sauber genug, um mich anzuziehen. Ich zog so viele Sachen an, wie ich nur konnte, um warm zu werden – zwei Pullover, zwei Paar Socken, Mantel, Handschuhe, Wollmütze – und rollte mich unten auf dem Sofa zusammen, wo ich in einen betrunkenen Schlaf sank.

Und das war’s.

Ein ganz normaler Tag, vorbei.

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